In der Nordwestschweiz droht der Kahlschlag: Weil der Schweizer Obstverband diesen Sommer die Mindestgrösse für Tafelkirschen auf 24 Millimeter erhöht hat, können die Hochstammkirschbäume im Fricktal und im Baselbiet kaum noch gewinnbringend bewirtschaftet werden. Zum Glück aber haben die traditionsreichen, landschaftsprägenden und ökologisch äusserst wertvollen Hochstämmer eine sehr aktive Lobby.

von John Micelli

Einst waren es 15 Millionen Hochstamm-Obstbäume in der Schweiz – Äpfel und Birnen im Osten, Kirschen in Zug und der Nordwestschweiz wuchsen bis ins 19. Jahrhundert ausschliesslich an Hochstamm-Obstbäumen. Heute machen gedeckte Obstanlagen, in denen sogenannte Buschbäume Spalier stehen, den Hochstämmern den Platz streitig – Anlagen produzieren schneller und mit deutlich weniger Aufwand die grösseren Früchte. Nur noch rund zwei Millionen Hochstamm-Obstbäume blieben 2017 gemäss einer Erhebung des Vereins Hochstamm Suisse übrig: Im Baselland sind der Label-Organisation zufolge seit 2013 über 5000 Bäume der Säge zum Opfer gefallen, im Nachbarkanton Aargau waren es im gleichen Zeitraum sogar über 13 000.

 

Vielfältige Bedrohungen

Unbill droht den Hochstamm-Obstbäumen aber nicht nur von der Konkurrenz. Nachdem im vergangenen Jahrzehnt dem aus Amerika eingeschleppten Feuerbrand – eine bakteriell verursachte Pflanzenkrankheit – und einer umstrittenen Richtlinie des Bundesamtes für Landwirtschaft zur Bekämpfung der Seuche schon Zehntausende Bäume zum Opfer gefallen waren, sorgte ab 2011 die ursprünglich in Asien beheimatete Kirschessigfliege für weitere schmerzhafte Gewinneinbussen bei den Hochstamm-Bauern. Obstanlagen lassen sich nämlich mit engmaschigen Netzen gegen den eingewanderten Schädling schützen, für Hochstamm-Obstgärten allerdings wäre diese Massnahme zu aufwendig und zu teuer. Auch die hohen Erntekosten bei den Hochstämmern machen den Produzenten zu schaffen. Deshalb blieben schon im vergangenen Jahr im Baselland zahlreiche Kirschen an den Ästen hängen. Gegenüber dem Regionaljournal des Schweizer Radio und Fernsehens SRF erklärte damals Landwirt und SVP-Landrat Markus Graf: «Es schmerzt zu mich, zu sehen, wie die Kirschen runterfallen oder verfaulen. Aber es geht halt nicht anders. Ich muss auf mich und meine Familie schauen.» Denn Freiwillige, die wie früher bei der Ernte helfen wollen, blieben heutzutage aus, und Saisonniers – Erntehelfer aus Polen oder Bulgarien beispielsweise – für die Kirschenernte anzustellen, rentiere nicht. War vor zehn Jahren noch ein Drittel der Tafelkirschen-Ernte kleinkalibrig und stammte vorwiegend aus dem Hochstammanbau, wandert heute nahezu die ganze Ernte von Früchten unter 24 Millimeter Durchmesser in die Industrie – 770 Tonnen waren es 2018, die zu Konserven, Konfitüren und Schnaps verarbeitet wurden. In diesem Bereich zeigt das Engagement von Hochstamm Suisse mittlerweile Wirkung: Etliche Produkte hätten im Massenmarkt platziert werden können, schrieb die Organisation im Frühling 2019 in ihrem Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre. Auf den nächsten drei Seiten erfahren Sie, um welche Produkte es sich dabei handelt und welche Menschen und Tiere Sie mit der Wahl dieser Produkte unterstützen.

