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In seinem achten Amtsjahr hat Papst Franziskus die ganze katholische Kirche zu einem Synodalen Prozess eingeladen. Sein klares Ziel ist die Erneuerung der Kirche. Alle Gläubigen sind jetzt gefordert.

von Stephan Leimgruber

Angestossen durch die Amazonassynode und durch die Vorstösse der Deutschen Bischofskonferenz, hat sich der Oberhirte das Anliegen zu eigen gemacht, dass die katholische Kirche eine geistliche Erneuerung braucht, die alle beteiligen und involvieren soll. Denn viel Ungemach ist in den letzten Jahren über diese Kirche hereingebrochen und sie muss ihre Strahlkraft zurückgewinnen und ihr Hoffnungspotenzial umsetzen.

Da waren vor zehn Jahren die Missbräuche Verantwortlicher an Jugendlichen, die öffentlich wurden und eine schwere Vertrauenseinbusse mit sich brachten. Es kam zu Vertuschungen und Unwahrhaftigkeiten, die aber neue präventive Schutzmassnahmen in den Diözesen geboren haben, die nun wirksam werden (sollen). Das Problem ist dann ausgestanden, wenn den Opfern Gerechtigkeit widerfährt. Da ist diese weltumspannende Pandemie mit ihren unsäglichen Krankheiten und Todesfällen, die eben in eine neue (Delta-)Variante überzugehen droht. Die Hygienemassnahmen haben die sozialen Kontakte geschwächt und viele davon abgehalten, in der Gemeinde und im Gottesdienst mitzumachen. Es ist zu einer Distanzierung im innersten Kern der Kirche gekommen, welche durch digitale Sessionen nur teilweise kompensiert werden kann. Auch spürt der Papst, dass in Gesellschaft und Kirche die Frauenfrage noch nicht gelöst ist und noch viel Unrecht passiert. Dazu steht einiges in der Enzyklika Fratelli tutti und in der Erklärung von Abu Dhabi (2019). Seine Sorge umfasst weiter den Nachwuchs in der Kirche, der im Nachgang der erwähnten Krisenerscheinungen versiegen möchte und der ganz neue Signale braucht. All das bedenkend schlägt Jorge Bergoglio einen Synodalen Prozess vor.

Wie soll das geschehen?
Papst Franziskus stellt sich keine grosse Organisation dieses Prozesses vor. Im Vordergrund stehen nicht neue Strukturen, die dann die anstehenden Probleme für immer lösen sollten. Er zählt vielmehr auf eine spirituelle Verwandlung der Getauften, die bereit sind, miteinander auf den Weg zu gehen. «Syn-Hodos», die griechische Wurzel des Begriffs, meint einen Weg (Hodos) und dass Christinnen und Christen diesen Weg «miteinander» (syn) gehen. Im Zentrum sieht er einerseits die Nöte der Menschen, die es anzugehen gilt, und andererseits das Hören auf die Stimme Gottes, wie sie in der christlichen Offenbarung ihre Mitte gefunden hat. Als wichtigste Methode sieht er das Gespräch untereinander in den Gemeinden und Seelsorgeeinheiten vor Ort, dem er das Wehen des Geistes wünscht.

Konkretisierungen
Der gemeinte Konziliare Prozess auf Initiative des 85-jährigen Papstes wird in Rom am 17. Oktober 2021 feierlich eröffnet und er endet zwei Jahre später 2023 mit einer Bischofssynode, die dann vermutlich Ähnlichkeiten mit einem Konzil haben dürfte. Am 24. Oktober 2021 sollen die Bischöfe den Konziliaren Prozess in den Diözesen eröffnen. Sie haben bereits Spurgruppen oder Pilotgruppen zusammengestellt, die den Prozess moderieren und animieren. Zudem wird ein Fragebogen erstellt, der in der Reflexion helfen sollte. Eine Fachkommission wird die Ergebnisse der Umfrage zusammenführen und an die Leitung der Diözesen und der Bischofskonferenzen weitergeben. Zum Schluss finden auf allen Kontinenten von Europa bis Afrika und Amerika Kontinentalsynoden statt, deren Resultate dann in die Bischofssynode 2023 einfliessen mögen.

Erinnerungen an die Synode 72 in der Schweiz
Die Ankündigung des Konziliaren Prozesses 2021−2023 erinnert an die Synode 1972−1975, die in der Schweiz vor 50 Jahren stattgefunden und die eine grosse Begeisterung ausgelöst hat. Das damalige Ziel bestand darin, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Ortskirchen zu implementieren. Es ging um die Erneuerung der Liturgie, um ein neues Kirchenbild (Volk Gottes, Sakrament), um die Beziehungen zu den reformierten Geschwistern und um eine neue Positionierung der katholischen Kirche zum Judentum, zum Islam und zu Hinduismus und Buddhismus. Gearbeitet wurde in sechs verschiedenen Diözesansynoden der sechs Schweizer Bistümer (Chur, St. Gallen, Basel, Tessin, Fribourg-Lausanne-Genf und Sitten), die immer wieder zu Gemeinsamen Synoden zusammenkamen.

Synodaler Prozess 2021−2023 – eine Chance für die Kirche
Wir sind heute gewiss an einem anderen Ort in der Kirchengeschichte und die Schwerpunkte haben sich verändert. Gleichwohl ist der angekündigte Synodale Prozess für die Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz eine grosse und vielfältige Chance zur Erneuerung des Lebens und Glaubens. Jede Person ist eingeladen, aufgrund von Taufe und Firmung über die Tiefendimensionen unseres Daseins nachzudenken, sich mit anderen glaubenden und suchenden Menschen auszutauschen und zu solidarisieren. Hinzu kommt die Chance, die Schweizer Kirche neu in weltweiten Bezügen sehen zu lernen und neu die Botschaft vom Reich Gottes anzuzetteln und ins Spiel zu bringen.