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Ist es die älteste Form des Massentourismus? Eine religiös verbrämte Methode, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen? Ist es die beste Art, dem Alltag zu entfliehen, den Terminkalender zu vergessen, ein paar Tage lang nur auf das eigene Innere, die Geräusche der Natur, die immer gleichen Gebete und Gesänge zu lauschen? Die Rede ist von Pilgern. 

von Christian Feldmann

 

Wallfahren: Wallen bedeutet auf ein bestimmtes Ziel los ziehen, Fahren heisst unterwegs sein. Pilgern: Der Pilger, lateinisch peregrinus, ist einer, der in der Fremde sein Heil sucht. Wallfahren, pilgern scheint ein Urbedürfnis der Menschheit zu sein. Allein von den Christen machen sich jedes Jahr 40 Millionen auf den Weg zu Heiligtümern und spirituellen Zentren. Im muslimischen Marokko gibt es ein eigenes staatliches Wallfahrtsministerium. Wer aus religiösen Motiven seine Heimat verlässt und in die Ferne zieht (auch wenn diese Ferne vielleicht nur ein Kirchlein nach zehn Kilometern Fussmarsch darstellt), befriedigt ein ganzes Bündel von Sehnsüchten. Er befreit sich aus alltäglichen Zwängen, Stress, Hektik und Enge. Er konzentriert sich auf die wesentlichen Dinge, die sein Leben tragen sollen – auch wenn es nur für ein paar Stunden oder Tage ist. Er lernt, wieder frei zu atmen, richtet den Blick in die Weite, erlebt sich auf dem Weg zur Ewigkeit.

Kraftorte: Wo der Himmel die Erde berührt
Der Pilger sucht – individuell verschieden abgestuft – Läuterung, Sündenvergebung, Heilung. Er trägt eine ganz bestimmte Sorge oder eine tiefe Verzweiflung vor Gott und verlangt sich dafür einiges ab an Schweiss und Mühe, um – auch vor sich selbst – darzutun, wie wichtig sein Anliegen ist. Er glaubt daran, dass es Kraftorte gibt, Stätten, an denen der Himmel die Erde berührt und das Vertrauen unzähliger Menschen spirituelle Energie freisetzt. Oder er legt ganz bewusst und eher nüchtern ein öffentliches Glaubenszeugnis ab. Was besonders deutlich sichtbar wird, wenn der Pilgergang von einer Gruppe unternommen wird. Das macht eine Wallfahrt dann auch zu einem kostbaren sozialen Ereignis: Menschen, die sich sonst nie getroffen hätten, lernen sich kennen und schätzen, tauschen Sorgen und Erfahrungen aus.

Wallfahrten gibt es in allen Religionen
Die Juden kennen keine besondere Wallfahrtstradition, aber die freudig angetretene Reise nach Jerusalem an bestimmten Festtagen. Dorthin, zu den Stätten des Wirkens und Leidens Jesu, führten auch die ersten Pilgerfahrten des Christentums im vierten Jahrhundert. Im Mittelalter trugen die Pilger eine spezielle Tracht mit langem Mantel, breitkrempigem Hut, Tasche und Stab. Aus den Krankenstationen an den grossen Wallfahrtsorten entwickelten sich die modernen Hospitäler. Luther lehnte die Wallfahrten und die damit oft verbundenen hochfliegenden Gelübde als Narrenwerk ab. Dabei bezog er sich gern auf die Kreuzfahrten, die längst zu militärischen Abenteuern mit Gemetzel und Plünderung entartet waren. Der Islam wiederum betrachtet die Wallfahrt nach Mekka als religiöse Pflicht, Muslime unternehmen auch Pilgerreisen zu Grabmoscheen von schiitischen Führern und Sufi-Mystikern. Die grösste hinduistische Wallfahrt ist jene nach Allahabad alle zwölf Jahre. Bis zu 65 Millionen Gläubige suchen dort in rituellen Waschungen und Bädern Reinigung, Heilung und Erleuchtung. Bisweilen teilen sich verschiedene Religionen einen Wallfahrtsort: Zu einem 1,50 Meter langen und 70 Zentimeter breiten Fussabdruck auf dem heiligen Berg Adam´s Peak in Sri Lanka pilgern Muslime, Buddhisten und Hindus, für die der Fussabdruck je nach Glaubensüberzeugung von Adam, Buddha oder Gott Shiva stammt.