Bis zum 5. Januar 2020 ist im Kunsthaus Zürich die Ausstellung «Picasso-Gorky-Warhol» mit Werken aus der Privatsammlung von Hubert Looser zu sehen. Looser, der in Zürich lebt, ist mehr als ein Kunstsammler: Mit dem Kunstforum Zürich und seinem Engagement für Legate und Donationen setzt er wegweisende Impulse.

von Anton Ladner

Hat man Hubert Looser in seinem grossen Haus am Zürichberg besucht, sieht man die Bilder an den eigenen vier Wänden zu Hause mit neuen Augen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um Originale oder Lithografien handelt, ob sie wertvoll sind oder nur einen persönlichen Wert darstellen. Man beginnt sie abzuhängen, um sie neu zu kombinieren. Denn bei Hubert Looser hat man festgestellt, dass Kunstwerke dadurch an Kraft und Frische gewinnen. Und wenn auch noch ein passendes Objekt dazu positioniert werden kann, wird die Spannung noch intensiver. Hubert Looser versteht es meisterhaft, die Werke seiner Sammlung miteinander kommunizieren zu lassen. Wenn er den Besucher durch sein Haus führt und seine Lieblingswerke zeigt, macht er auf diese Interaktionen aufmerksam. Ähnlichkeiten in Arbeiten unterschiedlicher Künstler treten in Beziehungen, erzeugen einen Spannungsbogen und potenzieren sich gegenseitig. Das ist ein Phänomen, das sich mit sorgfältiger Auswahl einstellt. Kurz: Hubert Looser vermittelt mit seinem Ansatz die Freude, die Kunst mit neuen Augen zu entdecken. Das ist die Frucht von einer ständigen Auseinandersetzung mit der Kunst während über 50 Jahren. Wohl deshalb hat der 81-Jährige in seiner Sammlung viele Dutzend museumsfähige Werke. Seine Fondation Hubert Looser umfasst heute eine einzigartige Sammlung des Surrealismus, des Abstrakten Expressionismus, der Arte Povera und der Minimal Art. Diese Sammlung hat der ehemalige Unternehmer in 40 Jahren zusammengetragen. Er folgte dabei emotionalen Impulsen, denen er aber klare Kriterien gegenüberstellte, um weise Kaufentscheide zu fällen. Die notwendige Disziplin dafür hatte Looser aus seiner Führungsposition beim Familienunternehmen Elco (Heizsysteme) erworben, das er an die Börse brachte. Später wiederholte er diesen Erfolg mit der damaligen Walter Rentsch (Büroautomation), deren Börsengang 1982 erfolgte. 1993 übernahm Canon von Hubert Looser die Mehrheit an dieser Gesellschaft.

Seine Erlöse aus diesen Publikumsöffnungen steckte der Geschäftsmann, der zeitweise über 4000 Angestellte beschäftigte, weitgehend in die moderne Kunst. «Mit einem klaren Konzept und klaren Kriterien», erklärt Hubert Looser rückblickend. Er hatte sich eine Checkliste mit mehreren Punkten erarbeitet, die ein Werk erfüllen musste, bevor ein Kaufentscheid fiel. Das sei für eine gute Sammlung essenziell. Tatsächlich stellt der Mangel an Kriterien bei Akquisitionen heute einen Schwachpunkt vieler Museum dar, weil über die Zeit die Verantwortlichen wechseln und dadurch entsprechend oft die Prioritäten geändert werden. Deshalb landen Anschaffungen früher oder später oft im Museumskeller und werden zu Hypotheken.

Für Hubert Looser sind derweil die Werke von Cy Twombly, Willem de Kooning und vielen mehr zu Lebensbegleitern geworden. Wenn er deren Kunstwerke kommentiert, wird eine intensive Liebe spürbar. «Schauen Sie – dieser kraftvolle Schwung hier, diese Lebendigkeit, diese Frische», sagt er zum Beispiel. In dieser Hingabe liegt wohl Loosers Geheimnis begründet, dass er mit seinen 81 Jahren zehn Jahre jünger wirkt und eine starke Präsenz hat. «Ja, im Alter wird es intensiver, vieles fällt weg, nur noch das Entscheidende zählt. Mir gefällt es, dass ich mich jetzt nur noch dem widmen kann, was für mich tatsächlich zählt», sagt er. Im Gespräch verzichtet er auf Floskeln und Selbstzelebrierungen, er spricht auf den Punkt, als wolle er keine Zeit für Nebensächliches verlieren.

