Heute geb ich, morgen nehm ich

Die Anzahl alter Menschen in der Schweiz steigt. Gleichzeitig wird ihr soziales Umfeld mobiler. Wer wird also für sie da sein, wenn sie Hilfe beim Einkaufen oder einen Besuch gegen die Einsamkeit brauchen? Zum Beispiel die Zeitvorsorger von Kiss, die mit Hilfeleistungen Zeit sammeln, die sie später einlösen können.

von Christine Schnapp

Die Abkürzung Kiss steht für «Keep it small and simple», also klein und einfach. Das ist ein ziemlich kleiner Name für eine grosse Idee. Denn Kiss will nichts weniger als die vierte Altersvorsorgesäule in der Schweiz werden. Doch wie soll das gehen? Kiss ist eine Genossenschaft, bei der jede und jeder für einen Betrag von 100 Franken Mitglied werden kann. Anschliessend kann man bei der entsprechenden Koordinationsstelle seine Bedürfnisse oder seine Angebote melden. Daraufhin werden Personen gesucht, die dazu passen, weil sie genau dieses Angebot benötigen oder bieten. Wenn sich ein «Tandem» gebildet hat, werden die geleisteten Stunden auf dem persönlichen Kiss-Konto gutgeschrieben. Pro Woche dürfen maximal sechs Stunden geleistet werden. Insgesamt kann man bis zu 720 Stunden anhäufen. Die geleistete Zeit ist eine Gutschrift, die man einlösen kann, wenn man selbst Bedarf hat – entsprechend den ersten drei Altersvorsorgesäulen.

Hilfe im Alltag

Zielgruppe von Kiss sind alle Menschen in der Schweiz, die freiwillig tätig werden möchten. Besonders im Fokus steht jedoch die wachsende Zahl von Seniorinnen und Senioren und ihr mitwachsendes Bedürfnis nach Betreuung und Begleitung. Sie können sich mit KISS ein Zeitguthaben ansparen – die vierte Säule –, das sie dann bei Bedarf einlösen können, wenn sie noch zu Hause wohnen, aber nicht mehr alles selbst machen können. Wichtig ist dabei, dass von Kiss-Mitgliedern keine Pflegeleistungen bezogen werden können. Dafür sind weiterhin die Spitex und ähnlich Organisationen zuständig. Bei Kiss geht es um Dienstleistungen, die sich im Rahmen von Nachbarschaftshilfe bewegen: Begleitung beim Einkaufen, Nachhilfestunden, Unterstützung beim Briefeschreiben, Vorlesen, Mittagstische, Blumen giessen usw. Geleistete Arbeit wird immer gleich bewertet, egal, was sie umfasst: Eine Stunde ist eine Stunde. Wer sein Zeitguthaben nicht selbst verbrauchen möchte, kann es seiner Genossenschaft schenken. Diese wiederum kann es Menschen zugutekommen lassen, die es benötigen.

Die Herausforderung der Zukunft

Warum die Fokussierung auf ältere Menschen? Einerseits, weil sich der Anteil der über 80-Jährigen in den nächsten 20 Jahren verdoppeln wird, und andererseits, weil die steigende Mobilität die gewohnte Unterstützung dieser Menschen durch Familie und Nachbarschaft rarer macht – bei gleichzeitig steigendem Bedarf. Begegnet man diesem Bedarf mit einer Zeitvorsorge, entstehen für den Staat weniger Kosten. Zudem zeigen viele Forschungen, dass ein grosses Engagement der Zivilbevölkerung den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt und das Vertrauen und die Solidarität zwischen den Generationen festigt.

Begegnung auf Augenhöhe

Kiss ist dezentral organisiert. Es gibt den Verein Kiss Schweiz, der den Genossenschaften unentgeltlich gleichlautende Grundlagen, wie die geschützte Marke Kiss, Corporate Identity und Design, Software zur Bewirtschaftung der Zeitgutschriften, Website, Beratung beim Aufbau oder bei Informationsveranstaltungen, rechtliche Klärungen (Steuern, AHV, Versicherungen, Benevol-Richtlinien usw.) zur Verfügung stellt. Daneben gibt es die Genossenschaften, deren Grösse von den Gründerinnen und Gründern definiert wird. Je nach geografischer Gegebenheit kann eine Genossenschaft einige Quartiere oder auch einige Dörfer umfassen. Ein weiterer Vorteil von Kiss ist die genossenschaftliche Organisation, das heisst, Kiss gehört den Mitgliedern und diese können bei der Weiterentwicklung ihrer Genossenschaft mitreden. Ausserdem arbeiten die Vorstände ehrenamtlich; nur die Geschäftsleitung und die für die Koordination der Dienstleitungen Zuständigen werden bezahlt. Damit befinden sich Leitung und Mitglieder auf Augenhöhe. Die Koordination und Begleitung der Tandems ist fachlich anspruchsvoll und muss deshalb professionell erfolgen und entlohnt werden. Finanziert wird Kiss durch Spenden und Sponsoring.

