Jürg Knessl, orthopädischer Chirurg und Philosoph, gibt in einem Buch philosophische Erklärungen zum Leben. Er glaubt, dass die Philosophie keine klaren Antworten hat, aber zumindest Trost spendet.

von Anton Ladner

Im Buch «Die Reise zur abgewandten Seite der Erde» unternehmen Vater Leo und sein erwachsener Sohn Till ab Los Angeles eine Kreuzfahrt auf dem Pazifik. Was harmlos vergnügt beginnt, erweist sich nicht nur als Reise in traumhafte Landschaften, sondern auch als Erkundungstour in die Tiefen des Menschseins. Denn Vater und Sohn setzen sich in intensiven Gesprächen auf der 22-tägigen Tour – auf Deck, im Restaurant, auf Ausflügen – über das auseinander, was Generationen abgrenzt. «Warum vertrittst du praktisch immer eine andere Meinung als ich?», fragt der Vater und bohrt weiter: «Was bewegt dich, ständig dagegen zu sein?» Sohn Till antwortet ganz gelassen: «Ich denke einfach anders als du.» Das Geheimnis, warum das Buch von Jürg Knessl so fesselt, liegt wohl darin, dass sich zwischen Vater und Sohn Gräben öffnen, die das Leben über Generationen hinweg aber immer wieder aufgefüllt hat, wie die grossen Geister dokumentieren. Ob Kant, Sartre, Schopenhauer oder Tolstoi – die Grundfragen der Existenz sind auch heute noch nicht beantwortet, weder aus der Sicht des abgeklärten Leo noch aus der Sicht des stürmischen Till. «Wir wissen etwas, aber dieses Etwas entspricht vielleicht einem Millionstel von dem, was man eigentlich wissen sollte, um die Welt zu verstehen», sagt Leo seinem Sohn, als er ihm die wichtigsten philosophischen Erkenntnisse erklärt. Das Buch «Die Reise zur abgewandten Seite der Erde» ist somit auch eine Reise zu den grundlegenden Fragen des Menschseins. Jürg Knessl studierte neben der Medizin während elf Jahren Philosophie und absolvierte ein Masterstudium in Ethik. Er betreibt seit 1990 eine Praxis in Zürich, operiert in Privatkliniken und unterrichtet Medizinethik an der Universität Zürich.

Jürg Knessl, ist Philosophie heute noch eine Lebenshilfe?
Seit der Antike war die Philosophie schwerpunktmässig eher eine Sterbehilfe als eine Lebenshilfe. Es ging schon immer um die schwer zu tragende Bürde der Endlichkeit, der Unvollkommenheit des menschlichen Lebens und um das Sterben-Müssen. Für den Stoiker Epiktet war der Ursprung der Philosophie das Bewusstwerden der eigenen Schwäche und Ohnmacht. Aufgrund unserer Unvollständigkeit und Begrenztheit suchen wir unbeirrt und unbelehrbar, Generation für Generation, nach dem Sinn unseres Lebens.

Viele suchen ihn in der Philosophie.
Bereits Kant formulierte die für unser Leben relevanten Fragen: «Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen?» In seiner ganz auf die praktische Lebensführung und ein menschenwürdiges Miteinander ausgerichtete Als-ob-Philosophie empfahl er, weniger nach den letzten Dingen zu fragen, ob es denn tatsächlich Gott, die Menschenwürde, die Willensfreiheit und einen Sinn des Lebens gibt, als vielmehr einfach so zu tun, als ob es all das gäbe. Das wäre einem friedlichen Zusammenleben der Menschen und auch dem eigenen Leben wesentlich zuträglicher. Um das eigene Leben zu meistern, ist dies zweifellos richtig. Doch der Mensch hört nicht auf, Fragen zu stellen und nach dem Sinn zu suchen.

Gibt es in der Philosophie Antworten darauf?
Die Vorstellung, die sich beispielsweise bei Jaspers findet, dass alle Menschen sozusagen von der Natur aus schon philosophieren, indem sie Fragen nach dem Sinn stellen, erscheint zwar menschenfreundlich, gleichzeitig aber doch etwas anbiedernd. Damit die Philosophie – in einem Dialog mit einem Gegenüber oder auch mit sich selbst – etwas für den Suchenden Greifbares hervorbringen kann, sollte man schonüber gewisse Grundlagen verfügen, dabei einigermassen im rationalen Denken geübt sein oder sich mit den Lebensfragen bereits länger ernsthaft beschäftigt haben.

Früher erschienen Tausende von Büchern über philosophische Fragen. Haben sich die Menschen in zu viele philosophische Theorien verstiegen?
Ja, das kann man so sehen. Wie bei jedem neuen gesellschaftlichen Trend kam es auch im 19. und 20. Jahrhundert zu einer massiven, fast inflationären Vermehrung von philosophischen Denkrichtungen und Schulen. Und wie immer war die Quantität nicht mit der Qualität gleichzusetzen. Es ist wie bei der Kunst. Diese ist echt und glaubwürdig, wenn sie originell ist und der Künstler wirklich etwas Wesentliches zu sagen hat. Die Philosophie ist wertvoll, wenn sie etwas Grundlegendes neu untersucht oder etwas Wichtiges, das schon als hinreichend bekannt schien, glaubwürdig und eigenständig neu denkt.

Heute erscheinen Bücher über Grundsätzliches: das Böse, das Glück, die Hoffnung. Ist dies Ausdruck einer Sehnsucht nach klaren Antworten?
Ja, das ist eindeutig so. Das Denken tut bekanntlich weh und verbraucht Energie. Es gab aber auch schon früher monothematische Arbeiten, die sich jeweils nur eine einzige Fragestellung vorgenommen haben. Einfach ist einfach: Das Böse ist das Gute, das man unterlässt. Oder: Das Glück ist die plötzliche Abwesenheit von Unglück. Alles andere ist Zufriedenheit. Stimmt irgendwie.

