Während sich US-Präsident Donald Trump mit China über Zölle und Bilanzen streitet, wird Europa von einer Invasion aus dem Reich der Mitte überrollt: Die Marmorierte Baumwanze, ein Anfang des Jahrhunderts eingeschleppter Schädling, hat 2019 erhebliche Schäden an Schweizer Obst- und Gemüsekulturen verursacht. Fachstellen rufen die Bevölkerung auf, Funde des gefrässigen Käfers zu melden.

von John Micelli

«Stinkkäfer» ist der wenig schmeichelhafte Übername der Baumwanze – mit weltweit rund 6000 Arten eine der am weitesten verzweigten Familien von einen Saugrüssel tragenden Insekten –, denn unter Stress sondern sie ein penetrant riechendes Sekret ab. Deshalb ist Vorsicht geboten, will man den ungebetenen Gast aus der Wohnung jagen. Denn die Wanzen drängen – wie jetzt wieder – mit den ersten kalten Tagen im Herbst auf der Suche nach einem Winterquartier in die Häuser. Fast 200 Arten sind heimisch in Europa, darunter die Grüne Stinkwanze als wohl bekannteste Vertreterin der Baumwanzen, die auffällig gefärbte Gemeine Feuerwanze, die sich gern auf Hibiskus oder Malven aufhält, die braune Lederwanze, die Rhabarber zu ihren Leibspeisen zählt, und die Getreide- sowie die Kohlwanze, die allerdings ihr Schadenspotenzial an den namensgebenden Nutzpflanzen seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahezu vollständig eingebüsst haben.

Schwer zu bekämpfender Nimmersatt

Jedoch sorgt ein gefrässiger Neuzugang für Kopfzerbrechen unter Gemüse- und Obstproduzenten. Die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) war ursprüngliche in Ostchina, Japan, Korea und auf der Insel Taiwan heimisch, macht sich aber seit dem Jahr 2000 die Erde untertan: 2001 erstmals in Pennsylvania im Osten der Vereinigten Staaten nachgewiesen, erreichte sie 2004 die Pazifikküste im Westen des Kontinents und verbreitet sich seit 2012 auch in Kanada. 2004 startete sie von Zürich aus die Eroberung Mitteleuropas und hat sich mittlerweile in der Schweiz, in Süddeutschland und Norditalien festgesetzt. Die Marmorierte Baumwanze ist nicht wählerisch – über 200 Obst- und Gemüsesorten stehen auf ihrem Speiseplan: Sie mag Mais und Soja, Beeren und Weintrauben, sie saugt an Gurken, Tomaten, Peperoni und befällt Zierpflanzen wie Flieder oder Rosengewächse. Im Osten der USA hat sie es auf die Pfirsiche abgesehen und vernichtet mittlerweile die Hälfte der Ernte. Italien verliert im Norden die Hälfte der Äpfel und Birnen an den Schädling und rund ein Drittel der Haselnüsse Georgiens – eines der wichtigsten Exportprodukte des Landes – wird durch Frassspuren des Nimmersatts unbrauchbar. In den Südkaukasus gelangte die Halyomorpha halys über das russische Sotschi, wo bei den olympischen Winterspielen 2014 Dekorationsmaterialien aus Italien verbaut worden waren. Denn obwohl sie über gut entwickelte Flügel verfügt, lässt sich die Marmorierte Baumwanze über längere Strecken lieber als blinde Passagierin transportieren – auf Containerschiffen, Lastwagen, Güterzügen und in Flugzeugen. In die Schweiz kam sie direkt aus Peking: 1998, vier Jahre nach der Eröffnung, wurden Schäden an den Dachziegeln des Chinagartens in Zürich festgestellt. Die Ziegel aus der Partnerstadt Kunming im Südwesten der Volksrepublik waren den strengen Zürcher Wintern nicht gewachsen. Der Ersatz aus der kaiserlichen Ziegelfabrik in der Hauptstadt – 150 000 Stück – wurde in Holzkisten geliefert. Diese Gelegenheit liess sich der Stinkkäfer, der sich gern in dunklen Ritzen und Spalten versteckt, nicht entgehen. 2004 kam es zum ersten bestätigten Fund der Marmorierten Baumwanze in Europa, und zwar im Zürcher Seefeld-Quartier in unmittelbarer Nähe des Chinagartens. Seither ist ihre Verbreitung nicht mehr aufzuhalten, weil ausserhalb Asiens natürliche Feinde fehlen, Insektizide nur begrenzte Wirksamkeit zeigen oder zusammen mit den Wanzen auch Nützlinge dezimieren.

