Die Stadt Lausanne etabliert sich mit drei neuen Museen rund um den Bahnhof als Kulturstadt mit Ausstrahlung. Architektonisch geht die Überbauung Plateforme 10 neue Wege: Die gezeigte Kunst ist entscheidend, nicht die Hülle.

von Anton Ladner

Museumsarchitektur ist heikel, vor allem dann, wenn sie auf Trends setzt. Paradebeispiel dafür ist der Erweiterungsbau der Staatsgalerie in Stuttgart. Im postmodernen Stil von James Stirling konzipiert war sie 1984 das Nonplusultra. Heute fragen sich die meisten Besucher, ob man das damals tatsächlich schön fand. Den Museumsbauten der Plateforme 10 in Lausanne dürften solche Auseinandersetzungen in 20, 30 oder 40 Jahren erspart bleiben. Denn sie sind von einer intelligenten Schlichtheit geprägt. Die Überbauung wurde möglich, weil die Schweizer Bundesbahnen das grosse Grundstück der Lokremise mit der Stadt Lausanne abtauschen konnte. Auf 25 000 Quadratmetern entstehen drei Ausstellungsorte. Das Musée Cantonal des Beaux-Arts (MCBA) macht den Auftakt neben dem Bahnhof. Es besteht aus einem lang gestreckten Bau von 145 Meter Breite, 22 Meter Höhe, 21 Meter Tiefe und verläuft parallel zu den Geleisen der Linie Lausanne-Genf. Der Backsteinbau, der sich mit einem monumentalen Rundbogen-Fenster auf die Geleise und den See hin öffnet, sorgt beim Betreten für einen gewaltigen Wow-Effekt. Dieses Erlebnisgefühl soll sich jedoch künftig schon beim Betreten der Plateforme 10 einstellen. Denn zwischen den Museumsbauten und den Stützmauern entsteht eine Ausgeh-Allee mit Gastronomiebetrieben und Shops. Die Philosophie der Plateforme 10 soll von Anfang an spürbar werden: ein niederschwelliger Kulturzugang, Kultur als Erlebnis, als Freizeitgestaltung, als Abendvergnügen.

Entworfen wurde der schlichte Bau von dem 43-jährigen Trentiner Fabrizio Barozzi und dem 47-jährigen Galicier Alberto Veiga, die in Barcelona gemeinsam ein Architekturbüro führen. Von Beginn an arbeiteten sie für grosse Projekte: das Kongresszentrum in Sevilla zum Beispiel oder die Hafenüberbauung in Vigo. Das öffnete den Zugang zu Vorhaben im Ausland. So realisierten sie die Musikschule in Bruneck in Südtirol, das Bündner Kunstmuseum Chur, das Zürcher Tanzhaus und nun das neue Museum in Lausanne. Im April konnte die Bevölkerung nach acht Jahren Planung und Realisierung, die von Museumsdirektor Bernard Fibicher stark mitgeprägt wurde, den Neubau besichtigen und sich von der Qualität der Räume mit Holzböden und sehr unterschiedlicher Akustik überzeugen. Das Echo war sehr positiv. Im Vergleich zum alten Standort im Palais de Rumine steht nun dem Museum mit 3220 Quadratmetern dreimal mehr Ausstellungsfläche zur Verfügung. Mit der Ausstellung «Atlas – Kartographie der Gaben» eröffnet das Museum am 5. Oktober mit den Werken, die das Haus von Mäzenen erhalten hat. Drei Fünftel der Ausstellungsfläche sind für die Sammlung vorgesehen, darunter die bedeutenden Werke von Félix Vallotton, dem Künstlersohn der Stadt. Die Vallotton-Sammlung ist in der Fondation Félix Vallotton gebündelt und ermöglicht damit ein neues Vallotton-Kompetenzzentrum im MCBA. Doch Lausanne soll nicht nur von seinem Erbe leben. Bernard Fibicher hat drei grosse Sonderausstellungen pro Jahr geplant. Für das Jahr 2020: «Wien um 1900 – von Klimt zu Schiele und Kokoschka», eine Ausstellung mit Schwerpunkt Waadt und eine mit Werken der US-amerikanischen Künstlerin Kiki Smith.

Das MCAB kommt auf 84 Millionen Franken zu stehen, wovon Stadt und Kanton 50 Millionen übernahmen. 34 Millionen Franken haben Private gespendet – übrigens innerhalb erstaunlich kurzer Frist. Die gesamte Überbauung mit dem Fotomuseum l’Elysée und dem Museum für Design (mudac), die 2021 fertiggestellt sein werden, wird um 180 Millionen Franken kosten. Den Kubus mit dem markanten Einschnitt, haben die portugiesischen Architekten Manuel und Francisco Aires Mateus entworfen. Das in Lissabon domizilierte Architekturbüro der zwei Brüder ist bekannt für reduzierte, kubische Baukörper. Sie kennen das Duo Barozzi-Veiga in Barcelona gut, was wohl auch half, dem Ensemble zu einer Harmonie zu verhelfen.

Die Waadtländer Regierung verspricht sich von der Plateforme 10 eine Magnetwirkung weit in die Deutschschweiz hinein. Deshalb will die Kantonsregierung alle drei Museen in einer Stiftung vereinigen, was eine effiziente Vermarktung erleichtert. Aber die Plateforme 10 wird noch eine andere Magnetwirkung entfalten. Sie wird ab 2026 Teil des neuen Bahnhofes von Lausanne, wo mit einem Aufkommen von 200 000 Personen pro Tage gerechnet wird. Die Kulturinsel wird so auch zur Erholungsinsel für Pendler. Kann man sich eine bessere Integration von Kultur vorstellen? Bernard Fibicher spricht dann auch von einer besonderen «Drehscheibe für Kunst in Lausanne und darüber hinaus».

Der geniale Standort war aber nicht von Anfang an geplant. Das erste Vorhaben sah einen Neubau am Seeufer vor, was 2008 an der Urne abgelehnt wurde. Das Stimmvolk hat eindeutig richtig entschieden.