Ein Glaubensimpuls von Sr. Ingrid Grave

Ich weiss nicht, wie alt Sara gewesen sein könnte, als ihr Ehegatte Abraham ihr eröffnete, es sei Zeit für einen neuen, ganz grossen Aufbruch. Nach ihrer Lust dazu wird er sie sicher nicht gefragt haben. Er wusste ja selbst nicht, wohin es eigentlich gehen sollte. So etwa erzählt es uns das Buch Genesis (Kapitel 12). Gott hatte Abraham aufgefordert, von dem Bekannten, Vertrauten fortzuziehen und aufzubrechen «in ein Land, das ich dir zeigen werde». Zukunftsperspektiven? Wozu eigentlich? Er und die betagte Sara sind kinderlos! Doch der Nomade Abraham bricht auf.

An diese Geschichte muss ich oftmals denken, wenn ich unsere klösterliche Situation anschaue. Nicht nur in meiner eigenen, sondern auch in vielen anderen Ordensgemeinschaften zeichnet sich–nach menschlichem Ermessen – keine Zukunft ab. Einfach aussterben und leere Gebäulichkeiten zurücklassen? Was hat Gott mit uns vor? Wir wissen es so wenig, wie Sara und Abraham es wussten.

Wir sind Dominikanerinnen und damit Teil des Predigerordens. Das bedeutet, die Menschen mit der Botschaft des Evangeliums vertraut zu machen. Doch wie soll das geschehen, wenn viele von uns kaum noch das Haus verlassen können? Hat Gott für uns noch einen Auftrag, der uns aufbrechen heisst? Wohin? Diese Frage hat uns im vergangenen Herbst an unserem Generalkapitel bewegt. Nun sind wir daran, im wahrsten Sinne des Wortes, unser Haus neu zu bestellen. Das fordert uns sehr. Zu unserem Haus gehört die Klosterkirche, wo wir uns täglich zur Feier der gemeinsamen Liturgie einfinden. Da vollzieht sich – gottlob – alles ganz unaufgeregt. Gäste, Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen des angrenzenden Bildungshauses sind beeindruckt vom Anblick der betenden Schwestern, doch unsere religiöse Sprache verstehen sie weitgehend nicht mehr.

In der Bibel gibt es mehr als eine Geschichte mit betagten Menschen, denen Gott zumutet, «Unmögliches» zu glauben. Sara bringt im hohen Alter ihr erstes Kind zur Welt. Die von Gott versprochene zahlreiche Nachkommenschaft erfüllt sich, aber nicht mehr zu Saras Lebzeiten.

Worauf warten wir noch, wir Schwestern? Ein erster Schritt ist getan. Eine Liturgiewissenschaftlerin zeigte uns die Richtung auf. Wir haben uns entschieden, in kleinen Schritten das für uns Mögliche zu vollziehen, nämlich an unserer Sprache zu arbeiten. In der Hoffnung, heutige Menschen in erneuerter Sprache mit der Botschaft Jesu zu berühren. Wie sich dieses Vorhaben fortsetzt, über unsere Lebzeiten hinaus, ist Sache Gottes.

Ingrid Grave ist Ordensschwester der Dominikanerinnen