Ein Glaubensimpuls von Franziska Driessen-Reding

Mitten in Abu Dhabi las Papst Franziskus Anfang Februar die Heilige Messe. In brütender Hitze feierten über 130 000 Menschen mit. Dass in den Emiraten rund eine Million Katholiken teils unter widrigen Umständen leben, war uns bekannt. Viel zu wenig Beachtung fand meines Erachtens die gemeinsam mit dem Grossimam der al-Azhar-Moschee, Ahmad Mohammad Al-Tayyeb, unterzeichnete Erklärung zur Geschwisterlichkeit aller Menschen. Darin wird zuerst an die Grundlagen erinnert: dass wir Menschen alle im Namen Gottes geschaffen wurden, mit gleichen Rechten, Pflichten, mit gleicher Würde, dass wir berufen wurden, als Brüder und Schwestern miteinander zusammenzuleben, die Erde zu bevölkern und auf ihr die Werte des Guten, der Liebe und des Friedens zu verbreiten.

Danach richteten die beiden Religionsführer das Wort in verschiedenen Abschnitten an uns alle: «Wir rufen die Intellektuellen, die Philosophen, die Vertreter der Religionen, die Künstler, die Medienleute und die Kulturschaffenden in der ganzen Welt auf, die Werte des Friedens, der Gerechtigkeit, des Guten, der Schönheit, der menschlichen Brüderlichkeit und des gemeinsamen Zusammenlebens wiederzuentdecken, um die Bedeutung dieser Werte als Rettungsanker für alle deutlich zu machen und sie möglichst überall zu verbreiten.» So kommt mein heutiger Glaubensimpuls aus diesem Dokument. Dieses taugt nicht für ein nur einmaliges Durchlesen. Ich muss es vertiefen, mit meiner Familie diskutieren.

Solche Aussagen konkret im Alltag umzusetzen, ist nicht so einfach. Vielleicht, weil ich in meiner kleinen Welt keine Chance sehe, die grosse Welt zu verändern? Oder weil konkrete Schritte in der Umsetzung so mühsam sein können? Manchmal aber gelingt es, in dieser kleinen Welt doch etwas zu bewirken. Und daran halte ich mich fest. Einen weiteren Abschnitt will ich Ihnen nicht vorenthalten: «Die Geschichte macht deutlich, dass religiöser wie nationaler Extremismus und Intoleranz in der Welt, sowohl im Westen als auch im Osten, etwas hervorgerufen haben, was man als Anzeichen eines ‹stückweisen Dritten Weltkriegs› bezeichnen könnte, Anzeichen, die in verschiedenen Teilen der Welt und unter verschiedenen tragischen Bedingungen bereits ihr grausames Gesicht gezeigt haben; Situationen, von denen nicht genau bekannt ist, wie viele Opfer, Witwen und Waisen sie hervorgebracht haben.»

Unsere heutige Situation als Anzeichen eines stückweisen Dritten Weltkriegs zu deuten, liegt mir fern. Und doch konfrontieren uns die beiden Menschen mit dieser Aussage. Höchste Zeit also, dass sich etwas dreht!

Franziska Driessen-Reding ist Präsidentin des Synodalrates der römisch-katholischen Kirche im Kanton Zürich.