Alle Informationen zu Kiss unter www.kiss-zeit.ch.

 

Interview mit Marion Pfister, Gründerin von Kiss Fricktal

Marion Pfister, Sie haben die Genossenschaft Kiss Fricktal mit aufgebaut. Wie sind Sie auf Kiss gekommen?

Ich bin Mitglied im Stiftungsrat der Krankenpflegestiftung Stein. Wir haben nach weiteren Möglichkeiten gesucht, um Organisationen zu unterstützen. Daraufhin habe ich im Internet recherchiert und hatte Kiss wohl noch im Hinterkopf, weil ich mal vom St. Galler Modell mit den Zeitgutschriften gehört habe. Da bin ich auf Kiss gestossen und habe mir die Genossenschaft Reusstal-Mutschellen genau angeschaut. Das Modell hat mich gleich überzeugt.

Kiss Fricktal wurde diesen September gegründet. Was läuft bereits bei Ihnen?

Wir veranstalten bereits seit April monatlich das Kiss-Café, zu dem alle Fricktalerinnen und Fricktaler eingeladen sind, um Kiss kennenzulernen. Aktuell suchen wir noch eine Person, die professionell die Koordination der Freiwilligen übernimmt. Das Ziel ist, dass die ersten Tandems, also zwei Personen, die einander geben und nehmen, ab Januar 2020 starten können.

Funktioniert Kiss Fricktal wie alle anderen Genossenschaften oder gibt es Unterschiede?

Alle Genossenschaften sind ein wenig anders ausgerichtet. Die einen spezialisieren sich darauf, Ausländerinnen und Ausländer zu integrieren, andere arbeiten mit Menschen mit Behinderungen zusammen – je nach Gegend. Bei uns ist der Schwerpunkt im Moment bei älteren Leuten, aber das kann sich auch noch entwickeln. Wir denken, dass hier aufgrund der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren der grösste Bedarf ist.

 Warum brauchte es zu den bestehenden Angeboten noch ein weiteres?

Weil wir mit den Zeitgutschriften einen anderen Grundsatz haben. Eine Nachbarschaftshilfe ist lokal begrenzt. Das Ziel von Kiss ist jedoch, in der ganzen Schweiz präsent zu sein. Dann kann man umziehen und seine Zeitgutschriften immer mitnehmen. Am neuen Wohnort kann man dann gleich wieder einsteigen und weitermachen.

 Und wie unterscheidet sich Kiss inhaltlich von anderen Angeboten?

Ein weiteres wichtiges Merkmal von Kiss ist das Geben und Nehmen auf Augenhöhe. Klar gibt es Menschen, die nichts mehr geben können, aber die allermeisten haben noch irgendetwas, das sie für andere tun können. Und wenn es nur ein selbst gebackener Kuchen fürs Kiss-Café ist. Das ist sehr wichtig, denn die Leute wollen nicht nur nehmen, sondern auch geben. Es ist für viele Menschen einfacher, Hilfe entgegenzunehmen, wenn sie wissen, dass derjenige, der etwas gibt, von einer anderen Person wieder etwas zurückerhält. Gerade bei der älteren Generation gibt es viele, die grosse Schwierigkeiten damit haben, Hilfe anzunehmen.

Ist Kiss seit der Gründung 2014 ein Erfolg oder gab es auch Rückschläge?

Grundsätzlich ist es sehr erfolgreich angelaufen, aber es gibt natürlich Hochs und Tiefs. Ein Thema etwa ist die Finanzierung. Wir möchten eigentlich, dass zwei Drittel des Geldes von den Gemeinden abgedeckt werden und ein Drittel von externen Sponsoren. Denn wo es Kiss gibt, gehen die Leute später ins Pflegeheim, das die Gemeinden ja Geld kostet. Das ist durch eine Studie der Forschungsstelle Bass (Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien) belegt. Wir wollen also von den Gemeinden einen Teil des Geldes, das sie einsparen, wieder zurück.

