Kreative Menschen haben den Schwarzwald neu lanciert. Mit Produkten, die alte Traditionen neu interpretieren. Sie haben damit mehr erreicht, als sie zu hoffen wagten.

 von Anton Ladner

Ferien am Titisee galten vor 60 Jahren in der Schweiz als chic. Der Schwarzwald mit den immergrünen Wäldern und den grossen nicht bebauten Landstrichen wurde als Naturparadies bewundert. Die zahlreichen Heilbäder und die damalige Gepflogenheit, den Schwarzwald mit den Märchen der Brüder Grimm in Verbindung zu setzen, machte aus der Region eine begehrte Destination. Doch dann kamen mit den Charterflügen neue Ferienziele auf. Der Schwarzwald geriet für Familienferien aus dem Blickfeld. Viele Jahre später sorgte dann Baiersbronn, eine kleiner, stark zersiedelter Ort im Schwarzwald mit knapp 16 000 Einwohnern, für neue, internationale Schlagzeilen. Der Zufall wollte es, dass dort gleich drei Köche Superlative erreichten. Noch heute teilen sich drei Köche acht Michelin Sterne in der Traube Tonbach und im Hotel Bareiss. Deshalb gilt Baiersbronn als Gourmethauptstadt Deutschlands. Doch links und rechts davon begann das einstige Image des Schwarzwaldes zu blättern, auch aufgrund zahlreicher struktureller Veränderungen in der Wirtschaft. In den vergangenen Jahren setzte allerdings ein Wandel ein, der in mutigen Initiativen kreativer Menschen begründet liegt. Vier von ihnen hier nun im Porträt:

 

Jochen Scherzinger, Artwood Black Forest

In einem alten, abgelegenen Bauernhaus voller Kruzifixe wirkt Jochen Scherzinger in Gütenbach auf knapp 1000 Meter über Meer. Dort mit Tannen und Bergbächen im isolierten Hübschental aufgewachsen kam er auf Umwegen zum Modedesign. Er lancierte 2012 nach einem Designstudium in Mannheim Freizeitmode mit Motiven, die einen starken Bezug zum Schwarzwald hatten. Der Durchbruch gelang ihm mit Fotos seiner Freundin, den traditionellen Bollenhut auf dem Kopf, fotografiert von seinem damaligen Partner Sebastian Wehrle. Rote Bollen trägt man als unverheiratete Frau auf dem Hut, schwarze als verheiratete – Gepflogenheiten von früher, wie man im wunderschönen Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach erfährt. Scherzinger hat jedoch die alte Tradition neu interpretiert. Seine Freundin trägt ein Nasen-Piercing, männliche Fotomodelle sind gleich wie David Beckham voller Tattoos. Die Bilder, in unterschiedlicher Grösse auf Leinwand aufgezogen, stiessen auf ein enormes Echo. Heute hängen sie in vielen Restaurants und Hotels und zeugen von einem trendigen Comeback des Schwarzwaldes. Diese Sujets wurden inzwischen unzählige Male kopiert. Sie sorgten zweifellos dafür, dass der Schwarzwal «hip» und «cool» wurde. «Hypes überhypen schnell, und auch wenn unsere Region stark vom Tourismus lebt, müssen wir darauf achten, dass wir nicht von einer Kitschepoche in die nächste rauschen», warnt Jochen Scherzinger heute. Der Erfolg hat Scherzinger und Wehrle getrennt. Sie streiten vor Gericht um das Urheberrecht der Bilder. Inzwischen sind aber mit den Reihen «Herzland» und «8bit Shit» neue Scherzinger-Fotoserien entstanden, die künstlerisch anspruchsvoller sind.

 

Ingolf Haas, Kuckucksuhren Rombach & Haas

Als der Dollar einbrach und die Touristen aus den USA fernblieben, nahm auch die Nachfrage nach Kuckucksuhren drastisch ab. «Wir mussten uns neu erfinden, um zu überleben», erinnert sich Ingolf Haas. Er führt in Schonach die Uhrenmanufaktur Rombach & Haas in vierter Generation. Das seit 1894 bestehende Geschäft mit traditionellen Schwarzwald-Kuckucksuhren musste abrupt erneuert werden, um weiter bestehen zu können. Das Ehepaar Hass setzte 2005 auf modernes Design, was bei einer Kuckucksuhr streng genommen ein Widerspruch in sich ist. Aber die «revolutionierte Kuckucksuhr», so Haas, kam am Markt gut an. Seither hat sich Rombach & Haas mit modern gestalteten Versionen, viele davon Unikate von Ehefrau Conny Haas, neu etabliert. Input für die Gestaltung der Uhren kommt auch von Tochter Selina Haas, die Kunst studiert hat und mit einem witzigen Plakat für die Destination Schwarzwald regionale Bekanntheit erlangt hat. Gleich gegenüber der Manufaktur führt sie heute eine Galerie mit eigenen Werken. Die Familie Haas arbeitet in einem faszinierenden Gleichgewicht. Die Manufaktur erscheint in ihrem Anachronismus wie aus einem Film. Die Uhren, die dort entstehen, sind jedoch moderne Objets d’art. Diese Mischung hat schon zu 97 TV-Reportagen über Rombach & Hass geführt, wie Ingolf Haas berichtet. Einzelne Modelle haben heute eine Wartefrist von mehreren Monaten. «Wir bleiben uns aber treu», sagt er. Haas meint damit auch, dass er sich vom Erfolg seiner Uhren nicht blenden lässt.

