Ein Glaubensimpuls von Sr. Ingrid Grave

Täglich fordert uns das Leben Entscheidungen ab. Das hält uns wach und lebendig. Doch so manche anstehende Entscheidung kann uns Tage, Wochen und Monate umtreiben. Was ist gut, was ist richtig? Und wenn ich mich gezwungen sehe, zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen, die mich beide nicht ganz überzeugen? Schon bin ich im Zwiespalt. Es war mitten im Advent, mitten im Weihnachtsrummel. Dieses Übermass an Beleuchtung, diese vollgestopften Schaufenster! Wo bleibe da ich mit meinem Glauben an einen Gott, der arm und verborgen unter uns zur Welt kommt? Ich kann mich nicht total «ausklinken» aus dem Getriebe. Als Christin weiss ich um die Radikalität, mit der Jesus seinen Weg gegangen ist. Bin ich halbherzig? Da «begegnet» mir Johannes der Täufer (Lk 3, 1-22). Zu seiner Zeit war er ein Aussteiger. Er ging in die Wüste, doch dann tauchte er wieder auf und predigte am Ufer des Jordan Busse und Umkehr. Ein Spinner? Die Leute ziehen in Scharen zu ihm hinaus, und viele lassen sich taufen als Zeichen ihrer radikalen Umkehr. Andere kommen, getrieben von der Frage: Was sollen wir tun? Den Wohlhabenden sagt er: «Wer zwei Hemden hat, gebe dem eins, der keines hat!» ‒ Da müsste ich, obwohl auf einen einfachen Lebensstil bedacht, sicher noch das eine oder andere Kleidungsstück hergeben. Gleichzeitig weiss ich: Als Frau in einer Wohlstandsgesellschaft muss ich einigermassen ansehnlich gekleidet daherkommen. Es kommen auch waffentragende Soldaten zu Johannes. Den Kriegsdienst verweigern! Wäre das nicht die totale Kehrtwende? Aber nein, für diese jungen Männer würde das bald ein Leben in Arbeitslosigkeit bedeuten. ‒ «Seid zufrieden mit eurem Sold! Erpresst und misshandelt die Wehrlosen nicht.» So lautet die Antwort des Busspredigers. Und nun die Zöllner, die Steuereintreiber im Dienste der römischen Besatzungsmacht. Sie verstehen es, so manches Sümmchen ungestraft für die eigene Tasche zu «erwirtschaften». Was sollen sie tun? Aussteigen aus dem Geschäft mit dem Geld? Nein. Johannes appelliert an ihre Ehrlichkeit: «Verlangt nur das, was von der römischen Behörde festgesetzt ist.» Das radikale Christentum und die Zwiespältigkeit des Lebens! Was würde Johannes mir sagen zum Start ins neue Jahr? Ich denke: «Bleib an deinem Platz und orientiere täglich dein Leben an dem, dessen Geburt wir an Weihnachten begangen haben.»

Ingrid Grave, Ordensschwester der Dominikanerinnen.