Wer an Fussball denkt, denkt an Männer – und denkt dabei zu kurz. Fussballerinnen, weibliche Fans, Trainerinnen und viel mehr haben längst ihren Platz in der Fussballwelt und prägen sie wesentlich mit.

von Christine Schnapp

Es gibt Fussball und es gibt Frauenfussball. Und es gibt Fussballfans und weibliche Fussballfans. Die laufende europäische Wanderausstellung «Fan.Tastic.Female», die auch in der Schweiz Stationen gemacht hat, unterstreicht diese Zweiteilung mit ihrer Ausstellung, die weibliche Fussballfans in den Mittelpunkt rückt. Trotzdem ist «Fan.Tastic.Female» wichtig, um sichtbar zu machen, was längst Realität ist, nämlich dass es Frauen gibt, die Fussball mögen, und dass sie in zunehmender Zahl auf allen Ebenen des internationalen Fussballbetriebs mitmischen. Insbesondere unter den Fans sind Frauen schon längst keine Minderheit mehr. In Deutschland sind knapp 30 Prozent der Stadionbesucher weiblich, und wenn die Nationalmannschaft spielt, sind es sogar 40 Prozent. Für die Schweiz gibt es keine entsprechenden Zahlen. Klar ist aber, dass der Frauenanteil unter dem Fernsehpublikum – insbesondere bei den Public Viewings – in den vergangenen Jahrzehnten sehr gewachsen ist, hauptsächlich wenn die Nationalmannschaft spielt. Damit sind Frauen zu einem veritablen Wirtschaftsfaktor geworden – für die Umsätze in den Stadien und für die Fanausrüster. Tatsächlich hat die offizielle Geschichte weiblicher Fussballfans genauso begonnen: Frauen als Konsumentinnen. Ende des 19. Jahrhunderts beklagte der englische Fussball viele leere Ränge in den Stadien. Die Clubs begannen deshalb, mit Gratiseintritten um Frauen zu werben, um die Stadien mehr zu füllen. Die Tradition der unentgeltlichen Eintritte für Frauen hält sich bis heute an einigen Orten auf der Welt. Richtige weibliche Fussballfans lehnen dies aber ab, sie wollen nicht anders behandelt werden als die Männer.

Frauen in Fussballstadien zu locken, war jedoch nicht nur eine Massnahme der Clubs, um die Lücken auf den Zuschauerrängen zu schliessen. Im 20. Jahrhundert kam die Idee auf, dass mehr Frauen bei den Spielen auch Garantien für friedlicheren und sichereren Fussball bedeuten könnten. Ob diese Rechnung aufgegangen ist und noch aufgeht, ist nicht klar. Mag für einige männliche Fans gelten, dass Frauen der gegnerischen Fangruppe nicht angegriffen werden, so gibt es andere, für die Frauen im Fussball noch immer eine Provokation sind. Viele weibliche Fans haben deshalb schon üble Erfahrungen mit Sexismus und Rassismus durch männliche Fans bei Fussballspielen gemacht.

Kleinere Bälle, weniger Lohn
Nicht nur als Zuschauerinnen, sondern auch als Spielerinnen, Funktionärinnen, Schiedsrichterinnen und Trainerinnen müssen Frauen noch heute um ihre Anerkennung kämpfen. UEFA-Frauenfussball gibt es offiziell erst seit 1971, als die UEFA-Länder erste Frauenmannschaften erlaubten. Gespielt wurde mit Einschränkungen und Sonderregeln. So kickten die Damen mit kleineren Bällen als die Männer, ihre Spiele waren kürzer und Meisterschaften gab es zu Beginn nicht. Die Opposition war indes gross, sodass die Frauen schon bald nach denselben Regeln spielten wie die Männer. Einschränkungen gibt es trotzdem, für Profifrauen sind sie vor allem wirtschaftlicher Natur. So können Frauen, die in Schweizer Clubs spielen – selbst wenn sie der Nationalmannschaft angehören – nicht vom Fussball leben, sondern müssen zusätzlich einem zweiten Beruf nachgehen. Ihren deutschen, US-amerikanischen und kanadischen Kolleginnen geht es diesbezüglich etwas besser, und auch in weiteren Ländern werden Fussballerinnen höher dotiert. Im Vergleich zu den Summen, die Männer verdienen, sind die Löhne der Frauen aber überall auf der Welt Pipifax (Lionel Messi war 2018 mit einem Jahreslohn von 84 Millionen US-Dollar der bestverdienende Fussballer der Welt. Bei den Frauen ist es die US-Amerikanerin Hope Solo mit 2,3 Millionen Franken).

Schwer haben es auch Frauen, die als Moderatorinnen oder Kommentatorinnen in TV und Radio professionell am Fussball teilhaben. Als die ZDF-Reporterin Claudia Neumann 2018 als einzige Frau für den öffentlich-rechtlichen Sender WM-Spiele live kommentierte, explodierten Twitter und Facebook schier ob der Hasskommentare. Neumann sei «wahnsinnig unangenehm» oder ihre Stimme tue «in den Ohren weh» waren dabei noch die harmlosesten Geifereien. Aber auch in Ländern, die keine offizielle rechtliche Gleichstellung kennen, haben Frauen nach Meinung der Männer im Fussball nichts zu suchen. Bibiane Steinhaus ist die erste deutsche Schiedsrichterin, die auch in der 1. Bundesliga pfeifen darf. Als sie im Februar dieses Jahres ein Spiel des FC Bayern gegen FC Augsburg leitete, sagte das iranische TV die Übertragung ab – obwohl es sonst regelmässig Bundesligaspiele zeigt –, weil im iranischen TV keine Frauen in kurzen Hosen gezeigt werden dürfen. Ganz verboten für Frauen ist im Iran auch der Besuch im Fussballstadion, wohingegen Saudi-Arabien das Verbot 2018 aufgehoben hat. Dort dürfen Frauen auf reinen Frauentribünen mittlerweile den Spielen folgen.

Live auf der Leinwand
Ausgerechnet im Iran gibt es jedoch trotz Repressionen sehr viele weibliche Fans. Eine davon ist Zahra, die sich in der OpenStadium-Initiative engagiert. Damit haben sie und ihre Mitstreiterinnen immerhin erreicht, dass iranische Frauen Fussballspiele in einem abgetrennten Teil des Azadi-Stadions in Teheran auf Leinwänden live verfolgen dürfen. Die Ladies Curva Sud in Indonesien als weiteres überraschendes Beispiel ist mit 1000 Mitgliedern eine riesige Fangruppe – die Anhängerinnen sind Mitglieder des Vereins PSS Sleman, einem dem grössten Vereine des islamischen Landes – und grösser als viele Fangruppen in Westeuropa.