Hoffen auf die Samurai-Wespe

Glücklicherweise aber haben wir in der Schweiz jetzt nicht nur die Wanzen. Hier forscht auch einer ihrer versiertesten Kenner: In einer Zweigstelle des Centre for Agriculture and Bioscience International (CABI) in Delémont beschäftigt sich der deutsche Biologe Tim Haye mit der Bekämpfung invasiver Arten. Hayes grosse Hoffnung für die Abwehr der Baumwanzen sind Schlupfwespen – Raubparasiten, deren Weibchen ihre Eier im oder am künftigen Wirt ablegen, der später von der Larve der Wespe gefressen und getötet wird. Die auch Parasitoide genannten Insekten werden seit den 1970er-Jahren als biologische Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Europäische Schlupfwespenarten scheinen die Marmorierte Baumwanze noch nicht als potenziellen Wirt entdeckt zu haben – aber eine halbwegs vielversprechende europäische Schlupfwespenart wird derzeit von einer Doktorandin Hayes weiter erforscht. Der tödlichste Feind der Marmorierten Baumwanze ist die Wespenart Trissolcus japonicus, «Samurai-Wespe» genannt. Sie haust derzeit noch in Delémont im Tresor, weil noch nicht bekannt ist, ob die ebenfalls aus Asien stammende und daher gebietsfremde Wespenart hier eine Gefahr auch für andere Insekten darstellen könnte. Allerdings ist ein Bewilligungsverfahren zur Freisetzung der Samurai-Wespe seit diesem Sommer obsolet. Denn der Zwei-Millimeter-Winzling, der seine Eier in die Eigelege der Wanze setzt und so in China die Baumwanzenbestände um die Hälfte dezimiert, hat seinen Weg von allein in die Schweiz gefunden. 2017 machte Haye die Wespe im Tessin aus, dieses Jahr hat sie den Sprung über die Alpen geschafft und wurde in Zürich und Basel gesichtet. Es sei noch zu früh, von einem Durchbruch im Kampf gegen die Baumwanze zu sprechen, erklärte der Biologe diesen Sommer in der Sendung 10vor10 des Schweizer Fernsehens. Er hofft aber, schon bald in der Lage zu sein, die Wespen in Gewächshäusern präventiv einzusetzen: «Wenn die Wanzen reinkommen und anfangen, Eier zu legen, sind die Wespen schon da.»

Ungebetene Gäste

In diesem Jahr aber ist der Schaden schon angerichtet. In den warmen Sommern 2018 und 2019 konnte Halyomorpha halys zwei komplette Generationen ausbilden und sich von den Städten, wo sie bis jetzt deutlich häufiger anzutreffen war, auch auf ländliche Gebiete ausbreiten. Die Baumwanze verlässt bei Temperaturen ab 10 bis 15 Grad ihr Winterquartier und beginnt zu fressen. Dazu sticht sie die Früchte an und saugt Pflanzensaft. Weil sie dadurch die Zellen an der Einstichstelle schädigt, verformen sich die Früchte, das Fruchtfleisch um die Einstichstelle wird steinig oder verfärbt sich – bei Peperoni und Auberginen beispielsweise wolkig-weiss. Nach dem grossen Fressen legen die Wanzenweibchen ab dem Hochsommer meistens genau 28 Eier auf ein Blatt, aus denen nach wenigen Tagen die Nymphen, also Jungtiere, schlüpfen. Baumwanzen durchlaufen fünf Nymphenstadien bis zur Geschlechtsreife, sind aber bereits im zweiten Stadium fähig, mit ihrem Saugrüssel die Fruchthaut zu durchdringen, also Schäden zu verursachen. 2019 sind es vor allem Birnen in den Kantonen Zürich und Thurgau, die Wanzenschäden aufweisen. Aber auch bei Gemüsekulturen verursachte Halyomorpha halys vereinzelt massive Einbussen bis hin zum vollständigen Verlust der Ernte.

Mit den sinkenden Temperaturen aber schwinden auch die Aktivitäten der Wanzen. Die erwachsenen Tiere suchen sich jetzt einen Platz zum Überwintern. Deshalb sind sie ab Oktober vermehrt in Häusern anzutreffen, wo sie sich in Zwischenräumen, Spalten und Ritzen verkriechen, um den Frühling abzuwarten. Das muss nicht die Ausmasse annehmen, wie sie Pam Stone und Paul Zimmermann aus Landrum im US-Bundesstaat South Carolina in einer Reportage im Wochenmagazin The New Yorker schildern: «Es war wie in einem Horrorfilm!» Stone und Zimmermann hatten an einem milden Herbstabend vergessen, die Schlafzimmerfenster zu schliessen. Als sie sich schlafen legen wollten, fanden sie ihr Schlafgemach von Hunderten, wenn nicht von Tausenden Baumwanzen belagert. Auch während der folgenden Tage und Wochen entdeckten sie im ganzen Haus immer wieder neue Verstecke der gefrässigen Insekten im Winterschlaf. Glücklicherweise ist Halyomorpha halys für Menschen ungefährlich, wenngleich lästig. Trotzdem empfehlen Fachstellen – um eine weitere Verbreitung im Folgejahr zu verhindern – den Schädling, wo man ihn antrifft, zu eliminieren: Die Wanzen können zerdrückt werden – beispielsweise mit Zeitungspapier, um den Kontakt mit dem stinkenden Sekret zu vermeiden. Man kann sie aber auch in Seifenwasser oder in den Tiefkühler legen. So besteht die Aussicht,  dass die gemeinsamen Anstrengungen von Menschen und Samurai-Wespen helfen, den Bestand der Marmorierten Baumwanze in der Schweiz zu regulieren.

Gute Wanze, böse Wanze

Für Laien kann es schwierig sein, Halyomorpha halys eindeutig zu bestimmen und von einheimischen Wanzenarten zu unterscheiden. Agroscope, das Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung des Bundesamtes für Landwirtschaft, hat ein Merkblatt mit allen wichtigen Charakteristika der Baumwanze herausgegeben: www.agroscope.admin.ch. Der Strickhof, ein Kompetenzzentrum des Kantons Zürich, sammelt Angaben zu Schäden und Sichtungen des Insekts auf Bauernbetrieben sowie in Obst- und Gemüseanlagen und verfügt ausserdem über Karten zur Verbreitung: www.strickhof.ch. Biologe Tim Haye schliesslich war 2019 vor allem auf der Suche nach Eigelegen der Wanze, um die Ausbreitung der Samurai-Wespe verfolgen zu können. Auf www.halyomorphahalys.com kann aber auch weiterhin der Fund erwachsener Tiere gemeldet werden.