Costa Rica ist ein kleines Land – und trotzdem einer der grössten Hotspots für Biodiversität weltweit. Hunderte endemische Arten gibt es dort, bekannt ist es auch für seine Vielfalt an Schmetterlingen. Als Botschafter der Biodiversität ihres Landes werden einige Arten in alle Welt exportiert – um in Botanischen Gärten oder Schmetterlingsausstellungen die Menschen durch ihre Farbenpracht und Wandelbarkeit zu faszinieren. Hunderte von Familien im ländlichen Costa Rica leben von der Zucht der Insekten für den Export. Schmetterlinge verleihen einigen von ihnen Flügel.

von Anna Marie Goretzki

Eine gelbkantige Rieseneule sitzt auf Jenny Víquez’ Schulter, breitet die handtellergrossen Flügel aus und fliegt mit kaum hörbarem Rascheln auf ihren Kopf. Die Schmetterlingszüchterin, Mitte 50, und der Tropenfalter scheinen eine besondere Beziehung zu haben. Während Jenny Víquez bedächtig durch ihren Mariposario, ihren Schmetterlingsgarten, läuft, flattert der Falter um sie herum und lässt sich immer wieder auf ihrem Körper nieder. Eine grosse Ruhe geht von der Costa-Ricanerin aus. Seit über zwölf Jahren züchtet die ehemalige Programmiererin Schmetterlinge. Nach einer schweren Erkrankung an der Wirbelsäule, die langes Sitzen im Büro unmöglich machte, hörte sie durch Zufall von der Schmetterlingszucht als Einkommensmöglichkeit. Sie ist dankbar, heute mit und von den Insekten zu leben: «Es bedeutet, im Einklang mit der Natur zu leben, die Umwelt zu schützen. Ohne die Pflanzen, die Natur, fehlt uns etwas. Die Arbeit mit ihnen gibt mir Ruhe, Entspannung.»

Welt voller Geheimnisse
Costa Rica mit seiner grossen Biodiversität und unterschiedlichen klein-klimatischen Zonen ist ein Paradies für Schmetterlinge und ihre Züchter. 15 000 Arten – tag- und nachtaktive – sollen laut dem international renommierten Schmetterlingsforscher Ricardo Murillo in dem mittelamerikanischen Land beheimatet sein. Der Biologe und Entomologe, ein hochgewachsener Mann mit langen Haaren, die er zum Dutt zusammengebunden hat, setzt sich auf einen kleinen Hocker vor einem Holzschrank, dessen Türen mit Fliegendraht bezogen sind. Dutzende Kokons hängen darin. Vorsichtig greift Murillo nach einem erst vor wenigen Minuten geschlüpften Schmetterling. Geradezu zärtlich streichelt er die noch ganz weichen Flügel des Tieres. Erst in den nächsten Stunden versteifen sie und der Malachitfalter wird flugfähig. Hier, im Schmetterlingsgarten der Universität von Costa Rica zwischen hohen Bäumen und Kletterpflanzen, forscht Murillo zu den Schmetterlingen. Ihre Welt ist – auch für ihn – noch immer voller Geheimnisse. Seine Forschungen beschäftigen sich mit den optimalen Aufzuchtbedingungen dieser Spezies.

Auf Grundlage der Erkenntnisse aus seinen Forschungen berät er angehende und bereits etablierte Schmetterlingszüchter zum artgerechten Umgang mit den Insekten. Rund 400 Familien im ganzen Land leben von ihrer Zucht und dem Export. Für viele von ihnen, betont Murillo, sei die Schmetterlingszucht im strukturschwachen ländlichen Costa Rica oft die einzige Alternative zur Arbeit auf Ananas- oder Bananenplantagen. Eine Tätigkeit, die wegen des Einsatzes von Pestiziden für viele gravierende gesundheitliche Folgen hat. Überwiegend Frauen, das ergeben seine Daten, widmen sich der Schmetterlingszucht. «Sie hüten sie wie ihre eigenen Kinder. Sie sind besonders zärtlich mit ihnen. Ja, sie reden sogar mit den Larven. Irgendwie sind sie viel sensibler mit den Tieren als Männer.» Ausserdem, meint Murillo, biete sich diese Tätigkeit für Frauen besonders an – sie sei körperlich nicht anstrengend und man braucht viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit den stecknadelkopfgrossen Eiern, den Larven und den zarten Schmetterlingen.

