Ein Glaubensimpuls von Christian Cebulj

Eine Goethe zugeschriebene berühmte pädagogische Einsicht besagt, Kinder sollten von ihren Eltern vor allem zwei Dinge bekommen: Wurzeln und Flügel. Gerade in Bezug auf die religiöse Erziehung gilt auch die Fortsetzung dieser Erkenntnis: Wenn sie klein sind, brauchen sie Wurzeln, wenn sie gross sind, brauchen sie Flügel. Dass religiöse Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen wichtig sind, darüber besteht kein Zweifel. Für viele junge Familien ist die religiöse Erziehung ihrer Kinder allerdings ein heikles Thema. Zwar wünschen sich die meisten Mütter und Väter, dass ihre Kinder einen tragfähigen Lebensglauben finden, eine Beziehung zu Gott aufbauen und sich Werte aneignen, die ihnen später förderlich sind. «Aber so, wie das in meiner Kindheit war, kann religiöse Erziehung jawohl nicht mehr sein!», klagt eine Mutter. «Früher hiess es immer: Du musst, du darfst nicht, das ist Sünde. So etwas will ich meinen Kindern ersparen!» Sie spricht stellvertretend für viele. Eine Befragung von jungen Eltern, die ihr Kind zur Taufe angemeldet hatten, brachte zu tage, dass diese sich zwar mehrheitlich eine religiöse Erziehung wünschen, dabei aber oft Zweifel und Unsicherheit äussern. Etliche wollen die Verantwortung an die Schule oder die Pfarrei abgeben und meinen: «Die religiöse Erziehung wird dann schon der Religionsunterricht leisten, das ist die Aufgabe der Katechetinnen und Religionslehrer, die werden schliesslich dafür bezahlt.» Letztere sind «not amused» übersolche Sätze und antworten: «Der Religionsunterricht wird als Rettungsanker überschätzt! Wir können doch nicht nachholen, was in den Familien geleistet werden müsste.» Dem stimme ich zu: Zwar sind religiöse Bildung in der Schule und der Unterricht in der Pfarrei wichtig. Aber kein noch so guter Religionsunterricht kann die religiöse Erziehung in der Familie ersetzen. Denn religiöse Erziehung gehört, wenn irgendwie möglich, in die Familie und beginnt mit dem Urvertrauen der frühen Kindheit. Ich wünsche allen Eltern den Mut, offen mit ihren Kindern überreligiöse Fragen zu sprechen. Dabei dürfen gerade auch die Zweifel der Erwachsenen Platzhaben, denn sie machen Gespräche mit Kindern glaubwürdig und ehrlich. Seit vielen Jahren hebt die sogenannte «Kindertheologie» hervor, dass Kinder und Jugendliche eigenständig ihre Weltbilder und Glaubensvorstellungen entwickeln. Wir Erwachsenen sollten sie dabei unterstützen, gerade auch da, wo wir selber unsere Zweifel haben. Oft wird dann eine Erfahrung möglich, von der ein Buchtitel kürzlich so schön sagte: «Mit Kindern kommt Gott ins Haus.»

Christian Cebulj ist Rektor der Theologischen Hochschule Chur und Professor für Religionspädagogik und Katechetik.