Brot backen ist in. Anschliessend postet man die Bilder auf Instagram, damit die Follower sehen, was man Tolles geschaffen hat. Der Versuch einer Erklärung des Phänomens, das mal harmlos, mal infantil und manchmal kulinarisch bemerkenswert ist.

von Christine Schnapp

Der Rückzug vieler Menschen ins Private hat schon vor einer Weile begonnen und war selbstgewählt, bevor Corona ihn zu einer Notwendigkeit machte. Es ist oftmals eine Untergruppe der Millennials, die man Schneeflocken nennt, die sich in den eigenen vier Wänden am wohlsten fühlen. Von ihren Eltern von vorne bis hinten verhätschelt und umsorgt, haben sie nie gelernt, mit Schwierigkeiten umzugehen, weil ihnen stets alle aus dem Weg geräumt wurden. Das Resultat sind hypersensible egozentrische Erwachsene, denen diese Welt zu rau und komplex ist. Deshalb sitzen sie komplexitätsreduziert zu Hause in ihren Wohnungen, die aussehen wie die Kulissen eines Fotoshootings für die Landliebe, leben teilweise Partnerschaften mit Geschlechterrollen wie in den 1950er-Jahren, backen gesundes Vollkornbrot und machen selbstgezogenes Bio-Gemüse ein. Was, dass wir uns richtig verstehen, eigentlich nichts Schlechtes ist. Doch das selbst Eingemachte, Gebackene, Gehäkelte usw. dient nicht einfach der persönlichen Ernährung oder Einrichtung, sondern muss samt und sonders auf Instagram gepostet werden. Damit erhält vergleichsweise Unbedeutendes eine Wichtigkeit und Öffentlichkeit, als wenn es ein echter Beitrag zu einer besseren Welt wäre. Und das Privatheitsprinzip wird ad absurdum geführt, weil der Rückzug eben kein echter ist, sondern einer, der permanent nach Beifall aus der, genau, Öffentlichkeit oder zumindest Halböffentlichkeit giert.

Daneben gibt es natürlich auch noch viele, viele weitere psychologisch unauffällige Brotbäcker, Häkel-Follower und Instagram-Konfitürenköchinnen, die einfach aus Lust am Tun kochen, braten, backen und posten. Ihnen könnte man höchstens vorwerfen, dass sie ihre Energie zwischendurch auch mal zugunsten eines Einsatzes für eine bessere Welt einsetzen könnten, statt nur für ein besseres Foto. Aber vielleicht tun sie das auch, und wenn nicht, dann gilt trotzdem immer noch: Leben und leben lassen.

Nicht so einfach

Doch tun wir jetzt doch mal einen Blick auf die Elaborate, die die Instagram-Foodporn-Gemeinde da täglich vom Stapel lässt. Keine Frage, da sind echte kulinarische Kunstwerke aus den Bereichen Patisserie und Bäckerhandwerk darunter und wenn die vielen, schön angerichteten veganen und vegetarischen Speiseinspirationen ihre Follower animieren, auch mal auf Fleisch zu verzichten, dann ist sogar ein kleiner Beitrag zu einer besseren Welt gelungen. Bleibt für mich die Frage, warum gerade Brotbacken so hoch im Kurs steht. Denn Brot backen, das meine ich als ziemlich versierte Köchin beurteilen zu können, ist eine der schwierigsten Disziplinen, die man in Küchen bewältigen kann. Wasser, Mehl, Salz und Hefe mischen und das Resultat in den Ofen schieben kann jeder. Aber ein Brot herzustellen, das eine knusprige, nicht zu dicke Kruste hat, innen leicht und luftig, nicht zu trocken, nicht zu feucht ist, mindestens eine Woche ohne Qualitätseinbussen geniessbar, schön anzusehen ist, fein – und damit nicht zu penetrant nach Hefe – riecht und nach dem Essen nicht wie ein Klumpen im Magen liegt, das kann bei Weitem nicht jede und jeder. Klar, man wächst mit den Anforderungen, die man an sich stellt, und dabei nicht geizig zu sein ist in meinen Augen ein Strich auf der positiven Seite der Persönlichkeits-Pro-und-Kontra-Strichliste. Also definitiv ein Punkt für die Instagram-Backgemeinde.

Warum gerade Bananenbrot?!

Die andere Frage ist, warum unter den hippen Broten, die da produziert werden während des Lockdown, ausgerechnet das Bananenbrot oben aufschwang. Bananen kommen von sehr weit weg zu uns, sind mit solch Unmengen von Pestiziden behandelt, dass Einheimische in den Herkunftsländern sie niemals essen würden, und nicht selten mussten in den Plantagen auch kleine Kinderhände mit anpacken. Ausserdem verfügen Bananen über einen äusserst eigenwilligen, durchdringenden, süssen Eigengeschmack, dass sie kalt noch knapp gehen, aber erhitzt ein gustatorisches Eigenleben annehmen, das an eine Mischung aus Kompost, Verwesung und Zuckerwatte erinnert, die schier unter Strafe gestellt werden sollte. Und nicht zuletzt: Es sieht auch überhaupt nicht hübsch aus, wenn oben auf dem Brot eine längs aufgeschnittene Banane liegt, die beim Backen schwarz, grau, braun wird – ich hoffe sehr, Sie gehen dabei mit mir einig, auch wenn selbstverständlich gilt: Auch Bananenbrot ist Geschmackssache.

Damit hier nicht nur gelästert wird, habe ich im Lockdown selbstverständlich auch selbst dreimal zum Teiglöffel gegriffen. Einfach gemacht habe ich es mir dabei nicht, denn 0815-Brote sollten es nicht werden. Deshalb habe ich einmal ein Rezept des französischen Starkoches Alain Ducasse und seines langjährigen Patissiers Frédéric Robert ausprobiert, eines von Tanja Grandits, Gault Millau-Koch des Jahres 2014 und 2020, und ja, ein Bananenbrot – und zwar erst noch vegan.