Einmal im Jahr versammeln sich katholische Christinnen und Christen unter freiem Himmel, um Gottesdienst zu feiern, wenn das Wetter es erlaubt. Dann folgt eine Prozession mit der Monstranz. Auf dem Weg sind ein bis vier «Altäre» für Zwischenhalte aufgebaut. Das ist Fronleichnam. Aber warum feiert man am 3. Juni einmal im Jahr auf diese Weise?

von Stephan Leimgruber

Erstkommunionkinder sind häufig dabei, an einigen Orten spielt die Dorfmusik auf und nach dem Gottesdienst trifft man sich zum Apéro – zumindest vor Corona. An Fronleichnam kann der Blick hinausschweifen in die Umgebung und zum Himmel. Da sind nicht bloss die Kirchenmauern und das übliche kirchliche Mobiliar zu sehen, sondern je nach Ort viel Grünes, Wälder und Berge, kleinere und grössere Städte, besondere Bauten und manchmal Seen. Die ganze Umwelt ist im Gottesdienst mit dabei, sodass eine ganz andere Atmosphäre entsteht. Die feiernde Gemeinde ist eingetaucht in die weite Welt. Vögel zwitschern unentwegt. Es kann zu Ablenkungen oder kleinen Zwischenfällen kommen.

Ein erster Grund, weshalb in der freien Natur gefeiert wird, besteht darin, dass christlicher Glaube ein Lob der Schöpfung und des Schöpfers ist. Die Eucharistie wird zu einem Dankeschön für die Natur und Umwelt als Schöpfung Gottes. Nicht wir haben alles erschaffen, sondern alles ist den Menschen als Geschenk zur Verfügung gestellt. Wiesen und Felder, Blumen und Häuser, alles ist da zum Nutzen der Menschen. Sonne, Mond und Sterne, die Wälder und Hügel sind geschenkt. In Psalm 104 heisst es:

«Du lässt die Quellen sprudeln in Bäche … sie tränken die Tiere des Feldes. Darüber wohnen die Vögel des Himmels, aus den Zweigen erklingt ihr Gesang. Du lässt Gras wachsen für das Vieh und Pflanzen für den Ackerbau des Menschen.»

So wird ein Gottesdienst in der freien Natur zu einem Dank für Gottes Schöpfung. Und diese Schöpfung hat ihren Gipfel in der Erschaffung des Menschen gefunden – als Mann und Frau, in Liebe aufeinander hingeordnet. Aus der Sicht des Glaubens ist die Welt nicht bloss Lehm und Stein, Kies und Dreck und der Mensch nicht bloss einer unter vielen anderen, sondern die Welt ist von Gott geschaffen und inspiriert. Und jeder Mensch ist ein originärer Einfall Gottes, dessen Tätigkeit zur Mitwirkung an Gottes Schöpfung wird. Welt und Beziehungen sind uns zur freien Gestaltung in die Verantwortung übertragen.

Ein zweiter Grund für Gottesdienste im Freien besteht in einem Dank an Jesus Christus, der die Welt erneuert und geheiligt hat. In ihm ist der ferne Gott den Menschen nahegekommen, ja er hat mitten unter ihnen gewohnt und ist einer von ihnen geworden. Auf ihn hin ist die ganze Welt geschaffen (Paulus). Jesus Christus ist der Zielpunkt, auf den die Schöpfung ausgerichtet ist. Der französische Philosoph Teilhard de Chardin (1881−1955) hat vom Punkt Omega gesprochen, auf den die ganze Schöpfung ausgerichtet sei. Für Christen ist Jesus der Inbegriff der Offenbarung Gottes. Sein ganzes Lebenswerk und seine Hingabe für die Menschen sind in der Eucharistiefeier präsent. Es gab Zeiten, in denen an Fronleichnam vier Altäre geschmückt wurden. Die Prozession führte zu ihnen und bei jedem wurde der Anfang eines der vier Evangelien vorgetragen. Da alle vier (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) das Leben Jesu erzählen, steht er an den vier Orten im Zentrum, am Eindrücklichsten bei Johannes, der an den Beginn der Genesis erinnert: «Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.» Dieser Beginn wird aufgegriffen im johanneischen Evangelium: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.»

Der dritte Grund, weshalb im Freien gefeiert wird, besteht darin, dass Jesus Christus im Zeichen des geheiligten Brotes in der Monstranz gezeigt und von den Glaubenden verehrt wird. Die Monstranz ist ein Zeigegerät, kostbar und kunstvoll gestaltet, in deren Mitte die Hostie eingefügt wird. Die Glaubenden verneigen sich vor dieser Weise der Gegenwart Gottes im gewandelten Brot. Dieses Brot hat Jesus einst den Jüngern gereicht als Zeichen seiner Hingabe für das Leben der Welt. Missverstanden wäre Fronleichnam, wenn der «lebendige Leib des Herrn» ein Instrument für eine antikonfessionelle Demonstration wäre statt ein Zeugnis des Glaubens dafür, dass den Menschen Brot zum Leben geschenkt wird. Auch reformierte Schwestern und Brüder schätzen das Abendmahl des Herrn hoch ein, selbst wenn sie es nicht genau gleich wie Katholiken verstehen. So wird der Gottesdienst im Freien am Fronleichnamsfest zunächst eine willkommene Abwechslung. Feiern unter freiem Himmel kann zu einem Erlebnis werden: Gottes Gegenwart anrufen, seinen Segen für die Welt erbitten und das Brot des Lebens teilen und geniessen. Die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen mündet ein in die vertiefte Gemeinschaft unter den Menschen. Die Erstkommunionkinder treten wiederum zum Tisch des Herrn und sind seine Gäste.