Zwar wird Mariä Himmelfahrt, dieses Jahr am 15. August, nur in der katholischen Welt gefeiert. Die Figur Maria, der dieser Feiertag gewidmet ist, hat aber über die Christenheit hinaus auch für die Muslime eine grosse Bedeutung.

von Stephan Leimgruber

Christen und Muslime treffen sich in der Würdigung und Verehrung Marias. Für die Angehörigen beider Religionen ist sie die jungfräuliche Mutter Jesu, sie ist die heilige, erwählte und begnadete Fürsorgerin ihres Sohnes. Maria schlägt eine Brücke zwischen den beiden grössten Religionen der Welt. Sie ist gewiss keine Göttin, auch nicht die dritte Person der Trinität, sondern die menschliche Gebärerin Jesu. Ihr Sein und Wirken sind vorbildlich und geben Anlass zu einer geradezu enthusiastischen Verehrung Marias, die arabisch Maryam heisst. Während der frühe persische Dichter Abu Ali Marwazi sie als «Knospe» bezeichnet, in deren Schoss die «Rose» Jesus entsteht, hat die christliche Dichtkunst das Lied «Es ist ein Ros entsprungen» gedichtet, wozu der  protestantische Komponist Michael Praetorius 1609 einen vierstimmigen Chorsatz verfasste. Und die mittelalterliche lauretanische Litanei ruft zu Maria als Helferin und Fürsprecherin – auch mit der Anrede: «Du geheimnisvolle Rose».

Gewiss gibt es abgesehen von den auffälligen Entsprechungen auch deutliche Unterschiede in der muslimischen und christlichen Wahrnehmung Marias: Für Christinnen und Christen ist Maria stets mit Kind dargestellt, auf das es ankommt, nämlich Jesus, der Sohn Gottes. Musliminnen und Muslime sehen in Maria zunächst die Frau in ihrer Menschlichkeit. Sie hat Jesus, den Propheten, geboren, dem dann Muhammad als Siegel der Propheten folgte. Maria ist zwar auch für Muslime heilig, aber niemals göttlich, weil damit das alles dominierende monotheistische Glaubensbekenntnis infrage gestellt wäre. Benedikt XVI. hat kurz nach seiner Regensburger Rede (2006), die in islamisch geprägten Ländern weltweite Empörung auslöste, Istanbul und die Blaue Moschee besucht, anschliessend das Heiligtum bei Ephesus, in dem Muslime den Heimgang Marias verehren. In diesem Maria geweihten Heiligtum betete der Papst auf Türkisch das Ave Maria und gewann den angekratzten Respekt in der türkischen Bevölkerung zurück.

Maria aus christlicher Sicht

Am 15. August begeht die katholische Christenheit das Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel. Und zwar ist sie ganz, mit all ihren Bezügen zur Welt, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen und in Christus vollendet worden. Sie ist eingegangen in die ewige Herrlichkeit und hat Anteil an der Auferstehung und am ewigen Leben. Damit werden das ganze Dasein und Wirken Marias gewürdigt: angefangen von der Verkündigung, Geburt und Flucht nach Ägypten über die Suche des Zwölfjährigen im Tempel, die Hochzeit von Kanaa bis hin zur Begleitung auf dem Kreuzweg und zur Anteilnahme unter dem Kreuz, ja bis zum Pfingstereignis im Kreis der Apostel. Zum Ausdruck kam diese Verehrung in zahlreichen Liedern, Heiligtümern und Wallfahrtsorten.

Maria wird neu als Schwester im Glauben und Leben gesehen, als Anwältin und Fürsprecherin der Armen. Wichtig ist mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, dass sie nicht um ihrer selbst willen verehrt wird, sondern stets in ihrer Stellung innerhalb der Heilsgeschichte, insofern sie im Dienste des Erlösers und Retters Jesus Christus stand. Die Devise lautet: durch Maria zu Jesus (per Mariam ad Jesum). Die orthodoxe Kirche spricht nicht von Himmelfahrt oder Aufnahme, sondern vom Heimgang Marias und stellt Maria im Sterben dar, umgeben vom Jüngerkreis. Auch hier wird ihre Nähe zu den Menschen deutlich.

Maryam aus muslimischer Sicht

Maria hat im Koran und bei den Musliminnen und Muslimen bis hin zum mystischen Sufismus eine bedeutende Stellung. Sie kommt im heiligen Buch des Islam über 30 Mal vor. An den meisten Stellen steht sie im Zusammenhang mit Jesus, dem «Sohn Marias». Damit betont der Koran die Menschlichkeit Jesu und seine Herkunft von seiner Mutter Maria. Maria wird als «Tochter Imrans» verstanden, wozu es zwei Erklärungen gibt. Imran ist der Vater des Mose und Aaron (Ex 6,20) sowie ihrer Schwester, die Prophetin Mirjam (Ex 15.20), oder Imran ist der Vater der Sippe um Jesus und Maria. Von Koraninterpreten werden beide Varianten vertreten, der Koran selbst sieht durchaus Bezüge zwischen beiden.

Die Hauptbelegstellen für Maria sind in Sure 3, die mit «Sippe Imrans» überschrieben ist und die Geburt Marias beschreibt, die Verse 33-37 und die Verse 42-47, und in Sure 19, die selbst mit «Maryam» (arabisch für Maria) bezeichnet ist, die Verse 16-34, die über die Geburt Jesu handeln. Der Koran erzählt ähnliche und differente Aspekte über Maria gegenüber ihrer Darstellung in der Bibel. Er lässt sie von Zacharias im Tempel begleiten und heranwachsen. Sie wird auserwählt von Gott, der sie unter allen Frauen erkoren hat, was ans Magnifikat erinnert. Maria wird als demütig geschildert, die sich niederwirft und verneigt, was der Etymologie von «Islam», «sich niederwerfen», entspricht. Die Erschaffung Jesu geschieht durch das Wort. Der Koran betont die Vaterlosigkeit Jesu und legt Maria das Wort in den Mund: «Wie soll ich einen Knaben erhalten? Es hat mich doch kein Mensch berührt, und ich bin keine Hure» (Sure 19:20). Die Geburt Marias von Jesus wird als schmerzhaft bezeichnet (mit Geburtswehen). Die Wehen liessen sie zu einer Palme gehen, die sie schütteln solle und die sie stärken möge. Schliesslich wird Friede über die Geburt Jesu erbeten (Sure 19:33).