Wohl stärker als je zuvor sind derzeit die Tage von einem digitalen Rhythmus bestimmt. Homeoffice, Online-News, E-Mails, Microsoft Teams, WhatsApp und Skype. Droht da ein digitaler Burnout – aus Langeweile?

 von Anton Ladner

Es gibt sie eindeutig, die Liebesbeziehung zu den digitalen Geräten. Sie sind Lebensbegleiter und Zeitfüller – gerade jetzt während der Corona-Krise. Ja, es ist derzeit sogar mehr als eine Liebesbeziehung, es ist eine Abhängigkeit, um zu arbeiten, Kontakte zu knüpfen, informiert zu bleiben und um sich zu unterhalten. Die Geräte, die das ermöglichen, verführen somit dazu, ständig irgendwo anders zu sein als hier. «Nur nicht hier, nur nicht jetzt» galt lange für den Abend vor dem Fernseher oder früher für den Kinobesuch. Seit dem Smartphone und den Angeboten von Netflix, den sozialen Medien usw. ist die Ablenkung, die Flucht aus dem Hier und Jetzt, allgegenwärtig. Die Langeweile gibt es nicht mehr, sie ist dem digitalen Auffüllen gewichen und führt paradoxerweise nach x Stunden zu einer Leere, die schwerer wiegt als die Langeweile. Der Ethiker James Williams bezeichnet das als «neuen Modus tiefer Zerstreuung». Das Leben besteht aus ständiger Stimulation aus dem Netz, aus dem Woanders-Sein als hier. Das Hier und Jetzt wird dadurch für viele fast unerträglich, was gut bei jungen Menschen zu beobachten ist. Wenn immer möglich wird zum Handy gegriffen, um gedanklich wegzufliegen. Die digitale Sucht macht den Bildschirm – ob klein oder gross – zum einzigen Fenster zur Welt. Aber die Aufmerksamkeit für diese digitale Welt wird immer flacher, weil in enormer Geschwindigkeit durch sie gesaust wird, auf der Suche nach neuen Ablenkungen. Die Aufmerksamkeit gilt allem, aber jeweils nur für wenig Zeit. Das fühlt sich wie eine Hand voller Sand an. Am Schluss bleiben einige Körner, zu wenig für ein gutes Gefühl.

Die US-amerikanische Autorin Casey Schwartz hat soeben ihr Buch «Aufmerksamkeit – eine Liebesgeschichte» herausgegeben, in dem sie beschreibt, was es bedeutet, in einer Welt Aufmerksamkeit zu generieren, die zunehmend von Ablenkungen durchdrungen ist. Es ist eine augenöffnende Tour über unser Verlangen nach dauernder Ablenkung und analysiert unser Bedürfnis nach Heilung von dieser Ablenkung. Bei Aufmerksamkeit geht es darum, sein Bewusstsein auf Inhalte zu lenken. Ziel ist es dabei, die eigene Handlung, die Umwelt, das Verhalten, die Gedanken, die Gefühle wahrzunehmen. Als Mass für die Intensität und Dauer der Aufmerksamkeit gilt die Konzentration. Sie ist das Gegenteil zur Ablenkung, wo es ja darum geht, sich aus alldem davonzumachen, weil es langweilig erscheint.