Ab wann empfinden Sie Mangel? Oder umgekehrt gefragt: Was muss unverzichtbar Teil Ihres Lebens sein, damit es für Sie ein gutes Dasein ist? Diese Fragen beantwortet wohl jeder Mensch etwas anders, denn die Antwort hängt von persönlichen Gegebenheiten ab. Nicht zuletzt auch von Beruf und Lebenseinstellung. Wir haben eine kleine Sammlung von Auseinandersetzungen mit diesen Fragen zusammengetragen, die einmal etwas persönlicher und einmal eher sachlich angegangen werden. Einig sind sich die Schreiberinnen und Schreiber jedoch darin, dass es eigentlich gar nicht so viel braucht, um die gefühlten grossen und kleinen Mängel in seinem Leben ausmerzen kann und soll.

von Christine Schnapp

 

Irmi Seidl, Umweltökonomin und Leiterin der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL)

Nur kleine Mankos

Ich empfinde keinen Mangel! Mit Mangel assoziiere ich ein Defizit am Existenziellen: hungern, kein Dach über dem Kopf haben, nicht genug Geld für Essen und Wohnen, keine Gesundheitsversorgung.

Ich kenne nur kleine Mankos. Wie ich sie empfinde, das liegt an mir: So kann es sein, dass mein Magen knurrt, weil leer. Aber ich kann mir sagen, dies ist eine gute Gelegenheit, um das Gefühl des Fastens zu erfahren. Oder ich gehe nicht oft genug an die frische Luft und mache zu wenig Sport, dann muss ich mir eingestehen, dass ich meine Prioritäten falsch setze. Verschiedentlich bedauere ich auch, nicht genug kulturelle Anlässe wie Konzerte oder Theater zu besuchen, muss dann aber anerkennen, dass ich zugunsten anderer Aktivitäten entscheide.

Über das Existentielle hinaus, dürfte das Empfinden von Mangel stark vom Vergleich mit Mitmenschen abhängig sein. Wir wissen aus der Verhaltensforschung, dass sich Menschen ständig mit anderen vergleichen. So würden wir ein Haus mit Aussentoilette in einem sehr armen Land als Luxus ansehen, hier in der Schweiz aber als Mangel empfinden (ausser bei Alphütten!). Wir wissen auch, dass der Mensch nicht gerne etwas verliert! So empfinden Menschen den Verlust von beispielsweise 50 Schweizer Franken als schwerwiegender als den Gewinn von 50 Franken. Der Verlust von etwas, das einem lieb geworden ist, kann also schnell als Mangel empfunden werden.

Was ist für mich unverzichtbar, um ein gutes Dasein zu führen? Als Erstes ist es Gesundheit und damit Lebensbedingungen, die dies ermöglichen. Dazu gehören gute Luft, schadstofffreies Essen und Wasser, ausreichend Ruhezeiten, Sportmöglichkeiten sowie eine gute Gesundheitsinfrastruktur. Ich lese gerne und möchte verstehen, wie unsere Gesellschaft und Wirtschaft funktionieren. Deshalb erfreue ich mich an guter Berichterstattung, interessanten Büchern, aber auch an Theater oder bildender Kunst, die andere Zugänge zum Verstehen eröffnen. Schliesslich würde ich gerne sichergehen, dass Generationen nach meiner auch ein gutes Dasein haben können.

 

Bruno S. Frey, Wirtschaftswissenschaftler mit einer Professur für Politische Ökonomie an der Universität Basel. Er forscht zusätzlich am CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts, Zürich. Er gilt als einer der Pioniere der ökonomischen Glücksforschung

Auf dem Weg zum Glück

Die meisten Menschen empfinden wohl den Mangel an materiellen Möglichkeiten als besonders einschränkend. Sie haben damit nicht unrecht. Die Glücksforschung bestätigt in der Tat, dass Einkommen massgeblich zur subjektiven Lebenszufriedenheit beiträgt. Es ist romantisch, materiellen Wohlstand als irrelevant für das Glück darzustellen.

Aber neben dem Materiellen gibt es viele andere Einflüsse auf das Glück der Menschen. In der heutigen Zeit ist der Mangel an Zeit besonders wichtig. Es mangelt uns an Ruhe, und unser Leben ist häufig gehetzt. Dieser Zustand wird teilweise durch das höhere Einkommen verursacht. «Zeit ist Geld», denn wer viel verdient, kann mit zusätzlicher Zeit ein noch höheres Einkommen erreichen. Dies gilt insbesondere für Selbstständige, wie etwa Rechtsanwälte oder Zahnärzte.

