Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel wird nach ihrer Wiederwahl die Gesundheitskommission präsidieren. Für sie steht fest: Der andauernde Anstieg der Krankenkassenprämien muss mit einer Kostenbremse in der Verfassung gestoppt werden.

 von Anton Ladner

 Ruth Humbel, Sie sind im Nationalrat weit über die CVP hinaus als Gesundheitspolitikerin respektiert. Was motiviert Sie dazu?

Da ich beruflich praktisch immer im Gesundheitswesen tätig war, kenne ich die Zusammenhänge sehr gut. Wir haben ein gutes Gesundheitswesen und das Personal in der Gesundheitsversorgung leistet grossartige Arbeit. Aber durch das ungebremste Kostenwachstum werden die Prämien für mittelständige Personen, insbesondere Familien, zu einem immer grösseren Problem.

 

Die Gesundheitspolitik hat viele frustrierende Seiten. Lösungen gegen die Kostenexplosion erscheinen zunehmend als Quadratur des Kreises.

Im Gesundheitswesen haben es Reformen schwer, und es ist frustrierend, wenn eine Reform nach jahrelanger Arbeit scheitert. Ein Beispiel ist die Reform des Bundesgesetzes über die Krankenveersicherung (KVG)zur integrierten Versorgung «Managed Care». Die Vorlage wurde überparteilich von Vertretern von SVP, FDP, CVP, SP und Grünen erarbeitet und fand in den Räten grosse Zustimmung. In einer eigenwilligen Allianz bekämpften die Chirurgen (FMCH) und die Gewerkschaft VPOD die Vorlage mit einer Angstkampagne vehement, sodass sie an der Urne deutlich scheiterte.
Die anstehende Reform einer einheitlichen Finanzierung von stationären und ambulanten Leistungen wird von links und von den Kantonen heftig bekämpft, obwohl die Nachteile des jetzigen Finanzierungssystems unbestritten sind.

 

Die CVP sammelt derzeit Unterschriften für eine Initiative, die einen Prämienanstieg mit der Lohnentwicklung koppelt. Die CVP geht von einem Sparpotenzial von 20 Prozent pro Jahr aus. Wo können konkret sechs Milliarden Franken eingespart werden?

Gemäss der Studie der Akademien der Wissenschaften «Effizienz, Nutzung und Finanzierung des Gesundheitswesens» liegen die Kosten für Ineffizienzen, also mangelnde Koordination, Mehrfachuntersuchungen, unnötige Eingriffe und Anspruchshaltung der Versicherten, bei etwa sechs Milliarden Franken.

Es geht darum, dieses Sparpotenzial auszuschöpfen: zum Nutzen der Patientinnen und Patienten sowie der Prämienzahler.

 

 Gegner der Initiative fürchten bei dieser Koppelung einen Leistungsabbau. Stimmt die Gleichung «weniger Geld gleich weniger Leistung» im Gesundheitswesen nicht?

Das ist pure Angstmacherei. Es geht nicht um Leistungsabbau, sondern um Effizienz und Effektivität. In diesem Sinne heisst weniger Leistungen nicht weniger Qualität. Weniger ist oft besser für die Gesundheit der Patientinnen und Patienten sowie für die Kosten.

 

Seit Jahren sind die hohen Medikamentenpreise in der Schweiz ein Thema. Der Preisüberwacher hat klare Vorschläge, aber keinen Rückhalt im Parlament. Wann wird sich das ändern?

Die Medikamentenpreise werden regelmässig überprüft. So haben die Preissenkungen in den vergangenen beiden Jahren zu Einsparungen von über 300 Millionen Franken geführt. Meines Erachtens muss ein neues Preismodell für die neuen, sehr teuren Medikamente gefunden werden. Die Krankenversicherer sollten nur bezahlen, wenn der versprochene Therapieerfolg eintritt. Ansonsten muss das finanzielle Risiko bei der Pharmaindustrie liegen.

