Die Heilige Therese von Lisieux hat auf dem Sterbebett gesagt: «Ich sterbe nicht, ich trete ins Leben ein!» Ein eindrückliches Glaubenszeugnis eines sterbenden, noch sehr jungen Menschen.

Leben und sterben sind nicht unbedingt Gegensätze. Wir erleben oft in den Beziehungen zu Mitmenschen, dass sich ein Verlust nach kürzerer oder längerer Zeit als Gewinn entpuppt.

Der hl. Paulus vergleicht uns Menschen mit Samenkörnern: Verborgen im Innern liegt ein gewaltiges Programm, das erst zur Entfaltung kommen wird, wenn das Samenkorn in die Erde gesät wird und aufkeimen kann. Es ist ein Vergleich und kann uns kaum alle Fragen nach dem Wie und Warum beantworten. Aber die Tiefe des Vergleichs liegt in der Aussage, dass unser irdisches Leben noch längst nicht alles ist, ja, dass es aber die Bedingung zum eigentlichen Leben, zur Entfaltung unseres ganzen Daseins ist und dass sogar das Sterben zu dieser Bedingung gehört.

Hier, auf dieser Welt, in meinem Leben, wandelt und verändert sich alles. Aus dem Kind wird ein erwachsener Mensch, und aus der Fülle der Lebenskraft erwächst die Weisheit des Alters. Warum sollte nicht etwas Ähnliches in der Übernatur geschehen, wenn wir nicht nur unsere Zähne und Haare lassen müssen, sondern unser ganzes irdisches Dasein?

Immer schon, zu allen Zeiten und in allen Religionen hat der Mensch ein Bewusstsein davon gehabt, dass es ein höheres Dasein gibt. Es ist nicht nur das Verlangen nach der ausgleichenden Gerechtigkeit, es ist auch nicht einfach die menschliche Psyche, die mit dem Tod nicht zurechtkommt, sondern ein Wissen oder Ahnen um eine Geistesverwandtschaft mit dem eigenen Ursprung. Denn aus sich selbst kann nichts entstehen, es braucht einen Grund, und der liegt ausserhalb. Dass wir diesen Urgrund erahnen, das ist typisch menschlich. Wir leben nicht nur in der Gegenwart, sondern haben auch ein Bewusstsein für die Vergangenheit und die Zukunft. Und dass unser Leben in diese grösseren, durch die reine Wissenschaft nicht auslotbaren Zusammenhänge gestellt ist, gibt den Sinn. Sonst wäre ja alles sinnlos. Sich auf Sinnlosigkeit als Lebensgrundlage einzustellen aber ist keine echte Alternative, denn alle Menschen streben nach etwas, alle suchen irgendein Glück, wie auch immer, niemand will sinnlos leben.

Wir können diesen Sinn deutlicher erkennen in der Begegnung mit Christus. Es geht nicht in erster Linie um eine Lehre, sondern um eine Begegnung, eine Gemeinschaft und um Nachfolge. Dieser Christus, der den Tod überwunden hat und den Weg zum Reich Gottes zeigt, lebt auch in uns. Im Wort der Bibel, durch sein Gebet, in das wir einstimmen, im Empfang der Sakramente.

Mit unseren Verstorbenen, so sagen wir oft, bleiben wir durch ein gutes Andenken verbunden. Aber sie sind doch über die Schwelle des Todes getreten und ihr Sterben hat sie uns genommen, und mag auch die Liebe noch so gross sein, sie ist nicht vollkommen. Das war sie nie, aber das wird sie einmal sein, dann nämlich, wenn auch wir durch das Tor des Sterbens zum Leben gekommen sind.

Denken wir an den Vergleich, den Paulus vorlegt: Wir sind nur nackte Samenkörner. Verborgen im Innern tragen wir ein gewaltiges Programm in uns. Auch wir müssen in die Erde fallen und sterben, damit dieses Programm aufkeimen und sich verwirklichen kann. Gott hat uns nicht für den Tod geschaffen.

Das Zeugnis der Kleinen Theres mag unsere christliche Hoffnung für unsere Verstorbenen, aber auch die alles übersteigende Hoffnung, die unser Leben krönt, stärken: «Ich sterbe nicht, ich trete ins Leben ein.»