Seite wählen

Heute ist Milenas 19. Geburtstag. Schon ein Jahr ist sie volljährig. Auf die grosse Freiheit wartet die junge Frau mit den bunten Haaren aber weiter: Das Konzertticket, das sie zu ihrem 18. Geburtstag geschenkt bekam, hängt immer noch an ihrer Pinnwand, sie hat es nie eingelöst. Als Milena nach ihrer Matura zu einem Freiwilligeneinsatz nach Südamerika starten wollte, kam Corona dazwischen. «Damit sind alle meine Pläne schon eine ganze Weile aufgeschoben, weil die Welt stillsteht.»

So wie Milena geht es den meisten jungen Erwachsenen, sie leben ein Leben in der Warteschleife. Auf einem T-Shirt stand kürzlich zu lesen «spoiled youth» – vergeudete Jugendzeit. Es drückt das Gefühl aus, durch Corona um eine kostbare Lebenszeit betrogen worden zu sein. Kein Reisen, keine Jobs, selbst die sonst reichlich vorhandenen Praktikumsstellen in der Schweiz stehen im Moment nicht zur Verfügung. Erwachsenwerden als mission impossible.

Was hat das mit Religion und Glaube zu tun? Dem Kontrollverlust in der Coronakrise, der als «Grundverunsicherung» nicht nur vielen Erwachsenen, sondern auch vielen jungen Leuten zu schaffen macht, hat gerade die biblische Botschaft des Paulus von der «Hoffnung wider alle Hoffnung» (Röm 4,18) einen wichtigen Akzent entgegenzusetzen. Schliesslich ist es die ureigenste Botschaft des Christentums, dass wir an einen Gott glauben, der die Welt nicht geschaffen hat, um sie dann ins Unglück laufen zu lassen, sondern um sie zu retten.

Lange vor Corona hat die Theologin und Germanistin Hildegund Keul einmal angesichts von Krisen und Katastrophen eine «vulnerable Souveränität» als christliche Haltung empfohlen, die sie umgekehrt auch als «souveräne Vulnerabilität» versteht. Also als Haltung der Verletzlichkeit, die aber nicht resigniert und ohnmächtig wird, sondern den Glauben an Gott als Ressource für Kraft, Hoffnung und die viel gepriesene Resilienz betrachtet.

Ich finde es ganz grossartig, dass es in der aktuellen Pandemie oft kirchliche Jugendgruppen wie Jungwacht, Blauring oder Ministranten sind, die sich im aktuellen «Leben in der Warteschleife» nicht einfach depressiv hängen lassen, sondern sich vielfältig engagieren, Einkaufsdienste anbieten, musikalische Events vor der Alterssiedlung organisieren, Spendenläufe für Kinder in armen Ländern durchführen und Bäume der Hoffnung pflanzen. Damit sind es oft die Jugendlichen, die das diakonische Gesicht von Kirche zeigen und der Religion als Ressource für den Zusammenhalt der Gesellschaft neue Kraft verleihen. Papst Franziskus sagte 2018 im nachsynodalen Schreiben «Christus vivit» (Nr. 34): «Jung zu sein ist weniger eine Frage des Alters als vielmehr ein Zustand des Herzens. Eine alte Institution wie die Kirche kann sich also erneuern und in verschiedenen Phasen ihrer langen Geschichte wieder jung werden.» Wenn wir Erwachsenen uns ein Beispiel an solchen Jugendlichen nehmen, die das Leben in der Warteschleife als «sinnvoll vergeudete Zeit» nutzen und kreativ gestalten, dann entstehen Chancen für Neues. Dann mache ich mir um die Zukunft von Kirche und Gesellschaft gerade in Krisenzeiten keine Sorgen.