Welchen Platz haben Wissenschaft und Politik einzunehmen? Die Massnahmen gegen die Ausbreitung der COVID-19-Infektionen haben in der Schweiz und im Ausland zu vielen Kontroversen darüber geführt. Was geht vor? Eine Frage der Definition.

von Anton Ladner

 

Die Wissenschaft beschäftigt sich mit dem, was von Natur aus ist. Die Politik befasst sich hingegen mit dem, was daraus konstruiert wird. Bei der Wissenschaft geht es um die Suche nach den harten Wahrheiten, die ausserhalb des Willens und der Wünsche der Menschen liegen. In der Politik dreht sich alles um Überzeugungen, Stimmungen, Präferenzen und Wünsche. In der Wissenschaft steht das Wissen im Vordergrund, in der Politik die Auswahl, die Gewichtung – je nach Parteibuch und Weltanschauung.

 

Die Wissenschaft bemüht sich, unabhängig von der Psychologie zu wirken, während die Politik davon lebt, indem sie psychologische Befindlichkeiten bedient, was vor allem die Populisten beherrschen. Die Politik hat immer davon gelebt, was die Bürgerinnen und Bürger bewegt, von der öffentliche Dimension des Lebens also, von der Gestaltung der «Polis». In aufgeklärten Gesellschaften sind deshalb Wissenschaft und Politik frei und grundsätzlich auch frei voneinander.

 

Intelligente Menschen wissen, dass eine von der Politik gesteuerte Wissenschaft Schiffbruch erleidet, was auch für die Kultur gilt. Und aufgeklärte Menschen wissen, dass die gute Art zu leben mit Demokratie verbunden ist, was manchmal anstrengend sein kann. Nämlich dann, wenn es gilt, andere Meinungen zu respektieren und die Mehrheitsmeinung zu akzeptieren. Dennoch ist jede fortschrittliche Gesellschaft stolz auf die Freiheit ihrer Wissenschaft, Kultur und Politik. Denn die totalitären Regime haben klar vor Augen geführt, wie Wissenschaft, Kultur und Politik verkommen, wenn sie sich einer Staatsdoktrin beugen müssen.

 

Doch die Bereiche, die lange unter der Freiheit der Wissenschaft standen, sind zunehmend politischer geworden. Eingriffe bei der Grenze zwischen Leben und Tod, bei der Fortpflanzung, beim Umgang mit Tieren, mit Landschaften. Was früher dem Diktat der Natur unterstand, ist heute Gegensand der Politik. Die Wissenschaft muss sich hier und dort der Politik unterordnen, denn jede Existenzform ist politisch geworden. Was politisch ist, wird früher oder später Gegenstand von Diskussionen, Kontroversen und Konflikten, was sich auch auf die Wissenschaft ausdehnt. Das führt die derzeitige Diskussion um die Massnahmen gegen Corona-Infektionen vor Augen.

 

Die Politik hat alle Entscheide, die Wissenschaft aber das Wissen, was richtig, notwendig und sinnvoll ist. Die Politik wählt aus, je nach Ausrichtung und Wählerschaft – im Interesse der Wirtschaft, der Schwachen oder des Gesundheitssystems usw. Diese Auswahl hat sich nach der Würde des Menschen und nach den Menschenrechten zu orientieren, bleibt aber bei der Umsetzung parteipolitisch gefärbt. Denn die Exekutive ist im Gegensatz zur Wissenschaft gewählt, Entscheide zu fällen. Kommt das gut? Nicht zwingend, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben.

 

In den Vereinigten Staaten hat der Präsident in der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie öffentlich seinen Chefimmunologen desavouiert und Medikamente empfohlen, vor denen die Weltgesundheitsbehörde WHO warnt. Gleichzeitig versprach das Weisse Haus eine baldige Lösung des Corona-Problems mit neu entwickelten Impfstoffen. Die Wissenschaft war Übel und Heil, wie es gerade passte. Derweil hat sich in der Schweiz die Konkordanz im Umgang mit der Pandemie bewährt.

 

Der Bundesrat folgte über Parteigrenzen hinaus der Wissenschaft, was er in seinen Entscheiden stets transparent machte. Die Wissenschaft bot die Grundlagen, die Politik bestimmte die Marschrichtung. Dabei erhoben sich aber Stimmen, die Wissenschaft und ihre Technologie hätten sich verselbstständigt. Die Warnung vor der Technokratie, die die Demokratie ausschaltet, ist schon über 40 Jahre alt. Bisher ist das nicht eingetroffen und wird auch jetzt in der Pandemie nicht Realität.

 

Der italienische Schriftsteller Primo Levi warnte vor der ethischen Neutralität von Wissenschaft und Technik. Es ärgerte ihn, dass die Firma J.A. Topf & Söhne in Wiesbaden, die als Herstellerin von Müllverbrennungsanlagen auch Verbrennungsanlagen nach Auschwitz geliefert hatte, nach dem Krieg unter dem gleichen Namen weiterwirkte, als ob nichts geschehen wäre.

 

Oder die Aspirin-Herstellerin Bayer, die Zyklon B für die Gaskammern der KZ produzierte. Unter dem Namen von Wissenschaft und Technik könne sich die Moral leicht verflüchtigen, sodass sich jeder unschuldig fühlen könne. Levi ging es dabei um eine Frage: Ist man gut genug ausgebildet, um beurteilen zu können, ob aus dem Ei, das man brütet, eine Taube, eine Kobra, eine Chimäre oder gar nichts schlüpfen wird? Die Corona-Krise zeigt, sehr viele meinen, diese Frage genau beantworten zu können.