Mindestens 30 Tage müssen die Kühe auch im Winter nach draussen. Das ist in Artikel 40 der Tierschutzverordnung geregelt. Bei Biobetrieben gehen sie jeden zweiten Tag in die Kälte. Wie glücklich sind Kühe darüber?

von Sacha Jacqueroud

Kühe, die knietief im Schnee auf der Weide stehen, sieht man weniger häufig als Kühe, die in der Vegetationszeit auf saftigem Grün weiden. Dennoch müssen Kühe auch im Winter an die frische Luft können. Nicht nur, weil es so in der Tierschutzverordnung steht, sondern auch, weil Kühe ein Bedürfnis nach Licht und Luft haben. «Man sieht es einem Tier an, wenn es lange im Stall war, auch den Kühen kann dies aufs Gemüt schlagen», erklärt Röbi Haeni. Er ist Demeter-Bauer und bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau Marianne seit 32 Jahren den Steinacker-Hof in Guggisberg.

Wenn schönes Wetter ist, gehen die Kühe täglich nach draussen, wenn aber die Brise über die Kante fegt und ein garstiger Wintersturm den Südhang des Hofs auf 1000 Meter über Meer heimsucht, dann bleiben seine Tiere im Stall. «Ich habe meine Tiere im Schnitt jeden zweiten Tag draussen, aber eben stets mit einem Blick auf das Wetter und das, was den Kühen guttut», erklärt er sein Management, das die meisten Bauern so handhaben. Zumindest, wenn die Kühe im Stall angebunden sind. Nur dann nämlich gilt diese Regel. Davon ausgenommen sind Kühe, die in einem Freilaufstall leben. Sie haben einen befestigten Allwetterauslauf und entscheiden selber, wann sie nach draussen wollen und wann ihnen das Winterwetter keine Lust auf Auslauf schenkt.

Ein solcher Allwetterauslauf ist jedoch keine Weide; es handelt sich dabei um einen befestigten Aussenbereich, der es den Kühen gestattet, bei jeder Witterung nach draussen zu gehen. Ob ein Landwirt einen Freilaufstall hat oder eine Anbindehaltung, der Weidegang ist ein eigenes Thema. Die Grünfläche oder im Winter die Weissfläche steht den Kühen je nach Landwirt unterschiedlich oft zur Verfügung. Massgebend hierbei sind aber weniger die Labels, sondern mehr, wie viel Land der Bauer für seine Tiere zur Verfügung hat, wie die Topografie seiner Flächen verläuft und welche Wetterverhältnisse herrschen.

Ist das Land steil, flach, nass oder trocken, das alles spielt zusammen mit dem Wetter. «Der Boden ist des Bauers Ertrag und es gilt darauf zu achten, dass die Beweidung und der Pflanzenwuchs damit einhergehen», erklärt Röbi Haeni. So ist eine von Kühen braun getrampelte Weide im Pflanzenwachstum gehemmt und verlangsamt. Das gilt natürlich insbesondere im Hinblick auf das kommende Frühjahr. «Deshalb ist es für einen Weidegang auf der Schneefläche wichtig, dass der Boden unter dem Schnee gefroren ist», erklärt Haeni. So befindet sich der Boden im frostigen Winterschlaf und für die Kühe gilt: Gatter auf und los geht der Winterspass.

Die Kuh ist kein Pferd

Nur liegt es auf der Hand, dass solche Verhältnisse nicht den ganzen Winter über herrschen. Und so müssen viele Kühe in der Winterzeit oft mit dem Auslauf statt der Weide vorliebnehmen. Das gilt jedoch nicht für alle. Es gibt auch Landwirte, die bewusst einen Teil ihres Landes opfern, um ihren Tieren diese Möglichkeiten im Winter dem Wetter zum Trotz anzubieten. Für die meisten Kühe gilt aber im Winter deutlich weniger Weidegang als während der Vegetationszeit.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Kühe darunter leiden müssen. Röbi Haeni zieht hierzu einen Vergleich: «Wenn man eine Kuh auf der Weide galoppieren sieht, so sieht das weniger elegant aus, als wenn wenn ein Pferd herumtollt. Und das hat einen Grund. Die Bewegung der Kühe ist die Verdauung», erklärt Haeni. Kühe sind Wiederkäuer und erbringen bei diesem Vorgang enorme Leistungen im Körper. Nach dem Fressen suchen sie sich einen ruhigen Platz, um diesen Vorgang gewähren zu lassen. Ihr Bewegungsdrang ist damit deutlich weniger ausgeprägt als bei Equiden.

Der Sonne entgegen

Daraus zu schliessen, dass Kühe deshalb weniger nach draussen gehören, wäre aber trotzdem falsch. Kühe brauchen frische Luft, Licht und vor allem Sonne. «Wenn man die Tiere draussen beobachtet, so richten sie sich immer nach der Sonne aus und tanken regelrecht auf», erzählt Haeni aus seinem Alltag, bei dem die Beobachtung seiner Tiere eine wichtige Rolle spielt. Natürlich gilt auch das Gegenteil. Ein ruppiger Wind verleitet die Tiere dazu, die Kruppe gegen den Wind zu parkieren, um sich davor zu schützen.

Sonne ist also für die Kühe wichtig und der Hauptgrund, weshalb sie im Winter auch möglichst bei jedem Sonnentag nach draussen gehören.