Die Geburtskirche in Bethlehem ist ein wichtiger Wallfahrtsort der Christen. Sie ist über der Grotte errichtet, wo Maria Jesus zur Welt gebracht hat. War es damals tatsächlich ein Stall oder doch eher eine Höhle?

von Anton Ladner

Wer heute von Jerusalem nach Betlehem pilgert, hat einiges auf sich zu nehmen. Die Grenzkontrolle ist intensiv und dauert deshalb entsprechend lang. Dann folgt der Fussmarsch zur Kirche durch eine Menschenmenge. Angelangt bei der Geburtskirche gilt es, sich in Geduld zu üben.

Seit dem 2. Jahrhundert wird der Ort in Betlehem als Geburtsstätte von Jesus verehrt. Deshalb, so die Überlieferung, soll der römische Kaiser Hadrian über ihr ein Adonisheiligtum errichtet haben, um die Verehrung von Jesus zu unterbinden. Um 333 liessen Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena an der Geburtsstätte eine Memorialkirche mit reichen Mosaikböden errichten. Die Basilika war schon damals 27 Meter lang. 386 kam der heilige Hieronymus nach Bethlehem, wo er seine lateinische Bibelübersetzung, die sogenannte Vulgata schrieb. In seinem 46. Brief berichtet er vom Geburtsort, der auf eine Höhle hinweist. «Hier in einer kleinen Erdspalte wurde der Schöpfer des Himmels geboren.» Während andere Kirchenbauten 614 von den Persern beschädigt wurden, blieb die Geburtskirche verschont. Deshalb ist sie die älteste erhaltene und ununterbrochen genutzte Kirche im Heiligen Land.

Heute befindet sich der Geburtsort im Untergeschoss der Geburtskirche, in der sogenannten Geburtsgrotte. Seit dem Jahr 1717 ist in der Mitte ein 14-zackiger Stern im Boden angebracht, der auch die Mittelachse der Kirche markiert. Er trägt die Inschrift «Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est» (Hier wurde Jesus Christus von der Jungfrau Maria geboren). Einer der Gründe für den Krimkrieg, ein militärischer Konflikt zwischen Russland und dem Osmanischen Reich, der von 1853 bis 1856 dauerte, war dieser Stern. Denn er wurde 1847 entfernt und im Jahr 1852 von Sultan Abdülmecid neu gestiftet. Der Krimkrieg begann als neunter Russisch-Türkischer-Krieg, in den die westeuropäischen Mächte eingriffen, um eine Gebietserweiterung Russlands auf Kosten des geschwächten Osmanischen Reichs zu verhindern.

Spannungen entstanden jedoch in der Geburtskirche bereits nach der Anbringung des Sterns durch die katholische Kirche 1717. Denn die drei Konfessionen konnten sich nicht mehr über die Nutzung der Kirche einigen. Schliesslich wurde entschieden, dass der Hauptaltar und die rechten Seitenaltäre den Griechen gehören sollten und zwei Seitenaltäre links in der Kirche den Armeniern. Den Katholiken wurde der Dreikönigsaltar, der Stern in der Geburtsgrotte und die Hieronymus-Grotte zugeteilt. Zudem erhielten die Katholiken ein Grundstück neben der Geburtskirche, auf dem die Katharinenkirche errichtet wurde. Die Kirche der Franziskaner wurde 1881 bis 1888 über einem Kloster der Kreuzfahrer gebaut. Dieses wiederum stand auf den Fundamenten des Klosters der heiligen Paula. Über Stufen im südlichen Seitenschiff gelangt man in die Kellergewölbe. Hier soll der Kirchenvater Hieronymus seine berühmte lateinische Übersetzung vollendet haben.

Die im deutschsprachigen Raum verbreitete Ansicht, dass es sich bei der Geburtsstelle Jesu um einen Stall handelte, ist nach Meinung von Wissenschaftlern unwahrscheinlich. Denn in dieser Region wählten die Hirten in der Regel Höhlen als Unterstand für ihre Herden. In den berühmten süditalienischen Krippendarstellungen wird deshalb in der Regel eine Höhle als Stall gezeigt. In urbanen Gebieten waren nämlich damals die Ställe in den mehrstöckigen Häusern untergebracht. Das Erdgeschoss diente als Stall für Tiere; darüber, in den oberen Etagen wurde gekocht und gelebt.