Diese Frage ist berechtigt. Die Reformatoren haben im 16. Jahrhundert gründlich aufgeräumt, wo es um die Verehrung von Heiligen ging. Diese hatte an vielen Orten Formen angenommen, die auch wir heute infrage stellen würden.

Bei Menschen, die in aussergewöhnlicher Weise ihr Christsein gelebt haben, glauben wir gerne, dass sie nun ganz bei Gott sind in einer neuen Existenz und doch irgendwie präsent und hilfreich für uns. Sie sind uns Vorbilder. Da liegt der Grund für die Verehrung unsererseits und der Ursprung der Heiligsprechungen kirchlicherseits – bis in unsere Zeit.

Für uns im Dominikanerorden ist das gerade jetzt wieder aktuell. Die Italienerin Margarita von Citta di Castello (1287 – 1320), seliggesprochen 1675, wurde im vergangenen April ins Verzeichnis der Heiligen aufgenommen. Sie war Dominikanerin und eine beeindruckende Persönlichkeit. Blind geboren und körperlich missgestaltet, wurde sie von ihren Angehörigen verstossen, jedoch von einer offenbar liebevollen Familie aufgenommen. Hat sie dort erfahren dürfen, dass Gott auch die Verstossenen liebt?

Nach dem Tod des heiligen Dominikus, 1221, hat sich der Orden rasch ausgebreitet und auch viele Frauen angezogen. So muss es in Citta di Castello damals bereits Mantellatinnen gegeben haben, benannt nach ihren schwarzen Mänteln. Es waren Frauen, die sich zusammenschlossen im Umkreis von Dominikanerklöstern, aber weiterhin bei ihren Familien lebten. Obwohl selbst ein ungeliebtes Kind, entwickelte sich Margarita zu einer Persönlichkeit mit einem grossen Herzen. Haben die Mantellatinnen genau das erkannt? Sie nahmen Margarita in ihre Gemeinschaft auf und das junge Mädchen widmete sich – trotz der Behinderungen – den Benachteiligten und Leidtragenden in der Stadt. Obwohl sie selbst eine Bedürftige war, pflegte sie Kranke, begleitete Sterbende und suchte Gefangene auf.

Es spricht für die Mantellatinnen, dass sie Margaritas spirituelle Begabung erkannten und ihr eine religiöse Bildung vermittelten. Sie soll auch als Katechetin gewirkt haben, was ganz dem dominikanischen Auftrag entspricht: Die Botschaft des Evangeliums unter die Menschen tragen. Margarita beweist, dass dies auf vielfältigste Art und Weise geschehen kann. Damit wird sie, besonders für uns Dominikanerinnen, vorbildhaft.

Heiligsprechung heute? In einer Kultur, wo Körperkult, Wohlgestalt, Gesundheit und Schönheit höchste Priorität haben, stellt die innere Strahlkraft dieser missgestalteten Heiligen vieles von dem in den Schatten, was uns so unverzichtbar erscheint.