Das Wandergebiet oberhalb von Ramosch im Unterengadin bekam 2011 die Auszeichnung Landschaft des Jahres. Die Grenzregion zwischen Scuol und Nauders mit seinem besonders sonnigen Klima ist ein wahres Paradies auf Erden. Hier wirkte im 7. Jahrhundert der aus Matsch im Südtiroler Vinschgau stammende Heilige Florinus. Er gehört neben dem Hl. Fintan, Mönch vom Kloster Rheinau, und dem St. Galler Klostergründer Abt Otmar zu den drei Schweizer Heiligen, deren Gedenktage wir am 15., 16. und 17. November feiern.

Nach der Vita S. Florini stammte Florinus‘ Vater aus dem Prättigau und hatte sich nach einer Romwallfahrt im Vinschgau niedergelassen. Von dort wurde Florinus bereits in jungen Jahren nach Ramosch zur Ausbildung beim Presbyter Alexander geschickt, dessen Nachfolger er bald wurde. Die Legende erzählt, Florinus habe einst seinem Onkel Alexander Wein für das Mittagessen bringen sollen. Unterwegs sei er jedoch einer Frau begegnet, die ihn gebeten habe, ihr den Wein zur Stärkung ihres kranken Gatten zu schenken. F

lorinus, der ein Herz für die Armen hatte, verschenkte den Wein. Da nun aber nichts mehr für den Onkel übrig blieb, fasste er Wasser am Brunnen. Die Schlosswache erzählte Alexander von der Sache, und dieser setzte sich zunächst zornig zu Tisch. Wie verwundert war er aber, als er feststellte, dass nicht Wasser, sondern Wein in seinem Becher war. Alexander erkannte darin das Wirken Gottes an seinem Neffen Florinus.

Jenseits der konfessionellen Streitigkeiten, die es im 16. Jahrhundert um den Leichnam des Heiligen gab, darf Florinus heute als eine Art ökumenischer Heiliger angesehen werden: Zwar ist die ehemalige Wallfahrtskirche von Ramosch heute reformiert, dennoch sind zahlreiche vorreformatorische Kunstwerke in ihr erhalten. Ausserdem ist die Achtung nicht nur vor dem Heiligen Florinus, sondern vor katholischen Traditionen überhaupt im mehrheitlich reformierten Dorf Ramosch besonders gross. Der Name Florinus, der bis heute nicht nur im Engadin, sondern im Kanton Graubünden und der ganzen Deutschschweiz verbreitet ist (Flurin, Flurina), bedeutet übersetzt der ‹Blühende›. Das passt zum Leben dieses Schweizer Heiligen, in dem die Diakonie, die Fürsorge für die Armen, eine besondere Rolle spielte.

Ich meine, dass der Heilige Florinus in Corona-Zeiten auch eine ökumenische Aktualität hat: In der aktuellen Pandemie sehen viele katholische Pfarreien und reformierte Kirchgemeinden, wie wichtig neben der Liturgie auch Diakonie und Caritas als Prüfsteine christlicher Glaubwürdigkeit sind. Da Gottesdienste momentan nur eingeschränkt möglich sind, kann und soll sich gelebtes Christsein auch im Einkaufsservice, in der Nachbarschaftshilfe, in der Gassenarbeit und in Spendenaktionen zeigen. Jenseits aller theologischer Streitigkeiten lässt Corona die Kirchen auf diese Weise enger zusammenrücken. Wenn sie nicht zuerst über sinkende Kirchensteuer-Einnahmen jammern, sondern Diakonie und Solidarität als Visitenkarten des Christentums stärken, dann kann auch die Ökumene neu «aufblühen». Das wird dem Heiligen Florinus mit Sicherheit gefallen.