Glaubensimpuls von Schwester Ingrid Grave

«Maria, Maienkönigin, dich will der Mai begrüssen.» So begann ein Marienlied, an das ich mich aus meinen Kindertagen erinnere. Ich weiss gar nicht, ob dieses Lied heute überhaupt noch gesungen wird.

Mein Marienbild hat sich seither enorm verändert. Es gab lange Jahre, in denen die Maienkönigin ganz und gar verblasste. An ihrer Stelle wurde mir in meinem Orden die Rosenkranzkönigin vorgestellt. Im Oktober. Aber auch dieses Bild ist nicht haften geblieben. Stattdessen rückte immer mehr die Frage in den Vordergrund:
Maria, wer war das eigentlich?

Maria, die Frau aus dem Volke. Erst unter diesem Titel habe ich eine tragende Beziehung zu ihr gefunden. Marias Herkunft liegt im Dunkeln. Nur die Apokryphen wissen mehr darüber (Protevangelium des Jakobus). Demnach hiessen ihre Eltern Joachim und Anna. Obwohl nirgends in der Bibel erwähnt, werden beide in der katholischen Kirche als Heilige verehrt, besonders die heilige Anna. Mutter Anna hat sogar einen starken Ausdruck in der Kunst gefunden – als Anna Selbdritt; das Sujet zeigt Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind. Dieser Figur habe ich einen festen Platz eingeräumt in meinem inneren Bücherregal.

Die Frau aus dem Volke, das ist die Mutter Jesu für mich geworden, ganz nahe bei uns Menschen, besonders bei uns Frauen. Ihre Spur in der Heiligen Schrift zeigt es:
Maria erkennt ihre Schwangerschaft und erschrickt dabei. Die Bibel sagt, es sei ein Engel gekommen, um ihr diese Botschaft mitzuteilen. Für mich heisst das: Maria erkennt die Heiligkeit und Unantastbarkeit des neuen Lebens in ihr; mit diesem Kind wird Aussergewöhnliches auf sie zukommen. Das zeigt sich dann auch. Der Zwölfjährige bleibt auf der Wallfahrt nach Jerusalem, von den Eltern unbemerkt, im Tempel zurück. Sie finden ihn nach drei Tagen, während er sich mit Schriftgelehrten unterhält. Für die Not der Eltern scheint er kein Verständnis zu haben. Ein pubertierendes Kind? Oder mehr? Im Alter von 30 Jahren legt er die Arbeit nieder, geht für 40 Tage in die Wüste und wird Wanderprediger – festen Wohnsitz und Besitz lehnt er ab. Wie soll Maria das verstehen? Ein aussergewöhnlicher Sohn! Soll sich die Familie schämen oder stolz auf ihn sein?

Das Bitterste ist dann sein Tod am Kreuz, der schändlichste Tod, den man sich damals vorstellen konnte. Entehrend! Maria ist da, die Mutter. Es ist und bleibt ihr Sohn. Dass daraus einmal Ostern wird, kann sie nicht wissen. Aber wir wissen es. Da können wir nur noch sagen: Maria, wir danken dir für deine Liebe.