 

Pro Jahr werden in der Schweiz Medikamente für eine Milliarde Franken weggeworfen. Wo liegen die Gründe für diese Verschwendung? Verschreiben die Ärzte einfach zu oft und zu viel?

Gemäss Sonderabfallstatistik des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) landen in der Schweiz jährlich 4000 Tonnen Medikamente im Müll. Das ist eine extrem teure Vergeudung. Die Gründe liegen sicher in einer grosszügigen Verschreibung durch Ärzte sowie einer fehlenden Koordination zwischen Hausärzten und andern Spezialärzten. Ein elektronisches Patientendossier, das alle Diagnosen, Therapien und Medikamente erfasst, könnte Abhilfe schaffen.

 

Die Kostenexplosion hängt auch mit der schon angesprochenen Anspruchshaltung zusammen. Hat die Nachfrage so weit geführt oder das ständig wachsende Angebot?

Wir beklagen einen Ärztemangel und Mangel an Pflegepersonal. Tatsächlich gehören wir aber zu den Ländern mit der höchsten Dichte an Gesundheitspersonal. Im Angebotsmarkt schafft das Angebot die Nachfrage, und der einfache Zugang zu Gesundheitsleistungen wird rege genutzt.

Dank der guten Gesundheitsversorgung haben wir das Glück, bei guter Gesundheit älter zu werden. In der Folge gibt es aber auch mehr pflegebedürftige hochbetagte Menschen. Des Weiteren bringt uns der medizintechnische Fortschritt bessere Diagnose- und Therapiemöglichkeiten, was sich auch kostentreibend auswirkt.

 

Wer vorsichtig Auto fährt und keine Unfälle verursacht, erhält bei der Versicherung einen erheblichen Bonus. Wer gut und erfolgreich auf seine Gesundheit achtet, wird nicht belohnt. Ist das ein systemischer Fehler?

Prävention im Unfallbereich ist viel einfacher als bei Krankheit. Aber trotzdem ist es ein Systemfehler, wenn gesundheitsbewusstes Verhalten nicht honoriert wird. Persönlich bin ich der Überzeugung, dass sich gesundheitsbewusstes Verhalten lohnen soll.

Gemäss Daniel Scheidegger, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, wirken folgende Faktoren auf die Gesundheit:
50 Prozent Ernährung, Bildung, Wirtschaft, 20 Prozent Umwelt, 20 Prozent Genetik, 10 Prozent medizinische Versorgung. Aus diesen Zahlen ist klar ersichtlich, dass der Aspekt des Lebensstils der wichtigste Faktor für die Gesundheit ist und Anreize für gesundheitsbewusstes Verhalten nötig sind.

 

Aber die Eigenverantwortung ist im Gesundheitswesen irgendwie zu wenig bewertet. Wie könnte man das ändern?

Die Solidarität in der Krankenversicherung ist mir sehr wichtig. Unser Gesundheitswesen garantiert allen Menschen einen Zugang zu qualitativ guten Behandlungen. In der ordentlichen Versicherung haben alle die gleichen Prämien, und die Kostenbeteiligung ist auf 1000 Franken begrenzt (Franchise 300 Franken, Kostenbeteiligung 10 Prozent der Kosten bis maximal 700 Franken), selbst wenn eine Therapie mehrere 100 000 Franken kostet. Als Präsidentin der IG Seltene Krankheiten setze ich mich auch für eine Besserstellung betroffener Menschen im KVG ein. Ich stehe klar für eine Stärkung der Eigenverantwortung. Wenn Krankenversicherer auf freiwilliger Basis Versicherungsmodelle für messbares, gesundheitsbewusstes Verhalten anbieten können, stärkt das auch die Solidarität zu den Menschen, die an gesundheitlichern Beeinträchtigungen  leiden. Und wenn gesundheitsbewusstes Verhalten zu weniger Gesundheitskosten und damit zu weniger Prämienerhöhungen führt, profitieren alle davon.