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Achtsamer Blick

Marc Jost

Generalsekretär der Schweizerischen
Evangelischen Allianz

 

zum Flüchtlingssontag

In der Rubrik „Mein achtsamer Blick“ unserer Partnerzeitschrift Doppelpunkt wirft jede Woche eine Persönlichkeit aus Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft einen Blick auf das, was für sie zählt. Der Sonntag publiziert diesen Beitrag für seine Lesserinnen und Leser online. Die Meinung der Autorinnen und Autoren muss sich dabei nicht mit derjenigen der Redaktion decken.

Alle „achtsamen Blicke“ finden Sie unter www.doppelpunkt.ch/achtsamer-blick.

Die vergessene, aber himmelschreiende Not

Vor einem Jahr kam mir ein Bericht in die Hände, der mich aufgerüttelt hat. Während ich vor allem mit Statistiken, Zahlen und Fakten zur Pandemie beschäftigt war, holte mich dieser Text für einen Moment in eine ganz andere Welt. Es war der Bericht einer Mitarbeiterin eines Hilfswerks, das im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos tätig war. Der Text trug den Titel «Hoffnung» und doch schien alles so hoffnungslos. Die geflüchteten Menschen vor Ort hatten weder Zeit noch Kraft, sich mit Corona zu beschäftigen, für sie ging es ganz einfach ums nackte Überleben, insbesondere nachdem grosse Teile des Lagers auch noch in Brand geraten waren.

Ich kann mir vorstellen, dass es in den vergangenen Monaten vielen Menschen hier in der Schweiz genauso ergangen ist. Wir mussten uns zuerst einmal mit uns und der herausfordernden Situation um uns beschäftigen. In der Schweiz konnten wir jedoch bald erkennen: Da gibt es Menschen, die trifft es noch viel härter als andere. 

Für Menschen, die unsere Sprache nicht sprechen, unsere Kultur nicht kennen, sich kaum in der Schweiz und unserer Gesellschaft orientieren können, war es umso brutaler, als es plötzlich auch nicht mehr möglich war, sich im Sprach-, Integrations- oder Ausbildungskurs zu treffen. Ja, auch persönliche Treffen wären gerade für Flüchtlinge elementar gewesen.

Erst nach dem ersten Schock und der Selbstorganisation fiel unser Blick auch wieder vermehrt auf unsere Nächsten; insbesondere auf die fremden Nächsten. Der Flüchtlingssonntag am 20. Juni ist eine Gelegenheit für unsere ganze Gesellschaft, sich der besonderen Not von geflüchteten Menschen anzunehmen.

Achtsamer Blick

An diesem Welt-Flüchtlingstag bieten verschiedenste Organisationen und auch die Kirchen Möglichkeiten an, sich mit dem Schicksal von aktuell über 80 Millionen Menschen weltweit näher zu beschäftigen. Was ist Gerechtigkeit und wo liegt unsere Verantwortung? Das sind komplexe Fragen. Ist es gerecht, wenn Tausende von Kindern und Erwachsenen in provisorisch aufgebauten Lagern unter menschenunwürdigen Bedingungen ausharren müssen? Was bringt Menschen dazu, sich überhaupt auf die Flucht zu begeben und die damit verbundenen Strapazen auf sich zu nehmen? Können wir in der Schweiz mehr Flüchtlinge aufnehmen?

Diesen Fragen kann man ausweichen, es gibt genügend Möglichkeiten, sich ablenken zu lassen. Aber wieso lassen wir die Not nicht erneut auf uns wirken? Die Arbeitsgemeinschaft interkulturell der Schweizerischen Evangelischen Allianz bietet zum Beispiel einen Dokumentarfilm dazu an. Er beleuchtet eindrücklich die aktuelle Flüchtlingslage, auch in Bezug auf die Pandemie, aus verschiedenen Perspektiven und lässt Geflüchtete wie auch Fachpersonen zu Wort kommen. Die Premiere des Films findet am Flüchtlingssonntag, 20. Juni 2021, um 20 Uhr auf YouTube (Hinweis auf www.each.ch/fluechtlingssonntag) statt. Ich bin überzeugt: Fast jeder Mensch in der Schweiz hat die Möglichkeit, etwas Nächstenliebe praktisch werden zu lassen.

 

Marc Jost ist Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz.

Premiere des Films:

Flüchtlingssonntag, 20. Juni 2021, um 20 Uhr auf YouTube

Worum geht es? Gerechtigkeit und Verantwortung; komplexe Themen, vor allem wenn es um geflüchtete Menschen geht.