Die COVID-19-Pandemie hat dazu geführt, dass eine Begrüssung oder Verabschiedung mit Handschlag verpönt ist. Damit erfuhr ein altes Kulturgut ein abruptes Ende. Neue Gewohnheiten haben sich etabliert und stellen die Zukunft des Händedrucks infrage.

von Anton Ladner

Energisch, entschieden, ängstlich oder unsicher. Der Handschlag war ein verlässlicher Indikator in der Küchenpsychologie, um sich ein rasches Bild von einem Menschen zu machen. Seit der Corona-Krise muss man sich an anderen Hinweisen orientieren. Der Handschlag gilt heute gesellschaftlich als verantwortungslos. Die am weitesten verbreitete Begrüssungsform in der westlichen Welt ist abgeschafft – vorübergehend. Aber nicht zum ersten Mal. Denn am 5. August 1938 hatte bereits Benito Mussolini den Händedruck zu liquidieren versucht: «Auch der Händedruck endete mit uns: Der römische Gruss ist hygienischer, ästhetischer, kürzer.» Das galt auch für den Hitlergruss im Dritten Reich. Aber der Handschlag kam als Gewohnheit zurück.

Der Sprachwissenschaftler und Soziologe Massimo Arcangeli hat im September das Buch «Die abenteuerliche Geschichte des Händedrucks − von Mesopotamien bis COVID-19» herausgebracht, das die lange Geschichte des Handschlags rekonstruiert. Am Anfang standen der assyrische König Shalmaneser III. und der babylonische König Marduk-zâkir-šumi I. im Jahre 850 v. Chr. Zu welcher Entwicklung diese Geste geführt hat, dokumentierte Donald Trump am französischen Nationalfeiertag 2017 auf amüsante Weise. Er schüttelte Präsident Emmanuel Macron 27 Sekunden lang die Hand und brachte dabei Macrons Gleichgewicht ins Schwanken. Ein Jahr später markierte Macron in Kanada am G-7-Treffen Präsenz. Er drückte Trumps Hand so energisch, dass sich Trump befreite. Der Daumenabdruck Macrons auf Trumps Hand war klar sichtbar.

Sind Fotografen und Kameraleute anwesend, schütteln sich Regierungsleute mitunter auch mehrmals die Hände. Offenbar mag das Publikum einfach dargestellte Harmonie, selbst wenn die Gestik nicht dem Inhalt entspricht. Mit diesen Spielchen ist es jetzt vorbei, weil durch Tröpfchen- und Schmierinfektion übertragene Erreger durch Händeschütteln weitergegeben werden.

Aber da war auch der Gladiatorengruss des antiken Rom oberhalb des Handgelenks am Unterarm, um sicherzustellen, dass der andere keinen Dolch im Ärmel versteckt hatte. Oder die Begrüssung der tiefen Verbundenheit, indem beide Handgelenke umfasst werden. Der Handschlag findet derweil durch die ganze Geschichte viele Erwähnungen: Auf römischen Münzen lässt sich das Händeschütteln als Symbol der Eintracht wiederfinden. Im Neuen Testament wird im Brief des Paulus an die Galater erwähnt, dass Paulus beim Abschied in Jerusalem die rechte Hand der Freundschaft gereicht worden sei. Eine Geste aus der antiken Zeit, von der zahlreiche Dexiosis-Darstellungen (die Rechte geben) zeugen. Sie symbolisieren die Verbundenheit zweier Personen, aber auch von Städten oder Reichen durch den Händedruck der Herrscher.

In christlichen Gottesdiensten ist ein Händedruck als Friedensgruss üblich geworden. In den islamischen Gesellschaften wird das Händeschütteln zwischen Männern und Frauen derweil zum Teil abgelehnt, gleich wie im orthodoxen Judentum.

Vor allem sticht die Rolle der Quäker hervor, die kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts beschlossen, sich mit einem Handschlag zu begrüssen. Das war Ausdruck der Parität, eine freundliche Geste der Verweigerung von sozialen Ungleichheiten, Verbeugungen und anderer Ehrerbietungen. «Kein Herr oder Madame, Meister oder Euer Gnaden: nur Freund.» Zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert hat sich dann der Handschlag als Form der Begrüssung durchgesetzt. Er stand auch für die Ideale Loyalität, Freundschaft, Grossmut – für jene der Quäker.

«Händeschütteln ist eine Geste voller Bedeutung, denn die Hand ist die Sprache der guten und herzlichen Absichten», schrieb der englische Schriftsteller Henry Siddons. Die Hand als Instrument des Geistes. Aus diesem Grund bestehen wohl verschiedene Formen des Handgrusses. Integration und Gleichstellung der Geschlechter sind dabei – mindestens in der Schweiz  ­– wichtiger als Religionsfreiheit. So das Bundesgericht in einem Urteil gegen die Eltern von zwei Schülern, die sich weigerten, die Hand einer Lehrerin als nonverbales Begrüssungs- und Verabschiedungsritual zu schütteln. Aber auch das ist heute kein Thema mehr.