 

Hannes Schmidt, Boar Gin

 Bad Peterstal-Griesbach besteht heute aus 51 Dörfern und überall wird immer noch Alkohol gebrannt – aus Zwetschgen, Birnen, Äpfeln und vielem mehr. Gleich wie im nahe gelegenen Oberkirch, wo auf 20 000 Einwohner fast 1000 Hausbrennereien kommen. Dass dies heute kein Geschäft mehr ist, liegt auf der Hand, weil sich auch die Trinkgewohnheiten verändert haben. Der Klare zum Bier hat nicht überlebt. Das bekam auch die 175-jährige Brennerei Kessler in Bad Peterstal zu spüren. Die neue Generation war herausgefordert. Zusammen mit Hannes Schmidt und einem Freund entschied sich der Kessler-Spross Markus 2014, auf Gin zu setzen. Damals zeichnete sich nämlich ein Comeback von Gin ab. Das Trio experimentierte mit zahlreichen Varianten und kam schliesslich auf den Schwarzwälder Burgundertrüffel. Nicht als Aromageber, sondern als Schärfepuffer. Die chemische Reaktion mit den Trüffeln macht Alkohol mild. Dank der Zugabe von Lavendel – eine Inspiration von Schmidts französischer Gattin – hat der Gin einen langen floralen Abgang. Der Gin wird in einer 25 Jahre alten Brennblase sorgfältig von Hand produziert und unter dem englischen Namen Boar für das männliche Wildschwein vermarktet. Seit 2017 ist er ein Grosserfolg, seit er zum besten Gin der Welt gekürt wurde. Inzwischen kann selbst Hannes Schmidt die Auszeichnungen nicht mehr frei aufzählen, die der Boar Gin international gewonnen hat. Es sind schon 15 Awards. Erfolg zieht bekanntlich Erfolg an: Die Firma Schwarzwald Sprudel führt ein Tonic Water im Angebot, das sich im Windschatten von Boar Gin als Partner für einen edlen Gin Tonic etabliert hat.

 

Beckesepp, Schwarzwälder Cake aus der Dose

Es war seine Schwester, die ihn auf den Schwarzwälder-Kirschkuchen in der Dose brachte. Die Schwarzwälderin, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten lebt, vermisste die Backwaren aus ihrer Heimat sehr. Das knusprige Brot oder die herrliche Schwarzwälder Kirschtorte. So spornte sie ihren Bruder Josef Ruf an, eine exportfähige Köstlichkeit zu entwickeln. Unter der Marke Beckesepp ist er Herr eines Backunternehmens in dritter Generation mit neun Standorten in der Umgebung von Freiburg. Da er neben der Holzofenbäckerei in St. Peter auch sechs Edeka-Supermärkte führt, verfügt er über viel Know-how, was die Kundenbedürfnisse betrifft. Schliesslich überzeugte ihn der Rührkuchen mit acht Prozent Kirchen und 3,5 Prozent Schwarzwälder Kirschwasser, der in der Dose gebacken wird und sich dabei auf 250 Gramm reduziert. Wer die Dose oben und unten öffnet, den runden Kuchen auf einen Teller stülpt, einige Minuten sein Aroma entfalten lässt, hat ein überzeugendes Dessert zum Servieren. Was als Überraschung für die Schwester konzipiert war, ist heute ein lustiges Geschenk aus dem Schwarzwald. Im Test auf der Redaktion wollten wir den Kuchen der Schwarzwälder Torte annähern. Wir schnitten ihn in Scheiben, trugen auf jede Scheibe Schlagrahm auf und bauten den Cake wieder zusammen. Beim Kosten fielen die Urteile ziemlich gemischt aus. In einem Punkt waren sich aber alle einig: Eine Schwarzwälder Kirschtorte schmeckt viel besser. Das findet auch Josef Ruf.