Mangel empfinden wir auch, weil wir in der heutigen Zeit so enorm viele Möglichkeiten haben, unsere Freizeit und die Ferien zu verbringen. Früheren Generationen war dies verwehrt.

Was können wir tun, um das Gefühl des Mangels zu überwinden? Sinnvoll ist es sicherlich, nicht nach immer höherem Einkommen zu streben, weil dadurch das Glücksgefühl nur wenig zunimmt. Vielmehr sollten wir in der Schweiz – mit den recht vielen Arbeitsstunden – mehr Freizeit anstreben. Damit lassen sich verschiedene Faktoren stärken, die glücklich machen. Wichtig ist es, gute Freunde und Bekannte zu haben. Dies lässt sich nur erreichen, wenn wir dafür genügend Zeit aufwenden.

Sich in der Freiwilligenarbeit zu engagieren, erhöht ebenfalls die Lebenszufriedenheit. Diese Aussage wird von einem Ökonomen wie mir nicht unbedingt erwartet, denn in einer effizienten Marktwirtschaft sollte jeder für sich selbst schauen, was dann zum besten Zustand für alle führt. Dieses überraschende Ergebnis ist jedoch nicht als allein glückselig machend zu verstehen.

Ein weiterer Glücksfaktor ist ein politisches Engagement in der Zivilgesellschaft. Wie unsere Untersuchungen gezeigt haben, sind die Bürgerinnen und Bürger umso zufriedener mit ihrem Leben, je grösser ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten sind. Diese müssen jedoch auch aktiv genützt werden.

 

Barbara Hodel, bildende Künstlerin, Farb- und Modestilberaterin und Farbgestalterin am Haus der Farbe, Zürich. Sie pflegt einen minimalistischen Lebensstil

Innen vor aussen

Was zeichnet ein gutes Leben aus? Ein gutes Leben ist für mich, wenn ich mich satt und unaufgeregt glücklich fühle. Ich bin zufrieden, das heisst in erster Linie in Frieden mit mir und dadurch auch mit der Welt.

Meine Erfüllung ist eine innere. Auf Äusserlichkeiten und Statussymbole lege ich keinen Wert. Das ist wohl bedingt durch meine Geschichte: In meinen Zwanzigerjahren entschied ich mich dafür, meiner Leidenschaft für Farben als Gestalterin und Kunstschaffende nachzugehen. Ich verdiente mit meiner Arbeit nie viel Geld. Es reichte jedoch, um ein bescheidenes Leben zu führen. So waren meine Werte schon früh im immateriellen Bereich angesiedelt: meinen freien Ausdruck den Weg ins Leben finden lassen. Während des Schaffens einen Flow-Zustand zu erleben. Mich mit meiner Innenwelt zu verbinden und in Kontakt mit mir zu sein. Seit jeher drücke ich in meiner Kunst innere Begebenheiten aus.

Mangel hingegen erlebe ich, wenn ich nicht in Verbindung bin. Nicht in Verbindung mit mir, mit andern Menschen und dem grossen Ganzen. Einsamkeit und innere Leere sind die Folge davon, vielleicht gar Depression. Das Gefühl, abgeschnitten zu sein, ist für das Beziehungswesen Mensch kaum auszuhalten und ein Drama. Mangel verorte ich demnach nicht im Aussen, sondern im Innen. Schlussendlich geht es mir um die Herzoffenheit und darum, die Liebe zu spüren.

Die Gewichtung des Nichtmateriellen liess mich vor einigen Jahren den Minimalismus als Lebensstil finden. Heute führe ich einen Blog zu diesem Thema (www.barbarahodel.ch). Ich beleuchte weitere Themen wie die Innenschau und die Farbwelt. Die Kombination von Kunstschaffen und Schreiben gibt mir das Gefühl, meine Talente in die Welt zu bringen, und erfüllt mich mit Sinnhaftigkeit und Zufriedenheit. Diese Verbundenheit mit mir und meinem Herzen bringt Verbundenheit mit allem, was ist, mit sich und lässt mich Fülle und ein gutes Leben leben.

