Es gibt verschiedene Arten, mit der Coronakrise umzugehen. Ältere Menschen haben einen Krieg erlebt und finden eine Pandemie vergleichsweise harmlos. Menschen mittleren Alters haben ihren Job verloren, weil ihre Dienstleistungen in Gastronomie und Hotellerie über Monate nicht gebraucht wurden. Jugendliche finden das HomeSchooling noch lässig, weil sie ausschlafen können, denn der erste Video-Unterricht beginnt erst um 9.45 Uhr.         

Die Corona-Pandemie hat die Frage aufgeworfen, woher Menschen in solchen Zeiten die Kraft zur Bewältigung von Krisen nehmen. In diesem Zusammenhang entwickelt die Wissenschaft auch wieder ein stärkeres Interesse an Religion: Es wird wieder intensiver erforscht, welche Auswirkungen Religion und Religiosität auf die psychische und physische Gesundheit, auf die Widerstandsfähigkeit und auf das Wohlbefinden des Menschen haben. Vor allem in den Vereinigten Staaten, wo Religion für einen weit höheren Anteil der Bevölkerung eine grosse Bedeutung hat als in Europa, ist eine Vielzahl von Studien erschienen, die Religiosität im Zusammenhang mit der sogenannten Salutogenese, also der Entstehung von Gesundheit, erforschen. 

Studien haben gezeigt, dass sich zum Beispiel bei Brustkrebspatientinnen eine starke, vertrauensvolle Gottesbeziehung positiv auf die Verarbeitung der Krankheit auswirken kann. Demgegenüber kann die Vorstellung eines strengen, strafenden Gottes einen zusätzlichen Druck erzeugen, der sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Es scheint also so zu sein, dass religiöser Glaube sowohl heilen als auch krank machen kann. Bei den Patientinnen wurde erforscht, dass das Bild eines mütterlichen, zugewandten, freundlichen, barmherzigen Gottes durchaus ein Gesundheitsplus bewirken kann. Daher wird gerade in Krisenzeiten wie jetzt zunehmend von der Medizin und Psychotherapie erforscht, welche Bewältigungsstützen sich aus dem religiösen Glauben ergeben. 

Das wichtigste Stichwort in diesem Zusammenhang heisst Resilienz, also Widerstandsfähigkeit. Das Wort stammt vom lateinischen resiliere, also abprallen, zurückspringen. In der Physik wird unter Resilienz die Fähigkeit verstanden, an Widerständen nicht zu zerbrechen. Ein Material ist dann resilient, wenn es elastisch, federnd und nachgiebig ist, wie zum Beispiel der Bambus. So ist es auch beim Menschen: Resiliente Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder zerbrechen nicht und lassen sich nicht unterkriegen. Das gelingt ihnen, weil sie auf persönliche und sozial vermittelte Kraftquellen zurückgreifen können.  

Interessanterweise sind gerade jetzt in Krisenzeiten Glaube und Religion für viele Menschen eine wichtige Quelle für Resilienz. Dabei spielen Vertrauen und Gemeinschaft eine zentrale Rolle. Wenn ich aus Gebet, Meditation und Gottesdienst Vertrauen schöpfen kann, meistere ich Krisen besser. Ausserdem wissen religiöse Menschen, dass sie von einer Gemeinschaft getragen werden. Nicht nur weil sie gläubig sind, sind sie resilienter, sondern weil die Glaubenspraxis mit der Einbindung in eine Glaubensgemeinschaft verbunden ist. Religiöse Menschen haben das Gefühl, nicht alleine vor Herausforderungen zu stehen. Sie haben eine doppelte Stütze, denn sie können auf das Vertrauen in Gott wie auch auf die Unterstützung durch die Gemeinschaft bauen. Religion macht also stark, denn wer glaubt, kann Krisen besser meistern. Eine sehr interessante Form der Alternativmedizin, nicht wahr?