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Manchmal redet die Bibel mit einer atemberaubenden Poesie, suggestiv und unwiderstehlich. Das tut sie eigentlich immer, wenn sie vom Geist redet, vom Geist Gottes, vom Heiligen Geist.

von Christian Feldmann

Wild und laut geht es zu, wenn die Heilige Schrift vom Gottesgeist erzählt. Es sind oft verstörende Erfahrungen, die Menschen verunsichern und in Angst versetzen. Gottes Geist erscheint als Sturmwind, als Feuer, als Bewegung und Schöpferkraft. «Die Erde war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser» – so wird der Anfang von allem geschildert, im allerersten Satz der Heiligen Schrift.

Gottes Geist ist unermüdlich tätig, um Leben hervorzubringen und das Angesicht der Erde zu erneuern, durchaus Unruhe stiftend, ungestüm die trägen Verhältnisse verwandelnd. «Feuer du und Tröster-Geist», so sang schon Hildegard von Bingen im zwölften Jahrhundert, «du belebst die Gebilde, du salbst die Verletzten, du reinigst die Wunden, du bringst Menschen voll Einsicht hervor».

Die Berufung auf diesen Geist wird eine zentrale Rolle im Leben Jesu spielen. Als er sich im Jordan taufen lässt, öffnet sich der Himmel und Gottes Geist kommt wie eine Taube auf ihn herab – so liebenswürdig schildern es die Evangelien. Bezaubernd die Geschichte vom nächtlichen Gespräch mit dem Ratsherrn Nikodemus: Wer das Reich Gottes sehen will, behauptet Jesus, der muss ein zweites Mal geboren werden, aus dem Wasser der Taufe und aus dem Geist: «Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist. Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht.»

Angst und Grauen am ersten Pfingsttag
Nun heisst Gottes Geist pneuma – auf Griechisch – und spiritus Sanctus – auf Latein. Aber er (oder sie?) weht nach wie vor unberechenbar und unkontrolliert durch die Glaubensgeschichte, es gibt noch keine Kirchenbeamten, die ihn zum dogmatischen Begriff zähmen können – was ihnen zum Glück nie ganz gelingen wird. Kurz nach dem Tod Jesu erleben seine deprimierten Jünger, höchstwahrscheinlich sind auch Frauen dabei, am ersten Pfingstfest in Jerusalem einen wilden Brausegott, der ihnen Feuer ins Herz schickt und aus Angsthasen Propheten macht. So erzählt es das Lukas-Evangelium. Wie haben sie auf die Erscheinungen des Auferstandenen reagiert, Jesu Freunde? Mit Staunen, Freude, aber auch Grauen. Ein lebender Leichnam, ein Gespenst! Sie wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten, sie verkrochen sich vor denen, die ihren Jesus ans Kreuz gebracht hatten. Und jetzt werden sie in die Welt hinaus marschieren und die Botschaft verbreiten, dass Gott alle Menschen liebt und frei machen will und dass er ihnen in diesem Jesus sein Gesicht gezeigt hat.

Wer ist das, der Heilige Geist?
Aber wie soll man ihn sich denn nun exakt vorstellen, diesen Feuergeist, der Menschen offenbar komplett zu verwandeln vermag? Wie soll man von einem Phänomen reden, das in menschlichen Begriffen kaum fassbar ist? Wer oder was ist das, der Heilige Geist? «Die einen haben angenommen, der Heilige Geist sei eine Kraft; andere, er sei ein Geschöpf; wieder andere, er sei Gott; etliche schließlich haben sich für keine dieser Auffassungen entschieden.» So die lakonische Feststellung des ehrwürdigen Kirchenvaters Gregor von Nazianz im vierten Jahrhundert. Wenig später lieferte ein Konzil, das in Konstantinopel tagte, eine klare dogmatische Definition, immerhin: «Er ist die ausgestreckte Hand Gottes», sagt der Münchner Dogmatiker und Ökumeniker Bertram Stubenrauch über den Heiligen Geist. «Er ist der verschenkte Gott. Er führt uns über uns hinaus, und er führt uns dadurch in die Nähe Gottes.»

Ob reale göttliche Person oder Bild und Chiffre für eine bestimmte Eigenschaft Gottes, soviel ist klar – der Heilige Geist transportiert etwas von Gott zum Menschen: Leben, Glaubenskraft, Liebe, Leidenschaft, Sehnsucht, spirituelle Energie, Einsatzfreude. Durch den Heiligen Geist ist Gott unter den Menschen gegenwärtig, tröstend, Kraft spendend, inspirierend, schöpferisch. Im Heiligen Geist erfindet Gott sich neu, macht Gott sich klein, um bei den Menschen sein zu können. Eine eingängige Kurzformel liefert Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom:

Die wilde Himmelstaube wird zum Haustier
In den ganz jungen Christengemeinden lebte der ungestüme Pfingstgeist weiter in Wundertaten, prophetischen Reden und seelischen Ausnahmezuständen. Dann schlug die Stimmung um und man schätzte die vom Geist geleitete Einsicht in die heiligen Schriften höher als die spontane mystische Erfahrung. Der wilde, unberechenbare Gotteswind wurde gezähmt – zur theologischen Abstraktion.

Thomas von Aquin meinte später, die Berührung zwischen Gottesgeist und Menschengeist mache den Menschen zum Hausgenossen Gottes. Luther bezeichnete das Gewissen als den Ort, wo der Mensch am wuchtigsten vom Heiligen Geist getroffen werde. Doch da war der mächtig brausende Atem Gottes schon zu einem sterbensmatten Hauch verkümmert, die kräftig flatternde Himmelstaube zu einem flügellahmen Haustier gezähmt. Längst entschieden die kirchlichen Leitungsinstanzen, welche Ideen und Frömmigkeitsformen als geistgewirkt und theologisch korrekt zu gelten hatten und welche nicht.

Sicher mit einem gewissen Recht, denn auch Religion entartet zum Chaos, wenn es keine Grundsätze und ordnenden Maßstäbe mehr gibt und keine Rücksicht aufeinander. Am Ende wäre alles beliebig und es stünden sich arrogante Gruppen und selbstbezogene Fraktionen gegenüber. Soll das Hirtenamt also die Charismen kontrollieren – oder sich von ihnen demütig in die Schranken weisen lassen?

Denn wer den Geist besitzen, verwalten, überwachen wollte, der hätte schliesslich nur noch einen Interessenverband zu führen, ohne Botschaft, ohne Leben, ohne Überzeugungskraft. Man vergisst zu leicht, dass der Heilige Geist an Pfingsten auf alle Glaubenden ausgegossen worden ist und nicht nur auf eine Priesterkaste oder Kirchenhierarchie.

Was wäre eine Christenheit ohne Visionen, ohne Selbstkritik, ohne Mut zum Risiko? Was wäre eine Institution Kirche ohne die Bereitschaft, sich zu korrigieren, ja sich überflüssig machen zu lassen vom Geist, der laut Bibel weht, wo er will, und oft ganz anders handelt, als er soll? «Der Geist ist die Gabe Gottes, unseres Vaters, der uns andauernd überrascht», sagte Papst Franziskus vor einem Jahr. «Der Gott der Überraschungen! Warum? Weil er ein lebendiger Gott ist, einer, der in uns wohnt, ein Gott, der unser Herz bewegt, ein Gott, der mit uns geht und uns unterwegs immer überrascht. Und so kreativ, wie er bei der Schöpfung der Welt war, so kreativ ist er beim Schaffen neuer Dinge.»