Er sass an seinem Schreibtisch im Jesuitenkloster zu Paderborn und tat das, was er am liebsten tat: Gedichte schreiben. Seine Ordensbrüder waren sehr froh, dass sie einen Dichter in ihren Reihen hatten, denn seine Kirchenlieder gefielen den Leuten. Viele seiner Lieder stehen bis heute in katholischen und reformierten Kirchengesangbüchern. Doch wer war der Mann, der uns heute noch in den klein gedruckten Fussnoten vieler Advents- und Weihnachtslieder begegnet?

Friedrich Spee von Langenfeld, so sein vollständiger Name, wurde 1591 in einer adligen Familie in Kaiserswerth am Niederrhein, unweit der holländischen Grenze, geboren. Mit 19 Jahren trat er in Trier in den Jesuitenorden ein und wurde 1623 in Mainz zum Priester geweiht. Schon früh unterrichtete er als Moraltheologe in Paderborn und in Speyer. Ein Grossteil seines Lebens fällt in die Zeit des Dreissigjährigen Krieges. So kam es, dass er sich bei der Betreuung und Pflege von verwundeten und pestkranken Soldaten ansteckte und am 7. August 1635 im Alter von nur 44 Jahren starb.

Spees Lieder sind ebenso bekannt wie einfühlsam: «Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein. Das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein.» Es stammt ebenso aus seiner Feder wie «Lasst uns erfreuen herzlich sehr» und «Ihr Freunde Gottes allzugleich». Eines seiner bekanntesten Lieder heisst: «O Heiland, reiss die Himmel auf. Herab, herab, vom Himmel lauf! – Reiss ab vom Himmel Tor und Tür, reiss ab, wo Schloss und Riegel für!» – Ich glaube, es lohnt sich, dass wir beim Singen seiner Advents- und Weihnachtslieder die Entstehungsgeschichte einmal genauer anschauen:

In der vierten Strophe heisst es «Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal.» Das in dieser Strophe zum Ausdruck kommende Verlangen nach einem Heiland und die Sehnsucht nach wirklicher Erlösung erscheint vor dem Hintergrund der Lebensumstände Friedrich Spees in ganz anderem Licht: Seine Epoche war geprägt von Hexenwahn und Ketzerprozessen. In dieser Zeit wollte sich Spee nicht nur mit dem Dichten von Liedern beschäftigen, sondern engagierte sich auch politisch. Als Beichtvater von Frauen, die als Hexen verfolgt wurden, hatte er täglich mit den politischen Wirren seiner Zeit zu kämpfen. In den Zentren der Hexenverfolgung, in Köln, Trier, Mainz, Speyer und Paderborn, hörte er die Beichten von Frauen, die, um dem Tod auf dem Scheiterhaufen zu entgehen, Geständnisse zu Taten ablegten, die sie nie begangen hatten. Bald wurde Spee als «Hexenanwalt» bekannt, weil er sich für die Begnadigung von Frauen einsetzte, die er für unschuldig hielt. 1631 veröffentlichte er seine berühmte Mahnschrift «Cautio Criminalis», mit der das Ende der Hexenprozesse eingeleitet wurde.

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund bekommt Spees romantisch klingende Liedzeile «O Heiland, reiss die Himmel auf» eine ganz andere Färbung: Da erfleht sich einer, der um die Schicksale Tausender zum Tode verurteilter Frauen weiss, Erlösung und Hilfe vom neugeborenen Jesuskind in der Krippe. Den hohen Herren gefiel der Ton von Spees Texten ganz und gar nicht. Aber er hörte auf die Stimme seines Gewissens und rettete so unzähligen Frauen das Leben.