Nehmen wir das Böse: Kein Mensch will, dass das Meer voller Plastik ist. Kein Mensch will, dass die Bienen sterben. Und dennoch geschieht es, und zwar immer intensiver. Kommt der Mensch mit diesem Dilemma noch zurecht?
Wohl nicht. Seit es den Menschen gibt, sehnt er sich nach Sicherheit und Frieden. Und doch scheint die Menschheitsgeschichte wenig mehr zu sein als eine Abfolge von Kriegen und Katastrophen. Jemand hat ausgerechnet, dass in der langen Geschichte der Menschheit etwa 700 Millionen Menschen anlässlich kriegerischer Ereignisse ums Leben gekommen sind. Das wäre ein Prozent aller, die je gelebt haben. Eigentlich gar nicht so viel. Ganze 99 Prozent starben somit nicht im Krieg. Niemand will schlechte Luft. Die Industrialisierung brachte eine massive Luftbelastung mit sich, die aber inzwischen zumindest in Europa wieder kleiner geworden ist. Das Problem scheint vielmehr in der menschlichen Natur zu liegen. Wir interessieren uns primär dafür, was in den nächsten Monaten für unsere Familie relevant ist, und viel weniger dafür, was in ferner Zukunft in Neuseeland oder Feuerland sein wird.

Der Mensch ist und bleibt somit ein Egoist?
Das ist entwicklungsgeschichtlich verständlich. Sonst hätten wir gar nicht überlebt. Und die reale Existenz des Bösen ist ohnehin kaum zu leugnen. Die Zukunft, das geht heute häufig vergessen, kann niemand voraussehen. Die Prognosen sind immer schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.

Gibt es in der Philosophie klare Antworten?
Erstaunlicherweise ja. Es ist durchaus nicht so, dass die Philosophie nur Fragen stellt und keine Antworten hat. Die ursprüngliche griechische Philosophie befasste sich mit der Welt und dem Seienden, später ging sie in der immer mehr sich verzweigenden Naturwissenschaft auf, und die hat schon einige Antworten. Und wenn man selbst nachdenkend zu einem Resultat gelangen möchte: Ohne ein Mindestmass an Logik geht das leider nicht. Solange jemandem Widersprüche kein Bauchweh bereiten, lässt er lieber die Finger vom philosophischen Brüten, denn es wird dabei nichts Schlaues rauskommen. Und wenn sein langes Nachdenken am Schluss in die Erkenntnis mündet, dass der Zierfisch im Wohnzimmeraquarium seine Gedanken kontrolliert, dann behält er es besser für sich. Denn die Philosophie sollte anderen Menschen vermittelbar sein und für die Mitmenschen verständlich und nachvollziehbar.

Sie haben sich während vieler Jahre mit der Philosophie und als Arzt mit dem Menschen beschäftigt. Was zählt im Leben? Auf was kommt es an?
Dazu vielleicht ein Spruch von Philo von Alexandria: «Der wahre Altar Gottes ist das Herz eines dankbaren Weisen.» Eines dankbaren, nicht eines verbitterten, mit sich und der Welt hadernden. Und, wenn möglich, das Herz eines Weisen, nicht von jemandem, der nicht denken mag. Was im Leben zählt: Liebe. Ehrlichkeit zu sich selbst und zu anderen. Respekt vor dem Leben. Die Suche nach Erkenntnis und Weisheit. Der Wille, Gutes zu tun. Demut im Wissen, dass es wohl Höheres gibt als uns. Die Freude an der Schönheit des Lebens und der Dinge. Auch etwas Humor schadet nicht.

Gibt es da eine Werteskala?
Die Liebe, die Schönheit, die Erkenntnis, die Freiheit. Das eine geht ohne das andere nicht. Politisch: die Rechtssicherheit in einem möglichst gerechten Staatswesen bei maximal möglicher individueller Freiheit. Gesellschaftlich: Tradition bedeutet nicht, die Asche zu hüten. Tradition heisst, die Flamme weiterzutragen: Das ist von Thomas Morus, der leider geköpft wurde. Somit: Engagement, sich einbringen, das Wissen weitergeben. Der bekannte japanische Regisseur Akira Kurosawa sagte einmal: Leben ist Liebe, alles andere ist Krebs. Denn die Liebe hegt, fördert und ordnet. Der Krebs hingegen wuchert und zerstört. In der Medizin kommt es darauf an, das zu tun, was für die Patienten das Beste ist. Das ist schon schwierig genug. Heute wird es insofern nicht einfacher, als der Patient zunehmend derjenige sein soll, der sagt, wo es langgeht, obwohl er eben gerade die Sachkenntnis vermissen lässt, wegen der er den Arzt aufsucht.

Wo finden Sie Ihren Halt: im Wissen? In philosophischen Betrachtungen?
Bei meiner Frau. Im Wissen, dass es mir vergönnt wurde, Kinder zu haben. Bei meinen Büchern. In meiner gewohnten Umgebung. In der klassischen Musik. In der Natur. Beim Lesen intelligenter Texte. Im Nachdenken. In meiner Hängematte im Garten. Bei Gesprächen mit klugen, ehrlichen und wohlmeinenden Menschen. Bei meinen Patienten, da habe ich viel lernen können. Und manchmal im etwas versteckten kleinen Gebetsraum des Grossmünsters.