 

Klaus Heer, Psychologe und Paartherapeut mit eigener Praxis. Daneben schreibt er Bücher über das ganze, weite Spektrum von Partnerschaftsthemen

«Ewige Liebe brauchen Sie nicht»

Wenn Sie in einer Zweierbeziehung leben, kennen Sie es, dieses Gefühl, zu kurz zu kommen. Es fehlt etwas, es fehlt viel. Verständnis und Vertrauen, Geborgenheit und Zuwendung, Zärtlichkeit und Sex zum Beispiel.

Diese Mängel sind die Krux. Sie lassen sich meist nicht beheben, wie man es auch dreht und wendet. Vielleicht ist es cleverer, das loszuwerden, was zu viel ist, verzichtbar, nur Ballast. Es gibt einige Ideen, die Sie ruhig kompostieren können. Hier ein paar Beispiele: Sie müssen sich von Ihrem Partner nicht unbedingt verstanden fühlen. Sie machen es ihm leichter, wenn Sie diese Vorstellung fahren lassen. Und Ihnen selbst wird auch leichter. Es ist nicht unabdingbar, dass Sie auf Biegen und Brechen Ihre Beziehungsprobleme lösen müssen. Sie können versuchen, sich von ihnen zu lösen. Innerlich. Ohne diesen Klotz am Bein lebt es sich besser. Schlagen Sie Ihrem Partner so etwas vor.

Vielleicht arbeiten Sie krampfhaft darauf hin, dass Sie zwei zusammenpassen – auf den Online-Paarungsportalen heisst das dooferweise «Matching». Doch es funktioniert nicht. Stattdessen könnten Sie schlicht verstehen lernen, dass Zusammenpassen nicht eine Voraussetzung für die Liebe ist, sondern deren Leistung. Am besten beginnen Sie, Ihre grossen, beziehungsinternen Unterschiede zu tolerieren. Und zu schätzen. Geben Sie es auf, mit Ihrem Partner eine «Streitkultur» anzustreben. Entweder haben Sie Streit oder Kultur. Beides geht nicht. Streiten heisst ganz einfach, partout nicht hören wollen, was der andere sagt, wenn es Ihnen nicht passt. Also unternehmen Sie etwas gegen Ihre selektive Schwerhörigkeit. Dann hört der Streit sofort auf und Ihre Beziehungskultur kann aufblühen. «Ewige Liebe» brauchen Sie nicht. Ihre Liebe ist sterblich. Genauso wie Sie selbst. Vergänglichkeit macht lebendig.

«Glücklich sein» ist schwer zugängliches Terrain. Das heisst aber nicht, dass Sie schicksalhaft und dauernd zu kurz kommen müssen. Gemeinsam zufrieden sein ist viel leichter machbar. Und sogar beglückend.

 

Lara Schnapp, Fachmittelschülerin mit Fachrichtung Pädagogik. In ihrer Freizeit singt sie, liest viel und trifft Freundinnen

Ganz frei sein können

«Was brauchen Sie zum Leben?» Mein Konfirmationsleiter blickt erwartungsvoll in die Runde. Er erntet Getuschel und Gekicher, bis sich ein Mädchen meldet, etwas von Grundbedürfnissen faselt und alle anderen so tun, als würden sie interessiert zuhören. Ich nicht. Ich schweife in Gedanken ab und betrachte die sowieso viel interessantere Birke, die draussen vor dem Fenster steht. «Und du, Lara?» Mist! Schlagartig bin ich in die Wirklichkeit zurückgekehrt, in der ich mich der unangenehmen Wahrheit stellen muss, dass ich keine Ahnung habe, was ich auf die Frage antworten soll. Wie lautete diese überhaupt? Ich überlege. Die anderen sind auch keine Hilfe. Die sind nur froh, dass sie nicht aufgerufen wurden. Stockend beginne ich dann also zu sprechen …

Ja und das wars dann auch eigentlich. Viel mehr als geistloses Gestotter ist da auch nicht bei rausgekommen. Und im Nachhinein möchte ich am liebsten in der Zeit zurückreisen und diesem ach so neunmalklugen Teenager sagen, dass er gefälligst zuhören und aufpassen soll. Denn dann hätte ich vor wenigen Tagen, als mir die Frage gestellt wurde: «Empfinden Sie Mangel?», oder eben anders gefragt: «Was brauchen Sie zum Leben?», eine Antwort gewusst. Zu einem guten Leben, wohlgemerkt. Nun musste ich mich aber auf den Hosenboden setzen und mir diese Sache überlegen. Dazu muss man aber hinzufügen, dass ich mir nicht sicher bin, ob dieser Teenager von damals mit meiner heutigen Antwort übereinstimmen würde.