 

Wohnraum für den Gartenrotschwanz

Dürren in der Sahelzone, dem Winterquartier des Langstreckenziehers, machen dem Gartenrotschwanz seit den 1970er-Jahren zu schaffen. Dass er aber in der Schweiz auf der Roten Liste der bedrohten Arten steht, hat mit dem zunehmenden Verlust von Nistmöglichkeiten zu tun: Der Gartenrotschwanz mag strukturreiche Kulturlandschaften, Siedlungen mit angrenzenden Gärten und lichte Wälder mit viel Totholz. Ein wichtiges Rückzugsgebiet für den Restbestand der seltenen Art bilden grosse Hochstamm-Obstgärten im Grenzgebiet der Kantone Thurgau und St. Gallen. 15 Landwirte wollen dort – unterstützt von den Gemeinden, Kantonen und der Vogelwarte Sempach – diesen Lebensraum mit verschiedenen Massnahmen aufwerten; darunter 60 eigens für den Gartenrotschwanz konzipierte Nistkästen, die Schülerinnen und Schüler einer Muolener Schulklasse gezimmert haben. 2018 sind vier dieser Nistkästen bereits bezogen worden. Entscheidend für das Wohlbefinden des Gartenrotschwanzes ist die Anzahl alter Bäume in seinem Revier, wie eine Habitatsanalyse der Vogelwarte ergeben hat. Niederstämmer in Obstanlagen aber müssen nach 15 bis 20 Jahren ersetzt werden – in Hochstamm-Obstgärten hingegen finden sich gelegentlich noch Birnbäume, die bis zu 250 Jahre alt sind.

 

Lohnenswertes Engagement

«Kulinarische Vielfalt und ein reiches Kulturgut» will die Naturschutzorganisation Pro Natura, die sich seit bald 20 Jahren im Luzerner Seetal für den Erhalt der Hochstämmer engagiert, durch die Verwendung alter und seltener Obstsorten bewahren. Über 5000 Hochstammobstbäume hat die Organisation in der Region bereits gepflanzt, knapp 2000 sollen noch folgen. Ihre Grösse und Langlebigkeit machten die Bäume zu einem kleinen Universum, erklärt die Naturschutzorganisation in ihrer Projektbeschreibung: «Zahlreiche Vogelarten finden hier Brutstätten und ein grosses Nahrungsangebot. Die Baumhöhlen bieten idealen Unterschlupf für Siebenschläfer, Fledermäuse, Wildbienen und Käfer. In Kombination mit blumenreichen Wiesen und Weiden sind die Baumgärten wertvolle Lebensräume für kleine Lebewesen, wie etwa Schmetterlinge und Heuschrecken.» Die naturnahen, vielseitigen Landschaften erhöhten die Lebensqualität auch für die lokale Bevölkerung, «und ganz nebenbei beeinflussen grosszügige Obstgärten die Sauerstoffproduktion, die Wasserregulation und den Erosionsschutz positiv». Deshalb unterstützt auch der Bund die Anstrengungen. Rund 62 Millionen Franken investiert er jährlich mittels Direktzahlungen in den Erhalt von Hochstamm-Obstbäumen – wenn bestimmte Anforderungen erfüllt sind: Der Stamm muss mehr als 1,6 Meter lang sein (1,2 bei Steinobst), mindestens drei Seitentriebe muss der Baum über der Stammhöhe besitzen, und geregelt ist auch, wie viele Bäume in welchem Abstand auf einer bestimmten Fläche stehen dürfen. Seit vergangenem Jahr ist ausserdem die notwendige Pflege der Bäume in der Direktzahlungsverordnung genau umrissen, um Seuchen wie dem Feuerbrand oder Schädlingen wie der Kirschessigfliege besser vorzubeugen.

 

Sprachen lernen in der Baumkrone

«Ich kann mir die Wörter besser merken, wenn ich einen direkten Bezug dazu habe», erklärt der Afghane Murat Turan, weshalb es ihm auf dem Bauernhof leichter fällt, Deutsch zu lernen. Turan ist einer von elf Flüchtlingen, die für ein Sackgeld auf vier Bauernhöfen im Baselbiet bei der Kirschenernte helfen. Für Caroline und Erich Schweizer vom Höldihof in Rickenbach kommt die Hilfe wie gerufen: «Unsere betagten Eltern erklärten kurz vor der ‹Chriisiärn›, dass sie nicht mehr auf Leitern steigen können», begründen die Besitzer von 170 Hochstammbäumen in der Bauernzeitung ihre Teilnahme am Pilotprojekt von Hochstamm Suisse und dem Dachverband z’Rächtcho NWCH, einer Vereinigung von lokalen, zivilgesellschaftlichen Freiwilligenorganisationen, die sich in der Nordwestschweiz für die Integration von Flüchtlingen einsetzen. Schweizers Töchter Nora und Lia freuen sich über die Abwechslung auf dem Hof: «Es gefällt mir, eine neue Kultur und Sprache sowie neue Sitten kennenzulernen», bestätigt Nora gegenüber der Basellandschaftlichen Zeitung, denn gelegentlich darf die Arbeit auch mal ruhen: «Zwischendurch gibt es selbstverständlich ein feines Zvieri unter den Bäumen.» Vom Erfolg und der Begeisterung aller Beteiligten angestachelt, wollen Hochstamm Suisse und z’Rächtcho gleich weitermachen, denn Ende August sind in der Nordwestschweiz die Zwetschgen reif und viele Bauernfamilien wieder auf Hilfe bei der Ernte der Hochstammbäume angewiesen.