Die Tiere reisen als Puppe, also im Vorstadium zum eigentlichen Schmetterling, in die ganze Welt. In Costa Rica kümmern sich mehrere professionelle Exportunternehmen um ihren Versand an Botanische Gärten, Schmetterlingshäuser und -ausstellungen in Europa, den USA, Russland oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Nicht unumstritten
Ganz in der Nähe der Hauptstadt San José hat die Firma Costa Rica Entomological Supplies (CRES) ihren Sitz. 30 000 Larven verlassen die Firma wöchentlich und gehen per Luftfracht in alle Himmelsrichtungen. Im Untergeschoss eines unscheinbaren Flachbaus beugen sich etwa 15 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über grosse Tische. Darauf liegen zu kleinen Gruppen sortiert die Kokons von 65 unterschiedlichen Schmetterlingsarten, die das Unternehmen exportiert. Manche sehen aus wie kleine Silberperlen, andere schimmern grün, wieder andere ähneln welken Blattresten. Die Natur zeigt hier eine beeindruckende Kreativität. Jeden Kokon überprüfen die Angestellten von Hand auf Krankheiten und Beschädigungen, bevor er, an einer Seite mit einem speziellen Schaum versehen, weich verpackt wird. Der Schaum dient der korrekten Aufhängung am Bestimmungsort, damit die Metamorphose zum Schmetterling gut gelingt. Puppen, die den hohen Qualitätsstandards von CRES nicht entsprechen, gehen nach Angaben der Firma an die Züchter zurück, wo sie schlüpfen – auch Schmetterlinge mit einem zum Beispiel deformierten Flügel können Nachfahren haben, die sich für den Export eignen. Sergio Siles, der Betriebsleiter von CRES, steht draussen zwischen zahlreichen bunt blühenden Pflanzen. Schmetterlinge fliegen von Blüte zu Blüte. Für Siles sind die Tiere mehr als nur eine Ware: «Wir schauen genau, wohin die Schmetterlinge gehen. Welche Funktionen sie erfüllen sollen. Wir können nicht einfach exportieren des Exports wegen. Wir müssen auch wissen, wie die Tiere behandelt werden. Das ist die ethische Richtlinie, die in unserer Firma gilt und die wir auch den anderen Exporteuren vermitteln. Die Schmetterlinge sind Botschafter der Schönheit, der Natur unseres Landes. Deswegen müssen wir uns sicher sein, dass sie diese Funktion an ihren Bestimmungsorten erfüllen können.»

Dennoch: Die Schmetterlingszucht und ihr Export sind nicht frei von Kritik. Es heisst, die Tiere würden unter den Luftfrachtbedingungen leiden und der Natur für ihre Aufzucht Pflanzen entnommen. Der Schmetterlingsforscher Murillo widerspricht. Verantwortungsvolle Züchter würden auch gleichzeitig eine eigene Gärtnerei betreiben, um den nimmersatten Schmetterlingsraupen immer selbst genug Pflanzen als Nahrung zur Verfügung stellen zu können. Er sagt: «Schmetterlinge fühlen keinen Schmerz. Den Insekten fehlen die neuronalen Rezeptoren dafür. Mechanische Impulse spüren sie, aber keinen Schmerz wie wir Menschen. Ihr Nervensystem ist anders. Deswegen kann man auch nicht von Tierquälerei sprechen.» Ausserdem, ergänzt Murillo, seien Züchter von einer möglichst schadstoffarmen Umgebung abhängig, denn Schmetterlinge würden als Bioindikatoren gelten, also äusserst sensibel auf Umweltgifte reagieren. So sei den Züchtern sehr am Wald- und Umweltschutz gelegen.

Bis ans Ziel der Träume
Jenny Víquez schaut in einen Spiegel, der am Ausgang ihres Mariposario hängt. Mit seiner Hilfe kontrolliert sie, ob noch irgendwo unbemerkt auf ihrem Kopf oder Rücken ein orange-schwarzer Monarch- oder Zebrafalter, der seinen Namen den schwarz-weiss gestreiften Flügeln verdankt, sitzt. Dann schiebt sie den grünen feinmaschigen Vorhang beiseite und verlässt das Schmetterlingshaus. Sie will mithilfe ihrer drei fast erwachsenen Kinder und ihres Mannes noch mehr von ihnen bauen. Erst vor etwa einem Jahr ist die Familie in die Nähe der Kleinstadt San Ramón gezogen. Ihr Unternehmen «Vida de Colores», «Farbenfrohes Leben», brauchte mehr Platz. Denn Jenny Víquez will in Zukunft nicht nur Schmetterlinge für den Export züchten, sondern noch mehr Menschen die Welt der Schmetterlinge nahebringen, sie an ihrer eigenen Begeisterung für die Tiere teilhaben lassen. Mit strahlenden Augen weist sie über das terrassenförmig angelegte Grundstück. So, als ob der ausrangierte orange Schulbus schon jetzt die geplante kleine Schmetterlingsausstellung beherbergen würde und als ob bereits alle der geplanten sieben Gewächshäuser stünden. Noch aber ist der Weg, der vor ihr liegt, weit. Vom Schulbus blättert die Farbe, die Behörden verlangen den Bau von Toiletten für die Besucher und es steht erst eines der Gewächshäuser. Kraft, Inspiration und Zuversicht verleihen ihr die Schmetterlinge: «Sie sind ein Symbol für das Leben und die beständige Veränderung. Der Schmetterling verwandelt sich ständig. Vom Ei zur Larve, dann zur Raupe und am Schluss fliegt er. Aber es ist die kürzeste seiner Lebensphasen. Na ja, und das bedeutet: Manchmal dauert es, bis man am Ziel seiner Träume ist. Aber es lohnt sich, für sie zu kämpfen – und ihre Erfüllung zu geniessen.»