Entscheidend für ihn ist heute, seine bedeutende Sammlung der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Er könnte das eine oder andere Werk zum x-Fachen des bezahlten Preises veräussern und sich davon Luxusgüter kaufen. Aber das interessiert Hubert Looser nicht. Das Leben hatte ihm diese Sammlung mit weit über 70 museumswürdigen Werken ermöglicht, aber – so Loosers Verständnis – nur anvertraut. Seine Leihgabe von 73 Arbeiten wird ab 2021 im Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich zu sehen sein. Für viele Beobachter steht deshalb fest, dass die Stimmberechtigten 2012 der Erweiterung zugestimmt hatten, weil Looser diese Leihgabe angekündigt hatte. So schrieb die Neue Zürcher Zeitung damals: «Der Zuzug der Kollektion Looser ist also für das Kunsthaus in doppelter Hinsicht ein Glücksfall: Die neuen Räumlichkeiten – sollte das Zürcher Stimmvolk den Erweiterungsbau bewilligen – wollen schliesslich gefüllt sein.»

Der Erweiterungsbau des britischen Architekten David Chipperfield steht inzwischen, der Innenausbau soll bis 2021 beendet sein. Die strenge, steinerne und deshalb so wuchtige Fassade hatte bei in der Jury damals zu Diskussionen geführt. Der zweitrangierte Vorschlag des Zürcher Architektenduos Annette Gigon und Mike Guyer hätte das Gebäude gegliedert und damit die Wucht am Heimplatz gegenüberliegend vom Zürcher Kunsthaus reduziert. Der Entscheid zugunsten von Chipperfield war deshalb hauchdünn. Die Baukosten von 206 Millionen Franken liegen, so heisst es, unter dem Wert von Loosers Leihgabe, die er dem Kunsthaus zur Verfügung stellt.

Bis zum 5. Januar 2020 sind nun in der Ausstellung «Picasso-Gorky-Warhol» auch Werke aus der Privatsammlung von Hubert Looser zu sehen. Nach der Ausstellung seiner grossformatigen Gemälde und Skulpturen im Jahr 2013 sind jetzt Arbeiten auf Papier im Dialog mit dazu passenden Skulpturen zu sehen: Looser Konzept von kommunizierender Kunst. Er hat im vergangenen Jahr eine Vereinbarung getroffen, die auf 20 Jahre die Präsenz von 75 Gemälden, Skulpturen, Installationen und Zeichnungen aus seiner Sammlung in der Kunsthaus-Erweiterung garantiert. Und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass aus der Leihgabe eine Schenkung wird.

Hubert Looser will aber noch mehr für Zürich tun: Mit der Stiftung Kunstforum, die er 2017 gegründet hat und für die er eine erhebliche Summe aufbrachte, will er den Kunststandort Zürich beleben und bereichern. Präsidiert wird die Stiftung von Beat Curti, der im Zürcher Niederdorf Liegenschaften vor dem Zerfall gerettet hat. Er kaufte sie, renovierte sie und bewirtschaftet sie – fern der Rendite, die er mit seinen Investitionen erzielen könnte. Das Forum möchte mit Debatten und Konferenzen für Kunstthemen sensibilisieren und eine Art Thinktank für die interessierte Öffentlichkeit werden. Nach der ersten Veranstaltung zur Frage «Welches Museum wollen wir?» schrieb der Tages-Anzeiger 2017: «Dem hohen Qualitätsanspruch, den das Kunstforum auf der Website für sich beansprucht, wurde es am Donnerstag gerecht.» Vergangenen Juni wurde an dieser Diskussionsplattform im Löwenbräu-Areal vertieft, ob Galerien wachsen müssen, um überleben zu können. Denn in Zürich zeichnet sich ein Galeriensterben ab, was wohl eine Tendenz für die ganze Schweiz sein dürfte.

Hubert Looser hat neben seiner Sammlung und dem Kunstforum eine dritte Herzensangelegenheit: Er will andere Kunstsammler und Mäzene vermehrt zu Donationen und Legaten bewegen. Looser hat sich in dieser Sache zum Botschafter gemacht und leistet bei seinen Sammlerfreunden viel Überzeugungsarbeit. «Wenn man ihnen nahelegen könnte, dass dieses oder jenes Werk für das Kunsthaus Zürich essenziell ist, wäre wohl noch einiges möglich. Es braucht Überzeugungsarbeit, aber auch ein klares Konzept für die Sammlung», sagt Hubert Looser. Für ihn als Kunstsammler ist die Vollendung des Habens das Geben. Er wird am Ende seines Lebens den grössten Teil seines Vermögens gespendet haben. Damit steht fest: Er ist in seinem Leben zu den wahren Werten vorgestossen. Deshalb ist es für jeden ein Gewinn, ihm gut zuzuhören. Allein schon dafür, die eigenen Bilder zu Hause mit neuen Augen zu sehen.