 

Auf die Leitern, fertig, los!

Ohne Hochstämmer sinnlos wäre auch ein Brauch im Kanton Zug – dem eigentlichen Kirschenkanton –, der 2009 wieder zum Leben erweckt worden ist: Beim «Chriesisturm» – seit dem 18. Jahrhunderts belegt, aber im 19. Jahrhundert in Vergessenheit geraten – erteilt das Geläut der grössten Glocke der Kirche St. Michael die Erlaubnis, die Kirschbäume auf der Allmend zu stürmen. Traditionsgemäss gehörten dem Ersten, der seine Leiter an einen Baum stellte, alle Kirschen darauf. Heute wird der Chriesisturm als sportliches Rennen ausgetragen. Männer starten in Zweierteams mit acht Meter langen Leitern. Die Leitern der Kinder sind nur halb so lang und Frauen sprinten mit Hutten auf dem Rücken durch die Zuger Altstadt. Die schnellsten waren bei der diesjährigen Austragung am 24. Juni die Menziker, einen Preis – einen handgeflochtenen Chriesichratten, gefüllt mit frischen Zuger Chriesi – aber durften alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit nach Hause nehmen.

 

Flieg, kleiner Adler, flieg!

«Basler Adler», «Kleine Hänsi», «Fricktaler Rotstieler» und «Lampnästler», «Geissmättler» oder «Rote Klepfer»: Über 800 Sorten zählt der spätere Direktor der Eidgenössischen Versuchsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil Fritz Kobel in seinem 1937 erschienenen Standardwerk «Die Kirschensorten der deutschen Schweiz». Auf über 300 Seiten beschreibt Kobel akribisch Eigenschaften, Fundorte und alternative Namen der Früchte – der «Basler Adler» heisst in Pratteln «Birlikirsche», «Adamsjoggi» in Lampenberg und im Schwarzbubenland «Bockmättler» –, die er und seine Helfer über die Jahre zusammengetragen hatten. Der Schmöker ist längst vergriffen – aber auf der Website der Spezialitätenbrennerei Humbel aus Stetten steht er als PDF zum Download zur Verfügung. Humbel ist einer der Verarbeiter, die von Hochstamm Suisse zertifizierte Produkte anbieten. So beispielsweise einen «Bure Hochstamm Kirsch», für den gemäss Produktebeschreibung nur die «besten, schönsten, aromatischsten und schwärzesten Kirschen von Hochstamm-Bäumen» verwendet werden. Auf der Website von Hochstamm Suisse finden sich auch Links zu zahlreichen Hofläden, die Hochstamm-Produkte direkt verkaufen, wie Stefanie und Christian Weber vom Hof Baregg in Hemmiken oder die Familie Weiss aus Sulz, die Schnäpse, Trockenfrüchte und Fricktaler Kirschstängeli vom Brügglihof anbietet. Süsser und saurer Most des Getränkeherstellers Ramseier besteht zu mindestens 50 Prozent aus Äpfeln und Birnen von Hochstammbäumen – 100 Prozent sind es bei der 2013 eingeführten, naturtrüben Produktelinie «Hochstämmer». Und unter den Grossverteilern tut sich vor allem Coop hervor: Die Basler Genossenschaft führt bereits 150 von Hochstamm Suisse zertifizierte Produkte im Sortiment – Fruchtsäfte, Joghurts, Wähen und Gebäck, tiefgekühlte Früchte und Konfitüren – und will das Angebot laufend erweitern.