Ein Glaubensimpuls von Abt Christian Meyer

Am 21. März feierten wir den Heimgang unseres Ordensgründers Benedikt von Nursia (ca. 480–21.3.547). Bei uns in Engelberg ist dieser Tag sogar «Staatsfeiertag», das heisst, für unser Dorf herrscht Sonntagsordnung. Ein grosser Festgottesdienst findet um 10.15 Uhr statt und im Anschluss folgt die Begegnung von Jung und Alt, Angehörigen von Kloster und Pfarrei; Schülerinnen und Schülern, von Gästen aus nah und fern. All dies zeichnet diesen Festtag aus. Nach dem Gottesdienst gibt es immer ein Event: Workshops im Kloster oder allgemeine Erläuterungen und Informationen zu irgendeinem aktuellen Thema. Und dann folgt das gemeinsame Mittagessen in der alten Turnhalle.

An diesem Feiertag ging es auch  um unser 900-Jahr-Jubiläum gehen, das wir 2020 feiern. Zu diesem Jubiläum hat der heilige Benedikt – sein spirituelles Vermächtnis in seiner Regel – den Dreiklang gegeben:

Hören – Suchen – Gestalten.

Hören: Es ist das erste Wort der Regel des heiligen Benedikt. Ein hörender Mensch ist einer, der offenbleibt. Ein Mensch, der sich nie auf etwas versteift oder sich vergiftet in eine Haltung verbeisst. Ein hörender Mensch zeigt sich offen für das, was er hört oder von dem er sich herausfordern lässt. Hören ist auch die Grundhaltung des Glaubenden, der Glaubenden. Denken wir nur an Abraham, der Gottes Stimme hörte und sich trotz seines hohen Alters herausfordern liess und sich auf den Weg machte. Er wusste nicht, wo es enden würde.

Suchen: Der heilige Benedikt sagt, dass der, der in ein Kloster eintreten will, Gott suchen muss. Der Novizenmeister muss darauf besonders achten. Dabei ist dies die Grundhaltung des Mönches oder der Nonne überhaupt: Sie müssen ein Leben lang Suchende bleiben. Denn Gott besitzt man nicht. Er lässt sich erahnen, indem wir ihn in den alltäglichen und herausfordernden Dingen unseres Lebensweges suchen. Gott in der Hosentasche gibt es nicht. Und seinen Willen schon gar nicht. Er lässt sich immer nur im Suchen ertasten und erleben. Denn Gott will nicht, dass wir uns in irgendwelchen Dingen einnisten, sondern er ruft uns immer neu auf das grosse Meer «der Liebe» hinaus, wie es der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin schrieb.

Gestalten: Aus dem Hören und dem Suchen ergibt sich der dritte Ton des Dreiklanges: das Gestalten. Dafür stehen unzählige Klöster, die aus dem Hören und Suchen, ihr Leben und ihr Zeugnis gestaltet haben. Auch unser Kloster Engelberg hat vieles gestaltet und beeinflusst in 900 Jahren. Von vielem profitieren nicht nur die Mönche, sondern auch der Ort Engelberg, bis heute. Einiges hat sich in Engelberg erfüllt und ist erfüllt. Anderes ging, wie man so salopp sagt, auch in die Hose.

Dieser Dreiklang soll und muss  unser alltägliches Leben gestalten, unseren Glauben und ebenso unsere Kirche. Es ist ein Dreiklang, der in Bewegung hält, ein Leben lang – für uns ein Ordensleben lang. Denn wer nicht hört, bleibt stehen. Wer nicht sucht, dreht sich immer im Kreis. Wer nicht gestaltet, gibt einen Teil seiner Autonomie auf.

Der Benediktiner Christian Meyer ist Abt des Klosters Engelberg.