Jedes Jahr vor Ostern ist er die tragische Hauptfigur in den biblischen Texten der Gottesdienste: Judas Iskariot, einer der zwölf Jünger Jesu, der seinen Herrn mit einem Kuss an die römischen Soldaten auslieferte. In der christlichen Tradition und im Religionsunterricht, in der Literatur und in der bildenden Kunst ist Judas zum zeitlosen Inbegriff für Geldgier, Verrat, Subversion und menschliche Niedertracht geworden. Doch wie konnte es dazu kommen, dass das Christentum Judas als Verkörperung des Bösen ansah, der wie ein Magnet menschliche Hassgefühle auf sich zieht?

von Christian Cebulj

Wir werfen dazu einen Blick in den erfolgreichen Roman «Die Künstliche Mutter» des in Menziken geborenen Schriftstellers Hermann Burger (1942−1989). Seinen Helden, der gerade durch Intrigen an der Universität seine Professur verloren hatte, lässt er in einem Selbstgespräch sagen: «Ein Infarkt kam nicht in Frage. Nein, ich gönnte diesen Judassen der Abteilung für Geistes- und Militärwissenschaften alles, nur nicht einen Herzinfarkt als Alibi einer natürlichen Todesursache ihres für dreissig Silberlinge verratenen Nachwuchs-Germanisten.»

Werfen wir einen zweiten Blick auf die Passionsspiele in Oberammergau oder anderswo, dann ist bei den Männerrollen neben der Rolle Jesu immer die des Judas die begehrteste. Das Böse ist stets faszinierend, es gehört einfach zu jedem Drama, denn es erzeugt bei den Zuschauern ein Gefühl der Abneigung und Bewunderung zugleich. Es ist dann ganz folgerichtig, dass Judas im Neuen Testament auch noch der Verzweifelte ist, der am Ende keinen Ausweg mehr sieht und sich erhängt.

 

Mehr Freund als Verräter
Die Gestalt des Judas in der Bibel bleibt schillernd. Dafür ist die Tatsache verantwortlich, dass die vier Evangelien des Neuen Testaments verschiedene Judas-Geschichten erzählen. Markus schildert ihn einfach als einen der Zwölf. Matthäus kennt das Motiv der 30 Silberlinge, das nach dem Propheten Sacharja jedoch ein Spottgeld war und das Motiv der Geldgier nicht rechtfertigt. Derselbe Matthäus erzählt aber auch von der Reue des Judas, der das Geld in den Tempel zurückbringt und sich anschliessend erhängt. Lukas nennt Judas als Einziger tatsächlich einen Verräter (griech. prodotes), der obendrein das Werkzeug des Satans sei und Jesus aus Enttäuschung oder Geltungssucht an die Römer übergebe. Das schillerndste Judasbild zeichnet das Johannesevangelium. Dort ist zwar nicht von den 30 Silberlingen die Rede, aber von Judas, dem Kassenwart, der unverblümt als Dieb bezeichnet wird, in den der Teufel fährt und der als Sohn des Verderbens in die Nacht hinausgeht. Andererseits ist Judas bei Johannes der Einzige der Zwölf, mit dem Jesus beim Abendmahl den Bissen in dieselbe Schüssel taucht. Eigentlich ein antikes Freundschaftszeichen.

 

Für ein faires Judasbild
Die biblischen Texte bleiben ambivalent und sollten nicht schöngeredet werden. Aber die christliche Theologie und Kirche haben auch die Verantwortung, ein faires Judasbild zu zeichnen, das ohne Antisemitismus auskommt. Über fast zwei Jahrtausende galten jüdische Menschen als «ungläubig», weil sie Jesus nicht als Messias anerkannt haben. Und sie galten als geldgierig und verräterisch, weil das Feindbild von Judas auf die ganze jüdische Religion übertragen wurde und schliesslich im Vorwurf des «Gottesmords» endete. In den christlichen Wandmalereien zur Passionsgeschichte ist der Mantel des Judas immer in Gelb gezeichnet, der Farbe des Neids. In seinem Roman «Judas» (2014) schreibt der israelische Schriftsteller Amos Oz, in der Judasgeschichte liege eine der Wurzeln des religiösen Antijudaismus, der sich bis hin zum Antisemitismus der Neuzeit fortgesetzt habe. Amos Oz weiter: Hätte Judas einfach Josef geheissen, hätte es die Parallelisierung zwischen «Judas» und «Juden» vielleicht nie gegeben und es wäre gar nicht zur fatalen Konfliktgeschichte zwischen Judentum und Christentum gekommen.

 

Neue faire Übersetzung
Im Sinne eines fairen Judasbilds darf es deshalb als Erfolg gelten, dass die neue Einheitsübersetzung der Bibel aus dem Jahr 2016 die Gestalt des Judas durch eine kleine, aber wichtige Variation in ein neues Licht rückt. Was der Neutestamentler Hans-Josef Klauck schon vor 30 Jahren gefordert hatte, wird jetzt in allen katholischen Gottesdiensten so vorgelesen: An allen Stellen nämlich, wo im griechischen Urtext der vier Evangelien das Verb «paradidomi» steht, das früher mit dem dramatischen «verraten» übersetzt wurde, steht jetzt das viel neutralere «ausliefern». Die Tat bleibt die Tat, aber die Motive der Auslieferung bleiben offen, darüber können wir bis heute nur spekulieren.

