Vor drei Jahren wurde die Schatzkammer in der Luzerner Hofkirche neu ins Licht gerückt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der schweizweit einzigartige Raum, 1932/33 vollständig ausgemalt im damals modernsten Art déco-Stil, vermittelt die Stimmung des «Himmlischen Jerusalem». Die leuchtend farbige, orientalisierende Ausgestaltung bildet zusammen mit der Renaissancearchitektur des Raums sowie der Aura der hochbedeutenden Schatzobjekte aus Gotik und Barock einen verzaubernden Dreiklang. 

Von Urs-Beat Frei  

Der millionenfach gehörte und getanzte Hit »Jerusalema« von Master KG besingt Jerusalem als einen Sehnsuchtsort, wo Friede herrscht und alle Frieden finden, wo es nur glückliche und fröhliche Menschen gibt. Angespielt wird damit auf die biblische Vision des «Himmlischen Jerusalem». Während das erste Buch der Bibel das Paradies als irdischen Garten vorstellt, zeichnet deren letztes, die »Offenbarung des Johannes«, das endzeitliche Paradies als Stadt, die vom Himmel herabfährt und das neue, eben »Himmlische Jerusalem« bildet. An diesem Sehnsuchtsort erfüllen sich alle Heilshoffnungen der Menschen. 

Von alters her werden christliche Kirchen als vorweggenommene Repräsentationen des «Himmlischen Jerusalem» auf Erden verstanden. In einem lateinischen Hymnus, der anlässlich der Einweihung von Kirchen gesungen wird, kommt das sehr schön zum Ausdruck. Ursprünglich im 7. oder 8. Jahrhundert gedichtet, wurde er im 17. Jahrhundert leicht verändert. Seine erste Strophe lautet in deutscher Übersetzung: «Himmlische Stadt Jerusalem, glückselige Vision des Friedens, die du – aufgetürmt aus lebenden Steinen bis zu den Sternen emporwächst und wie eine Braut von tausend mal tausend Engeln umgeben bist.» 

Diese erste Strophe des bildstarken Hymnus schrieb der heute weitgehend unbekannte Maler Alfred Schmidiger (18921977) in grossen Buchstaben über die Eingangstür zum Luzerner Stiftsschatz. Versteckt in der lateinischen Inschrift ist die römische Zahl 1932. Mit ihr hat der Künstler ein Werk datiert, das, rückblickend gesehen, sein Hauptwerk werden sollte und schweizweit einzigartig blieb: Vom Chorherrenstift St. Leodegar und von der Kirchgemeinde Luzern hatte er den Auftrag bekommen, die Schatzkammer der Hofkirche, die durch die zwei toskanischen Säulen vom Stil der Renaissance geprägt ist, neu auszugestalten.

Eine Farbsymphonie
Diese Aufgabe hat er mit einer vollständigen Ausmalung des Raums im damals modernsten Art déco-Stil gelöst, wobei der Hymnus über der Tür zweifelsohne seine damit verfolgte Absicht offenbart: in dem eingewölbten Raum mit einer weitgehend ornamentalen, orientalisierenden «Farbensymphonie» die Stimmung des «Himmlischen Jerusalem» zu erzeugen. Auch der etwas rätselhafte, ca. zwei Meter grosse Engel, der die einzige freie Wand ziert, ist wohl auf diesen Hymnus zu beziehen. Es ist ein Seraph mit riesigen Flügeln und Flammenhaar. Die ihn umflatternden Schmetterlinge sind Ewigkeitssymbole. 

Erstmals macht die neue Beleuchtung der Schatzkammer die himmlische Stimmung, die Schmidiger hervorrufen wollte, wirklich erfahrbar, sodass die Besucher eintauchen können in eine «andere Welt». Bei den Führungen erklingt jeweils am Anfang der erwähnte Hymnus als gregorianischer Choral, was dieses Eintauchen in himmlische Sphären akustisch befördert. Einen Höhenpunkt schliesslich erreicht die Besichtigung dann, wenn sich auch noch eine um die andere der Schrank- und Panzertüren öffnet, welche die Schatzkammer auf drei Seiten einfassen, und die goldenen und silbernen Objekte vor allem aus der Zeit der Gotik und des Barocks in den Raum leuchten. Im Mittelalter und auch später noch wurde das Gold als materialisiertes Licht verstanden, als die Sphäre des Göttlichen.   

Zu bewundern sind rund 100 mit grosser künstlerischer Fertigkeit geschaffene Kelche, Monstranzen, Reliquiare, Kruzifixe, Skulpturen, Bilder, liturgische Gewänder aus einer Zeitspanne von über 800 Jahren. Auch die schiere Schönheit, die solche Objekte auszeichnet, wurde seit der Spätantike immer wieder als Offenbarung Gottes und seiner Schöpferkraft verstanden 

Zeugnisse der jeweiligen Zeit
Und wenn Papst Franziskus der Weitergabe des christlichen Glaubens durch den
«Weg der Schönheit» besondere Wichtigkeit beimisst (vgl. «Freude des Evangeliums», Nr. 167), dann kommt dieser Schatzkammer eine ganz eigene, zutiefst spirituelle Bedeutung zu: Sie ist in ihrer Gesamtwirkung Verkündigung. Darüber hinaus erzählt jedes einzelne Objekt seine Geschichte und ist Ausdruck gelebter Frömmigkeit der Menschen, die es gemacht, in Auftrag gegeben oder erworben haben. Alle Schatzobjekte sind Zeugnisse ihrer jeweiligen Zeit respektive der kirchlichen, politischen und kulturellen Situation, der sie entstammen. Noch heute vermögen die Geschichten, welche die Schatzkammer erzählt, zu fesseln. Einigen davon gehen wir in weiteren Beiträgen in den kommenden Monaten nach.