Funktioniert das an einigen Orten bereits?

Ja, zum Teil ist das schon so geregelt, aber längst noch nicht überall.

Es gibt auch Gemeinden, die einen finanziellen Zustupf ablehnen?

Die gibt es leider. Es ist ja immer einfach, Nein zu sagen. Die Investitionen einer Gemeinde in Kiss sind natürlich eine längerfristige Angelegenheit. Gemeinden nehmen nur ungern Aufwendungen ins Budget, die langfristig jährlich anfallen, zumal die Einsparungen bei den Pflegekosten im Budget nicht klar ausgewiesen werden können.

Wer bei Kiss Zeitgutschriften anhäuft, hat keine Gewähr, diese irgendwann einlösen zu können.

Das ist so, und das hat vor allem steuerliche Gründe. Würde es anders geregelt, bestünde das Risiko, dass die Steuerbehörde plötzlich fordert, dass für diese geleisteten Arbeitsstunden ein Steuerbetrag fällig ist.

Wie kann man denn Zeit besteuern?

Dies kann ich nicht im Detail beantworten. Ich weiss aber, dass die Statuten so in Zusammenarbeit mit der Stadt Zug erfolgt sind und dies eine Vorgabe für die Steuerbefreiung war. Wir haben dies entsprechend übernommen.

 Ist es das Ziel von Kiss, offiziell die vierte Säule im System der schweizerischen Altersvorsorge zu werden?

Offiziell ist zu viel gesagt, denn man kann bei Kiss nicht mehr als 720 Stunden ansammeln und höchstens sechs Stunden pro Woche für Kiss arbeiten. Das Ganze soll Freiwilligenarbeit bleiben. Es geht darum, aufzuzeigen, dass man im Alter eine gewisse Unterstützung auch ohne finanziellen Aufwand erwarten kann. Dies soll gerade in einer Zeit, wo die Altersvorsorge so ungewiss ist, auch Ängste nehmen. Denn es geht bei Kiss ja nicht um Geld, sondern um Zeit und menschliche Nähe, etwas, was Menschen genauso brauchen wie Geld.

Dann ist auch keine Zusammenarbeit mit den Kantonen geplant?

In Baselland wurde im Grossen Rat gefordert, dass Kiss unterstützt wird. Der Rat hat schlussendlich entschieden, dass die Gemeinden die Unterstützung leisten sollen. Im Aargau hat der Grosse Rat die Unterstützung der Lancierung aus Kostengründen abgelehnt. Kantone rechnen mit anderen Beträgen, als der Aufbau einer Genossenschaft «von unten» mit viel Freiwilligenarbeit tatsächlich kostet. Und es soll ja auch ein Angebot sein, das von unten kommt, von den Menschen, die die Gegebenheiten und Bedürfnisse in ihrer Region kennen.

Wer eine Kiss-Genossenschaft aufbauen will, kann schon auf viel Vorarbeit zurückgreifen.

Ja, das war auch für uns sehr hilfreich. Alle rechtlichen Abklärungen und Absicherungen sind schon da. Der Wissenstransfer funktioniert sehr gut und man wird auch gut betreut, wenn man eine Genossenschaft gründen möchte. Man erhält eine Götti-Genossenschaft zur Seite gestellt, die man alles fragen kann. Und es gibt den kantonalen Förderverein von Kiss, der einen ebenfalls unterstützt.

Wie reagieren andere Anbieter von Hilfeleistungen auf Kiss?

Spitex, Kirchgemeinden und andere soziale Vereine reagieren sehr gut und wir arbeiten auch mit allen zusammen. Die Spitex kann das, was wir anbieten, nicht leisten, aber sie sieht, wer bedürftig ist oder noch etwas geben kann. Wenn diese Personen ihr Einverständnis geben, dürfen wir uns melden. Wir sind ein Teil des Ganzen, aber es braucht alle verschiedenen Anbieter. Es gibt immer mehr alte oder einsame Menschen, solche, die ausgesteuert sind oder arbeitslos – sie alle brauchen Aufmerksamkeit und etwas zu tun. Man muss einfach die passenden Menschen zusammenbringen.

Werden die Leistungen der Mitglieder kontrolliert?

Ja, das ist eine der Aufgaben der Koordinationsstelle. Wenn jemand das System ausnützt oder sonst ein Fehlverhalten vorliegt, kann diese Person ausgeschlossen werden.

Interview: Christine Schnapp