Ein Glaubensimpuls von Schwester Anna Mirijam Kaschner

Diese Aussage las ich neulich in einem Zeitungsartikel. Nach einer im Jahr 2013 durchgeführten Studie mit Mäusen wurde der Einfluss verschiedener Geräusche auf die Gehirne der Tiere untersucht, zum Beispiel Hundejaulen, Motorengeräusche, sehr hohe Geräusche. Als Unterscheidungsmerkmal in der Kontrollgruppe sollte die Stille dienen. Dabei fanden die Forscher überraschenderweise heraus, dass zwei Stunden Stille pro Tag, neue Zellen in jenem Teil des Gehirns wachsen liessen, die mit dem Lernen, dem Gedächtnis und den Gefühlen verknüpft ist.

Nun, ich glaube zwar nicht, dass wir Angst haben müssen, dass unser Gehirn bei einem Zuviel an Stille eventuell einmal platzen wird, eher sorge ich mich manchmal darum, dass das Übermass an Geräuschen um uns herum uns krank macht. Und ich ertappe mich manchmal selbst dabei, dass ich im Auto sitze und das Radio anschalte, dabei aber gar nicht zuhöre, sondern mich irgendwie beschallen lasse. So lange, bis es mir auffällt und ich den Aus Knopf drücke – und manchmal denke: Endlich Ruhe! Oder vielleicht kennen Sie das auch: Man kommt in ein Geschäft – und wird sofort mit irgendeiner Musik aus den Lautsprechern empfangen, die uns zum Einkaufen anregen soll. Erst, wenn man das Geschäft wieder verlässt, wird einem bewusst, wie laut es eigentlich dort drin war. Die kommende Adventszeit ist eine Zeit, in der die Menschen sich nach Ruhe, Besinnung und Stille sehnen. Paradoxerweise werden wir in keiner anderen Jahreszeit so mit «besinnlicher» Musik beschallt wie jetzt. Wie wichtig ist es da, sich bewusst Räume der Stille zu schaffen, Orte und Zeiten festzulegen, an denen ich der Stille eine Chance gebe. Bei uns im Klosteralltag sind diese Zeiten festgelegt, was ich persönlich als eine grosse Hilfe empfinde. Der Wechsel von Arbeit und Gebet, von Geräuschen und Stille ist uns sozusagen «in die Wiege gelegt», denn die Beziehung zu Gott kann nur in der Stille wachsen.

Sören Kierkegaard, der grosse dänische Philosoph und Theologe hat einmal gesagt: «Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein grösserer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heisst nicht sich selbst reden hören, Beten heisst still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.» Vielleicht ist es eine gute Idee, in der kommenden Adventszeit einmal fünf Minuten Stille in unseren Tagesablauf einzubauen, damit nicht nur unser Gehirn, sondern auch unsere Seele wächst.

Schwester Anna Mirijam Kaschner ist Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz mit Sitz in Dänemark.