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Über den Regierungsstil von Papst Franziskus kann man diskutieren. Auch über die Länge seiner Enzykliken. Doch verbergen sich darin wahre Kleinode der Menschlichkeit. So ist die jüngste Enzyklika Fratelli tutti − Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft ein eindringlicher Appell für mehr Geschwisterlichkeit unter allen Menschen, unabhängig von ihrer Kultur, Religion, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihrer Nationalität.

 

Vor dem Hintergrund, dass in der gegenwärtigen Welt das Zugehörigkeitsgefühl zu der einen Menschheit abnehme, plädiert Franziskus für den Zusammenschluss zu einem uneingeschränkten Wir. Dies weniger als moralischer Appell, sondern als Schlüssel zum Verständnis unseres Menschseins. «Ein Mensch kann sich nur entwickeln, sich verwirklichen und Erfüllung finden in der aufrichtigen Hingabe seiner selbst. Nur in der Begegnung mit dem anderen vermag er seine eigene Wahrheit vollständig zu erkennen.

 

Deshalb kann niemand ohne die Liebe zu konkreten Mitmenschen den Wert des Lebens erfahren. Hierin liegt ein Geheimnis echter menschlicher Existenz, denn das Leben existiert dort, wo es Bande gibt, Gemeinschaft, Geschwisterlichkeit; und es ist ein Leben, das stärker ist als der Tod, wenn es auf wahren Beziehungen und Banden der Treue aufgebaut ist» (FT 87).

 

Auch wenn die Kritik an der digitalen Kommunikation vielleicht etwas einseitig ausfällt, beeindruckt die sinnliche Beschreibung der menschlichen Begegnung: «Es bedarf der körperlichen Gesten, des Mienenspiels, der Momente des Schweigens, der Körpersprache und sogar des Geruchs, der zitternden Hände, des Errötens und des Schwitzens, denn all dies redet und gehört zur menschlichen Kommunikation. Die digitalen Beziehungen, die von der Mühe entbinden, eine Freundschaft, eine stabile Gegenseitigkeit und auch ein mit der Zeit reifendes Einvernehmen zu pflegen, geben sich nur den Anschein einer Geselligkeit» (FT43).

 

Als einen Schlüssel für das Gelingen von Gemeinschaft beschreibt Franziskus die Dankbarkeit, gerade auch mit Blick auf die herrschende Pandemie: «Ich möchte auch den vielen Wegen der Hoffnung eine Stimme geben. Gott fährt nämlich fort, unter die Menschheit Samen des Guten zu säen. Die jüngste Pandemie hat uns erlaubt, viele Weggefährten und -gefährtinnen wiederzufinden und wertzuschätzen, die in Situationen der Angst mit der Hingabe ihres Lebens reagiert haben.

 

Wir können erkennen, dass unsere Leben miteinander verwoben sind und wir durch einfache Menschen Hilfestellung erfahren haben, die aber zweifellos eine bedeutende Seite unserer Geschichte geschrieben haben: Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Supermarktangestellte, Reinigungspersonal, Betreuungskräfte, Transporteure, Ordnungskräfte, ehrenamtliche Helfer … und viele, ja viele andere, die verstanden haben, dass niemand sich allein rettet» (FT 54).

 

Das Gleichnis des barmherzigen Samariters wird für Franziskus zum Schlüssel gelungenen Menschseins: «Mit seinen Gesten hat der barmherzige Samariter gezeigt, dass die Existenz eines jeden von uns an die der anderen gebunden ist. Das Leben ist keine verstreichende Zeit, sondern Zeit der Begegnung» (FT 66).