Der Dominikanerorden, gegründet 1216, ist heute so etwas wie eine internationale Organisation. Er dürfte sich auch unter die Nonprofit- oder die Nichtregierungsorganisationen einreihen. Doch das alles trifft nicht den Kern der Sache.

Im vergangenen Juli hielt der Orden seine Generalversammlung ab, das Generalkapitel. Dieses Mal fand das Kapitel in Vietnam statt, um einen neuen Ordensmeister zu wählen. Dieser übernimmt jeweils für neun Jahre die Verantwortung für den weltweit verbreiteten Orden. Gewählt wurde der philippinische Dominikaner Gerald Timoner.

Für mich als Dominikanerin in der Schweiz war er ein noch unbeschriebenes Blatt. Das hat sich in dem Moment geändert, als ich seine „Antrittspredigt“ zu Gesicht bekam, nämlich die Predigt, die er im Abschlussgottesdienst an die internationale Versammlung der Brüder gerichtet hat. Da ging es um den Kern der Sache.

Der heilige Dominikus hat den Orden nicht nach sich selbst benannt, sondern bezeichnete ihn aufgrund des besonderen Auftrags als Predigerorden. Es geht um das Hinaustragen des Evangeliums unter die Menschen.

Der neue Ordensmeister gebrauchte dazu ein Bild, das auf den ersten Blick nicht viel mit einer Predigt zu tun hat, wohl aber mit dem Prediger selbst. Danach versieht der Prediger einen Monddienst. Die Sonne ist es, die das Licht hat; der Mond leuchtet nur, weil er das Sonnenlicht reflektiert. Jeder Predigerbruder, letztlich auch jeder Christ und jede Christin, steht in einem Monddienst. Das heisst, sich dem Strahlungsbereich der göttlichen Lichtkraft, der Sonne, aussetzen.

Dieses Bild hat mich als Schwester im Predigerorden nachdenklich gemacht. Sind es doch seit Jahrhunderten nur die Priester des Ordens, die zum eigentlichen Predigtdienst berufen werden, die Schwestern nicht. Die Kirche will es so. Gleichwohl: Im Kern der Sache geht es um den Widerschein des göttlichen Lichts.

Doch nicht alle Nächte sind vom Vollmond erleuchtet. Wir kennen die verschiedenen Mondphasen. Und auch die Mondfinsternis. Was schiebt sich da zwischen mich und das Sonnenlicht? Wie gelange ich wieder in den Strahlungsbereich der göttlichen Sonne? Damit die Menschen etwas davon sehen und erfahren dürfen? An dieser „Predigt“ werde ich ein ganzes Leben lang zu arbeiten und zu feilen haben.

Nichtsdestotrotz wünsche ich mir, dass zukünftigen Generationen von Dominikanerinnen die gleichen Möglichkeiten zur Predigt eröffnet werden wie ihren Mitbrüdern im Orden.