Der 39-jährige Joel Eschmann wird Ende des Monats in Solothurn von Bischof Felix Gmür zum Priester geweiht. Im Interview gibt er Einblick in seine Motive für diese Berufswahl. In der vergangenen Ausgabe kam Stefan Tschudi zu Wort, der mit 68 Jahren statt Pensionär Priester wird. Dabei fällt auf: Ob Eschmann oder Tschudi – der treibende Geist kennt kein Alter.

von Stephan Leimgruber

Joel Eschmann, vor dem Theologiestudium an der Uni Basel haben Sie Geschichtswissenschaften studiert und eine Dissertation über die Kreuzzüge geschrieben. Was bringt Ihnen dieses Studium für die Seelsorge?

Das Zweitstudium Theologie konnte ich so gewissermassen schon mit einem leicht gefüllten Rucksack beginnen. Vieles war mir bekannt, inhaltlich wie auch formell. Ich konnte mich ganz anders auf das Studium einlassen, viel vertiefter, da ich nicht erst mühsam alle Grundlagen erarbeiten musste. Ich habe das sehr genossen und es war eine Bereicherung für mich. Für die praktische Seelsorge erachte ich eine fundierte Ausbildung als unerlässlich. Viele denken, Glaube sei bloss Privatsache und deshalb könne jeder einfach behaupten, was er wolle. Da versuche ich entschieden entgegenzuhalten. Auch in einem persönlichen Seelsorgegespräch geht es nicht ohne ein solides theologisches Fundament.

Sie haben neben Theologie auch Philosophie studiert. Was ist da Ihr Gewinn?

Das Philosophiestudium hat mich vor allem das klare Denken gelehrt. Ich war immer fasziniert davon, einen Gedanken konsequent zu durchdenken und von verschiedenen Seiten her zu beleuchten. Das war besonders am Anfang sehr anspruchsvoll und manchmal auch etwas trocken. Man kann das Christentum nicht verstehen, ohne die antiken Philosophen und Kirchenväter studiert zu haben. Da sehe ich heute zumindest hier in der Schweiz auch ein bisschen ein Problem: Mit der Zusammenlegung von Philosophie- und Theologiestudium im Masterstudiengang kommt die Philosophie einfach zu kurz. Immer mehr kommen die theologisch gewichtigen Stimmen aus anderen Teilen der Welt. Und da studiert man an den meisten Orten eben zuerst Philosophie, bevor man sich der Theologie zuwendet.

Sie stammen von Balsthal und sind in der Jungwacht und als Ministrant gross geworden. Welche Grundlagen wurden in Ihrer Heimatpfarrei gelegt, dass Sie den Priesterberuf wählten?

Dort habe ich auf verschiedene Weise Gemeinschaft erfahren. Und man hat mir schon früh Verantwortung übertragen, mir etwas zugetraut, mich bestärkt und gefördert. Die kirchlichen Jugendverbände waren für mich Lebensschule. Übrigens engagiere ich mich noch heute für diese Verbände, weil ich sie eine grossartige Sache finde. Und die Pfarrei war auch immer eine generationenübergreifende Gemeinschaft. Das hat mich immer beeindruckt und auch geprägt. Ich habe schon als Jugendlicher gemerkt, dass ich es genauso gut mit gleichaltrigen wie mit viel älteren Menschen kann.

In welchen Zusammenhängen ist bei Ihnen die Idee, Priester zu werden, erstmals am Horizont des Lebens aufgetaucht?

Ich habe schon als Teenager irgendwie gespürt, dass Priester etwas für mich sein könnte. Ich war immer gerne im Gottesdienst und habe mir gedacht: Was der da macht, das möchte ich auch einmal. Aber auch andere Tätigkeiten wie Katechese, Seelsorge, Jugendarbeit, Betreuung älterer Menschen etc. haben mich angesprochen. So war das für mich schon nach der Matura eine Möglichkeit. Aber es gibt da natürlich viele Probleme und das nicht erst seit den jüngsten Verbrechen, die in der Kirche auch von Priestern begangen worden sind. Das Grundlegendste scheint mir, dass der Priesterberuf an Attraktivität verloren hat und gleichzeitig auch diffuser geworden ist. Als junger Erwachsener sagt man nicht: Ich möchte Priester werden. Das kommt bei vielen sehr schräg an. Im Alter von 25 Jahren hätten mich sowohl das Theologiestudium als auch die pastorale Praxis überfordert. So hatte ich sehr viel Zeit, meinen Lebensweg zu reflektieren und zu prüfen.

Was finden Sie am Priesterberuf faszinierend und lohnend?

Ich finde, der Priesterberuf ist der befreiendste überhaupt, fast so wie der Beruf eines Künstlers. Erstens muss man nichts herstellen oder produzieren, man muss keinem Zeitplan hinterherrennen und man muss keine bestimmte Leistung erbringen. Zweitens darf der Priester der schönsten Beschäftigung nachgehen, nämlich dem Zeugnisgeben von der heil- und freimachenden Botschaft des Evangeliums. Drittens hat der Priester tagtäglich mit Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen zu tun. Es ist nicht nur ein Kontext, der den Alltag des Priesters bestimmt, sondern es sind immer die vielen verschiedenen Kontexte von Geburt bis Tod, von Freude und Leid, von Gemeinschaft und Alleinsein, von Gebet und Diskussion, von Prosa und Poesie …

Und wie kommen sie mit der zölibatären Lebensform zurecht? Wie geht es Ihnen mit dem täglichen Breviergebet?

Die entscheidende Frage ist für mich, wie man auf diese Dinge schaut: Will ich Priester werden und muss deshalb Zölibat und tägliches Gebet auf mich nehmen oder sind Zölibat und tägliches Gebet das, was ich will, und kann ich deshalb Priester werden? Mir begegnet oft erstere Sichtweise. Ich finde das sehr problematisch und es sollte ganz besonders während der Ausbildungszeit thematisiert werden. Die Lebensform muss aus meiner Sicht das Primäre sein und als Erstes geklärt werden, denn sonst verkommt der Priesterberuf zu einer Tätigkeit wie jede andere auch, und die Lebensform wird dann als Hindernis und als unzeitgemäss empfunden. Das ist meiner Meinung nach auch das grosse Missverständnis in der aktuellen Debatte um die priesterliche Lebensform. Die Sichtweise auf Zölibat und Gebetsleben müsste aber auch etwas realistischer daherkommen: Zum einen leben ja nicht nur katholische Priester zölibatär, sondern viele andere Menschen auch. Da hat auch niemand ein Problem. Und dann müsste auch in der Priesterausbildung thematisiert werden, dass Liebesgefühle nichts Schlechtes sind und dass diese mit der Priesterweihe nicht einfach abgestellt werden können und müssen. Sich zu verlieben gehört zum Leben dazu und jeder wird sich im Leben wohl mehrmals verlieben. Entscheidend sind der Umgang damit und die Sichtweise darauf.

Welche Erwartungen haben Sie als künftiger Vikar an die Gläubigen? Und was erwarten Sie von der beruflichen Zukunft in einem Pastoralraum?

Ich erwarte von den Gläubigen, dass sie sich bewusst sind, dass sie auf verschiedene Weise Dienste in unseren Pfarreien ausüben und wahrnehmen. Dementsprechend wünsche ich mir weiterhin eine aktive Beteiligung aller. Und, was mich betrifft, eine gewisse Toleranz, dass auch ein Priester nicht alles perfekt macht. Und für die Pastoralräume wünsche ich mir das Erkennen der Chancen, die sich bieten, und das vermehrte Zusammenarbeiten.