Diese lautet nämlich wie folgt: Ich brauche Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf. Ausserdem die Möglichkeit, meine Meinung zu sagen und die Chance auf Bildung. Ich brauche Liebe, Familie und Freunde, ab und zu Schokolade und die Möglichkeit, zu schreiben, Musik zu machen, zu lachen und zu weinen. Ich brauche die Möglichkeit, ganz und gar frei zu sein, zu tun und zu lassen, was ich will, solange es sich mit meinen moralischen und ethischen Vorsätzen vereinen lässt.

Und so gesehen empfinde ich tatsächlich einige Mängel. Nicht in einem grossen Ausmass und nicht so, dass es nicht zu kompensieren wäre, aber sie sind da. Das sind sie schon immer. Und ich versuche, diese Mängel zu vermindern. Letztendlich habe ich ja trotzdem viele von den oben genannten Sachen, und dementsprechend geht es mir ziemlich gut. «Luxussorgen», würde dieser Teenager von damals darauf jetzt vielleicht sagen. Und dann wieder aus dem Fenster auf diese Birke schauen und keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. Aber ich denke, er und ich, wir sind uns einig darin, dass wir ein lebenswertes Leben leben und darauf kommt es im Endeffekt an.

 

Christoph Zingg, reformierter Pfarrer und Gesamtleiter des Sozialwerks Pfarrer Sieber (SWS).

Zwei sind geblieben

Vor mir liegt eine Liste, handgeschrieben, mit Namen lieber Menschen. Ich brauche sie seit vielen Jahren, um Weihnachtskarten zu schreiben. Keine Adresse soll vergessen gehen; die Menschen, die diese Namen tragen, sind wichtig in meinem Leben.

Trotzdem wird die Liste, die auch schon ziemlich abgegriffen ist, jedes Jahr etwas kürzer, wird die Beige Weihnachtskarten, die ich jeweils vorbereite, jedes Jahr ein wenig kleiner. Einige Karten kamen in den vergangenen Jahren zurück – weggezogen. Keine neue Adresse – kein Interesse mehr am Kontakt. Das tut manchmal weh. Menschen – unterschiedliche, spannende, vielseitige Menschen – sind für mich Teil eines – meines – gelingenden Lebens. Nicht in Massen, nein. Als Herdentier würde ich mich nicht bezeichnen. Aber mit Menschen, die ich spannend finde, im Leben unterwegs zu sein, kann und will ich nicht missen. Und wenn sie sich dann einfach kalt abmelden aus meinem Leben, dann tut das schon etwas weh.

Zwei Namen sind dick schwarz durchgestrichen – zwei Freunde, die innerhalb eines halben Jahres verunglückt sind, tödlich. Die Striche sind etwas ausgebleicht, aber ich denke bis heute oft an die beiden Männer. So viele Menschen könnte ich tatsächlich nicht als Freunde bezeichnen. Aber Menschen sind erst wirklich tot, wenn niemand mehr an sie denkt. Mit den beiden Männern verbindet mich viel, das mich in Gedanken immer wieder einholt. Momente des Danks und des Glücks.

Zwei Namen stehen seit Jahren unberührt auf der abgegriffenen Liste: eine Schulkollegin, die ich kenne, seit wir im Dorf, in dem wir aufgewachsen sind, gemeinsam die ersten drei Primarschulklassen und später die Sekundarschule besucht haben. Oft waren wir Banknachbarn, haben gemeinsam Theater gespielt, uns gegenseitig über den ersten Liebeskummer hinweggetröstet. Vor einigen Jahren durfte ich sie und ihren Mann trauen. Wir schreiben uns – zweimal im Jahr – zum Geburtstag und zu Weihnachten und zeigen uns, dass wir uns in all den Jahren – über 40 sind es inzwischen – nie aus den Augen und aus dem Herzen verloren haben.

Und dann ist da noch Martin, der letzte Name auf der Liste. Vor 37 Jahre sprach er mich an, auf dem Campus der Columbia University in New York City. Erst dachte ich an billige Anmache, heute darf ich einen wunderbaren, spannenden, vielseitigen und treuen Menschen meinen Freund nennen. Immer wieder haben wir uns in diesen bald vier Jahrzehnten getroffen, und jedes Mal konnten wir im Gespräch dort anknüpfen, wo wir beim letzten Abschied stehen geblieben waren.

Gelingendes Leben? – Zwei Menschen, die mir bisher im Leben treu geblieben sind. Danke.