Island erlebt einen Besucheransturm. Auf einen Einwohner kommen acht Touristen pro Jahr. Der Tourismus ist zum wichtigsten Wirtschaftszweig geworden – vor dem traditionellen Fischfang. Nun wachsen Zweifel, ob das nachhaltig ist.

von Carl Meissen

Zum ersten Mal wird Island in diesem Jahr mehr als zwei Millionen Touristen zählen. Möglich machen das die Discountflieger. Easyjet fliegt zum Beispiel von Basel und Genf nach Reykjavik – im Dezember schon ab 30 Franken. Ab Grossbritannien kosten die Tickets nach Island im Winter noch weniger. Diese tiefen Transportkosten verführen natürlich zu einer Stippvisite auf der Insel. Vor zehn Jahren waren es pro Jahr noch zwei Besucher pro Kopf der 353 000 Einwohner. Inzwischen sind es bereits acht Touristen, die auf einen Einwohner kommen. Für Thordis Gylfadottir, die für den Tourismus zuständige isländische Ministerin, wird der Besucheransturm langsam problematisch. «Beliebte Naturattraktionen laufen Gefahr, überrannt zu werden», gab sie im Frühjahr zu bedenken. Der Wohnungsmarkt stehe durch die Kurzzeitangebote für Touristen unter Druck. Zudem komme es zu Klagen wegen zu vieler Besucher bei zu geringer Infrastruktur. Das Besuchermagnet Geysir Strokkur erlebt durch Autocarreisende, gleich zu welcher Jahreszeit, einen so grossen Andrang, dass das gesuchte Landschaftserlebnis auf der Strecke bleibt. Laut einer Untersuchung, die Ministerin Gylfadottirin Auftrag gegeben hat, meint fast die Hälfte der Isländerinnen und Isländer, dass ein weiterer Zuwachs der Besucher verhindert werden müsse. Das setzt die Regierung des Inselstaates unter Druck.

Vor zehn Jahren hatte die Finanzkrise besonders dramatische Auswirkungen in Island, weil sich die isländischen Banken auf ein äusserst spekulatives Wachstum eingelassen hatten, was zu ihrem Zusammenbruch führte. 2008 musste Island den ganzen Bankensektor verstaatlichen, um den Zahlungsverkehr zu sichern. Island war damals de facto zahlungsunfähig. Die Folge war eine harte Wirtschaftskrise. Die isländische Krone verlor innerhalb eines Jahres bis Oktober 2008 über 70 Prozent an Wert gegenüber dem Euro. Das traf viele isländische Haushalte in fataler Weise, weil sie sich für ihre Hypotheken in Euro und Franken verschuldet hatten.

Der boomende Tourismus ab 2008 belebte so eine angeschlagene Wirtschaft und war deshalb sehr willkommen. Heute resultiert bei Staatsausgaben von acht Milliarden Franken und Einnahmen von über zehn Milliarden Franken pro Jahr ein Haushaltsüberschuss. Zudem konnte die Staatsverschuldung auf zehn Milliarden Franken reduziert werden, was gemessen am Bruttoinlandsprodukt einer Verschuldung von 53 Prozent entspricht und vorbildlich ist, denn im Vergleich dazu liegt der Durchschnitt der EU-Staaten bei 83 Prozent. Heute generiert der Tourismus mehr Einnahmen als der traditionelle Fischfang, der 76 Prozent der Exporte von Island ausmacht. Die Einnahmen aus dem Tourismus dürften in diesem Jahr auf drei Milliarden Franken ansteigen, wenn die Hochrechnung zutrifft, dass bis Ende Jahr 2,3 Millionen Touristen Island besucht haben werden. Denn Island erlebt nun auch einen Boom aus Asien, vor allem im Winter. Im asiatischen Raum nehmen die Menschen an, dass Kinder, die unter den farbigen Nordlichtern gezeugt werden, Glückskinder werden. Und wer, der sich das leisten kann, will nicht ein Glückskind?

Der vor wenigen Jahren so willkommene Tourismus stösst jetzt aber auf der Insel auf wachsende Kritik. Heute rächt sich, dass Island auf den wachsenden Besucherzustrom nicht reagiert hat. Man glaubte lange nicht an einen Trend, sondern ging von einer Modewelle aus, die preisbedingt wieder abflachen würde. Das Fazit ist deshalb ernüchternd: Island fehlt die Infrastruktur für so viele Touristen. Die Sehenswürdigkeiten werden überrannt, sogar in der Nacht. Die grosse Nachfrage hat auch die Preise auf der Insel in die Höhe getrieben, was zulasten der Einwohnerinnen und Einwohnern geht. Vor allem in den Restaurants sind die Preise massiv gestiegen. Tourismusministerin Gylfadottir will nun die Bevölkerung entlasten, indem die Tourismusströme besser verteilt werden. Dazu sollen neue Gebiete in Island erschlossen werden, um mehr Besucherziele anbieten zu können. Das soll zu einer Entlastung der heute ausgetrampelten Pfade im «Goldenen Kreis» der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Geysir, Gullfoss Wasserfall und Thingvellir-Nationalpark nahe der Hauptstadt Reykjavik führen. Island ist somit gefordert, einen ökologischen Tourismus zu entwickeln und eine entsprechende Infrastruktur zu schaffen. Das dürfte dem Kleinstaat zweifellos gelingen. Dass er Krisen, und damit auch den aktuellen «Overtourism», schnell und wirkungsvoll bewältigen kann, hat er schon 2008 bewiesen