Der Jordan ist ein Fluss. Kann man einen Fluss zum Singen auffordern? Die Dichternonne Silja Walter nimmt sich diese Freiheit. Die Wasser des Jordan sollen singen und schwingen. Über die Wüste hin.

Was inspiriert die Dichterin zu solch schwungvollen Empfindungen? Es ist ein Ereignis, das in der Bibel eher ganz nüchtern beschrieben wird: die Taufe Jesu.

Jesus kommt an den Jordan, wo an einer bestimmten Stelle abseits der Städte ein gewisser Johannes steht und Umkehr predigt. Man pilgert zu ihm hinaus, um diesen seltsamen Mann zu sehen, zu hören und – im Flusswasser stehend – sich in Bussfertigkeit von ihm taufen zu lassen.

Von Jesus weiss die Welt zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nichts. Auch Johannes, der Täufer, «weiss» nichts   den biblischen Berichten zufolge.

Uns heute stellt sich die Frage: Warum zieht es Jesus von Nazareth weg, um sich im Jordan taufen zu lassen? Die Taufe war ein Reinigungsritual. Dahinter stand der Wille zu einem Neubeginn. Vielleicht war es das, was Jesus an den Jordan trieb: die Bewusstwerdung seiner Sendung. Weder erwartet noch erkannt, nähert er sich der Taufstelle. Doch einer, nämlich Johannes, «erkennt» den seit Generationen Erwarteten, die Sehnsucht seines Volkes, den Gottgesandten.

Hier erfüllt sich etwas! Johannes sieht es voraus: Da ist einer, der mit Geist und Feuer taufen wird. Die Dichterin sagt es im Rückblick: «Jordan, sing! Deine Wasser sind trunken vom Glanze dessen, der darin steht.»

Wir befinden uns in der Nachweihnachtszeit. Der Gesang der Engel auf den Feldern von Bethlehem klingt noch nach. Darin mischt sich aber in der Liturgie der Festtage abrupt etwas ganz irdisch Brutales. Wir erfahren vom Kindermord in Bethlehem und von der Flucht der jungen Eltern mit ihrem Kind nach Ägypten. Und schon folgt im liturgischen «Programm» des Januars der Sprung zum erwachsenen Jesus, der sich taufen lässt. Jesus, etwa 30 Jahre alt, steht als Lamm in den Fluten. So sagt es Silja Walter. Noch weiss niemand, dass er drei Jahre später – wehrlos wie ein Lamm – unschuldig den Verbrechertod erleiden wird – in der Wüstenhaftigkeit dieser Welt. Der Christus, Heilsbringer, Hoffnungsträger und Messias, erleidet in Treue zu seiner Sendung und seiner Überzeugung die Feuertaufe am Kreuz.

Noch steht er im Wasser des Jordan, aber bereits als Gottes Lamm, das den Fluten Glanz verleiht.

Ob wir es zu sehen vermögen?

 

Jordan, sing!
Schwing deine Wasser
über die Wüste hin.
Trunken bist du vom Glanz darin:
Jesus, der Christus,
steht als Lamm in den Fluten.

Silja Walter, Stundenbuch