 

Bruno Ganz als Judas Iskariot
Genau diese spekulative Leerstelle im Text der Bibel ist es, die Schriftsteller, Maler und eben auch Schauspieler aller Zeiten genutzt haben, um ihren Gedanken zu den Motiven des Judas freien Lauf zu lassen. So auch Bruno Ganz, der nicht nur den Engel über Berlin, den Hitler im Bunker und den Alpöhi auf dem Schlitten spielte, sondern auch den Judas im Kerker. Bruno Ganz spielte jede Rolle, die ihn interessierte, und das mit Hingabe. Am 22. März 2021 wäre er 80 Jahre alt geworden. Er fehlt uns in der Welt des Theaters und des Kinos, die er als einer der grössten Schauspieler der Schweiz jahrzehntelang geprägt hat.

Meine erste (filmische) Begegnung mit Bruno Ganz war am Ende meines Theologiestudiums der 30-minütige Monolog «Ich ein Jud – Verteidigungsrede des Judas Iskariot» (1989), den Bruno Ganz nach der gleichnamigen Vorlage von Walter Jens für den deutschen Fernsehsender SWR einspielte. Vor der Kulisse einer halb zerfallenen Kirche steht Bruno Ganz als Judas in einer Mönchszelle vor der aufgeschlagenen Heiligen Schrift, einer brennenden Kerze und einem Tischkruzifix. In der Version von Walter Jens ist die von Bruno Ganz vorgetragene Rede des Judas die grosse Abrechnung eines Mannes, der von der Geschichte zum Sündenbock gemacht wurde und, wie er mit messerscharfer Logik ausführt, eher wider Willen zum Erfüllungsgehilfen des göttlichen Heilsplans avancierte: denn ohne Judas kein Kreuz, ohne Kreuz keine Auferstehung und ohne Auferstehung keine Kirche. Der Film endet mit den Worten «Im Zweifel für den Angeklagten».

Am 15. Juni 2018 durfte ich Bruno Ganz live erleben, als er an einer Lesung aus der Schostakowitsch-Biografie «Europe Central» von William Vollmann las. Bei der anschliessenden Autogrammstunde lud ich ihn ein, im Rahmen des Jubiläums «50 Jahre Theologische Hochschule Chur» nochmals die Verteidigungsrede des Judas im Theater Chur auf die Bühne zu bringen. Ganz sagte ohne Zögern zu, schon allein, weil er sein geliebtes «Heidi», die Kinder-Darstellerin Anouk Steffen aus Chur, wiedersehen wollte. Wenig später sagte seine Agentur dann den Besuch ab, weil Bruno Ganz schon zu krank war. Er lebte die letzten Jahre in Wädenswil unweit der Halbinsel in Au am Ufer des Zürichsees, wo er am 16. Februar 2019 seiner Krebserkrankung erlag.

 

Im Zweifel für den Angeklagten
Im 34. Paragrafen der Verfassung der französischen Revolution von 1793 heisst es: Das Wohl der Gesellschaft bemesse sich danach, inwieweit jeder einzelne Teil der Gesellschaft zu seinem Recht komme. Der Paragraf lautet wörtlich: «Die Gesamtgesellschaft ist unterdrückt, wenn nur ein einzelnes ihrer Mitglieder unterdrückt ist.» Menschlichkeit bemisst sich nach dem Verhältnis der Gesamtgesellschaft zu ihren Aussenseitern. Das können Juden sein oder Homosexuelle oder Flüchtlinge oder Frauen, die im Lauf der Geschichte als Hexen verketzert wurden. Die christliche Sozialethik hat aus dieser philosophischen Grundannahme der Aufklärung die Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität entwickelt, die unsere europäischen Sozialstaaten bis heute tragen. Judas war ein Aussenseiter, der einen fairen Umgang und daher unsere Solidarität braucht, ohne seine Geschichte zu beschönigen. Walter Jens hat in seinem Buch «Der Fall Judas» daher für die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Judas plädiert, um sein über die Jahrhunderte entstandenes Zerrbild zu revidieren und der biblischen Judas-Gestalt besser gerecht zu werden.

 

Ohne Jesus kein Judas, ohne Judas kein Jesus
Um Ostern wird in den Gottesdiensten, in den Passionskonzerten im Fernsehen und manchen Filmen, die an den Feiertagen laufen, wieder oft von Judas die Rede sein. Wenn es dann heisst «In der Nacht, in der Jesus verraten wurde» wissen wir jetzt, dass «verraten» so nicht in der Bibel steht, sondern «ausliefern» die bessere Übersetzung wäre. Wahrscheinlich war Judas ein Stück Schurke, aber auch ein Stück Streber. Ein Mensch mit unergründlichen Motiven, aber auch einer, der es besonders gut machen wollte. Ein Mensch wie wir eben. Oder wie es Kurt Marti in seinem Gedichtband «abendland» ausgedrückt hat:

 

«schöner judas / da die sonne ihren untergang feiert / berührst du mein herz / und ich denke dir nach / ach was war / dein einer verrat / gegen die vielen / der christen und kirchen / die dich verfluchen? / Ich denke dir nach / und deiner / tödlichen trauer / die uns beschämt»