Viele Bäuerinnen arbeiten ohne Lohn auf dem Hof ihres Mannes mit und sind deshalb nur minimal sozialversichert. Nun will ein Vorschlag des Bundesrates diesen Missstand ändern. Wer in einem Bauernbetrieb arbeitet, muss versichert werden, sonst werden die Direktzahlungen gekürzt. Frauenverbände und Bio Suisse sind dafür, der Schweizerische Bauernverband dagegen. Eine Analyse mit Nationalrätin und Bäuerin Maya Graf

von Christine Schnapp

Maya Graf, künftig sollen Subventionen in der Landwirtschaft daran geknüpft werden, dass alle Personen, die in mindestens einem 50-Prozent-Pensum auf einem Hof arbeiten, sozialversichert sind. Zuerst ist dazu zu sagen, dass es nicht eine Bedingung ist, dass man Direktzahlungen erhält, sondern dass die Zahlungen gekürzt werden, wenn man keinen Nachweis erbringen kann, dass die Partnerin oder der Partner gegen Arbeitslosigkeit versichert ist. Genauso, wie wenn man z. B. den ökologischen Leistungsausweis nicht vollständig erbringt. Man geht davon aus, dass zwei Drittel aller heutigen Bäuerinnen keinen Lohn erhalten für ihre Arbeit. Das heisst, sie sind über ihren Ehemann AHV-versichert, aber sie haben weder eine Arbeitslosenversicherung noch eine Mutterschaftsentschädigung – und im Alter nur eine minimale Rente, wenn die des Mannes gesplittet wird.

Was ist Ihre Meinung zum Vorschlag des Bundesrates?
Die Forderungen des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes und weiteren Kreisen bestehen seit Jahren und wurden mit einem Bericht des Bundesrates 2016 auch dargelegt. Bäuerinnen und andere Familienmitglieder auf einem Hof sollen einen Lohn erhalten oder als selbstständig Erwerbende angemeldet werden. Sie werden damit selbst AHV- und ALV-pflichtig, können eine Taggeldversicherung abschliessen und haben als Frau Anrecht auf Mutterschaftsentschädigung. Diese Bauernbetriebe haben Vorteile: Neben der sozialen Absicherung in Krisensituationen gibt es Steuervorteile und finanzielle Beiträge bei Mutterschaft. Ich bin klar für den Vorschlag des Bundesrates.

Ist der Vorschlag des Bundesrates die bestmögliche Variante oder gäbe es noch eine optimalere?
Für mich ist es eine gute Lösung, weil sie die Landwirtschaftsbetriebe nicht einschränkt. Sie schreibt etwas fest, das eigentlich selbstverständlich sein müsste. Heute werden alle nicht zur Familie gehörenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einem Hof angestellt und sind damit sozialversichert. Es gibt sogar einen Mindestlohn. Das muss als Minimum auch für Familienmitglieder gelten. Und der Vorschlag gilt ja nur für Ehepartner und -partnerinnen unter 55 Jahren, weil es sonst sehr teuer würde.

Trotzdem wird es den Einwand geben, es sei ein administrativer Mehraufwand.
Ja, klar. Der kommt ja immer. Vor allem, wenn man etwas nicht will. Und selbstverständlich wird man seine Versicherungssituation analysieren und anpassen müssen, weil man ja beispielsweise eine Taggeldversicherung abschliessen muss. Es ist wichtig, dass man sich in der heutigen Zeit als Paar beraten lässt, welche Vorsorge sich am besten eignet. Wenn man ein Unternehmen führt, sollte das heute eine Selbstverständlichkeit sein. Und bei den übrigen Angestellten sagt man ja auch nicht einfach: «Die Administration ist mir zu aufwendig, der kriegt keine Versicherung und arbeitet schwarz.»

Löst der Vorschlag des Bundesrates auch das Problem, dass sich Bauernpaare oftmals aus finanziellen Gründen nicht scheiden lassen können?
Wir haben auch in der Landwirtschaft heute eine Scheidungsrate von 50 Prozent. Da ergeben sich oftmals finanzielle Probleme für die Geschiedenen – auch für die Landwirte, denen in der Regel der Hof gehört. Die Bäuerinnen, die sich scheiden lassen, verlassen meist den Hof und haben danach finanziell so gut wie nichts in der Hand, weil sie ja die Existenz des Betriebes nicht mit Forderungen gefährden wollen. Oftmals landen diese Frauen in der Sozialhilfe, denn sie haben kein Anrecht auf Arbeitslosengeld. Diese Armut setzt sich fort bis ins Alter. Das ist unwürdig für die Bäuerinnen, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet haben – ohne Lohn.

Ist das Selbstständigkeit, wenn eine Frau die Angestellte ihres Ehemannes ist – oder auch umgekehrt?
Im Moment sind sie natürlich komplett abhängig. Gegenüber diesem Zustand ist es auf jeden Fall eine Verbesserung. Ich denke, wenn heute ein Paar ein Unternehmen führt, beispielsweise einen Gewerbebetrieb, dann ist es selbstverständlich, dass man es so aufbaut, dass der Mann sich einen Lohn auszahlt. Das muss für die Frau auch gelten. Deshalb muss man sich als Paar gemeinsam überlegen, wie man das Unternehmen führt, organisiert und die Löhne aufteilt. In Bauernbetrieben ist es oft so, dass Bäuerinnen einen Betriebszweig selbstständig führen. Die Direktvermarktung ist zum Beispiel ein Bereich, der oftmals von Frauen aufgebaut und geführt wird.

Was ist denn in den vergangenen Jahren schon getan worden, um dieser Forderungen nach Lohn für Bäuerinnen zum Durchbruch zu verhelfen?
Der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband setzt sich seit zehn Jahren auf allen Ebenen dafür ein. Und selbst der Bauernverband hat in einem Schreiben an alle Bauern darauf hingewiesen, dass sämtliche Personen, die auf einem Hof arbeiten, sozialversichert sein müssen. In der Ausbildung ist es heute für Männer und Frauen selbstverständlich, dass dieses Thema angesprochen wird. Ich denke, die junge Generation wird von Anfang an Themen wie Aufteilung der Arbeiten, Verantwortlichkeiten und Sozialversicherungsfragen angehen und diese Entscheide partnerschaftlich treffen. Von der jetzigen Diskussion betroffen sind vor allem die 40- bis 55-jährigen Bäuerinnen.

Was ich an dieser Diskussion nicht verstehe, ist, warum sich die Bäuerinnen heute nicht einfach als selbstständig Erwerbende anmelden, so wie ihre Männer es tun?
Das ist selbstverständlich auch eine Möglichkeit. Die haben auch wir auf unserem Hof gewählt, als wir ihn zu viert führten. Wir haben uns dann auch alle vier einen Lohn ausbezahlt. Als selbstständig Erwerbende ist man als Frau Mitbewirtschafterin eines Hofes. Das ist eine Variante, die ich sehr empfehle.

Wäre das nicht die einfachere Variante?
Der Vorschlag des Bundesrates lässt das offen. Ich finde, die Betroffenen sollten selbst entscheiden, wie sie sich organisieren möchten. Eine Vorschrift würde zu weit gehen.

Sie sind sehr zuversichtlich, dass der Vorschlag des Bundesrates die Vernehmlassung überstehen wird. Woher kommt dieser Optimismus?
Ich bin allgemein ein optimistischer Mensch. Aber ich denke, dass in den vergangenen Jahren viel passiert ist in dieser Frage und das Anliegen heute breit abgestützt ist. Selbst jetzt, wo der Bauernverband den Vorschlag abgelehnt hat, gibt es noch diverse Parteien und Verbände, wie zum Beispiel die grossen Frauendachverbände, die den Vorschlag klar unterstützen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es heute noch eine Mehrheit gibt, die den Bäuerinnen eine bessere soziale Absicherung nicht zugestehen möchte.