Vor 150 Jahren starb Wilhelm Weitling, religiöser Sozialist und Pionier der Arbeiterbewegung. Er wollte die Vereinbarkeit von Kommunismus und Christentum beweisen, was ihn aber isolierte.

von Christian Feldmann

Skandal in Zürich, am 8. Juni 1843: Ein reisender Schneidergeselle aus Magdeburg wird verhaftet, ein Buch, an dem er gerade schreibt, beschlagnahmt. Der Titel klingt harmlos: «Das Evangelium des armen Sünders». Doch der Handwerksbursche erscheint der Staatsanwaltschaft so gefährlich, dass sie Hals über Kopf eine Haussuchung bei seinem Drucker angeordnet hat, um ein Uhr nachts, ohne die richterliche Zustimmung abzuwarten. Welcher Teufel hat den Zürcher Kirchenrat geritten, den Schneidergesellen Wilhelm Weitling bei der Staatsanwaltschaft anzuschwärzen – wegen einer Schrift, die wie eine fromme Predigt klingt und von Bibelzitaten strotzt?

Der 1808 in Magdeburg geborene und vor 150 Jahren, am 25. Januar 1871 im New Yorker Exil gestorbene Weitling war freilich nicht irgendein gefühlsseliger Schwärmer, wie es im beginnenden religiösen Sozialismus viele gab. Der heutigen Forschung gilt er als Pionier der Arbeiterbewegung und erster Theoretiker des Kommunismus in Deutschland. Aber ob das die Kirchenräte und Staatsanwälte damals schon voraussahen? Sie wussten nur, dass er eine Schweizer Arbeiterzeitschrift namens «Die junge Generation» redigierte und dem «Bund der Gerechten» angehörte, der in Paris den Aufstand gegen den Bürgerkönig Louis Philippe versucht hatte. Vergeblich natürlich.

Denn aus Deutschland hatte der politisch hellwache Handwerksbursche – unehelicher Sohn eines französischen Besatzungsoffiziers und eines Dienstmädchens – schon früh emigrieren müssen. Er hielt sich in Wien auf, schloss sich in Paris anderen geflohenen Handwerksgesellen an, die im «Bund der Geächteten» von einer gerechteren Gesellschaft träumten. Ihr Idol war der 1797 mit der Guillotine hingerichtete Journalist François Noël Babeuf, der für politische

Mitspracherechte der Habenichtse gekämpft und die Ansicht vertreten hatte, die Reichen seien in Wirklichkeit Diebe und die staatliche Eigentumsordnung beruhe auf Räubergesetzen. Unter Weitlings Führung spaltete sich eine starke Gruppe von Aktivisten, denen das alles zu theoretisch war, vom «Bund der Geächteten» ab, nannte sich «Bund der Gerechten» und verlegte ihren Hauptsitz nach London, wo sie mit Marx und Engels in Kontakt kam. Marx rühmte Weitlings 1844 erschienenes Buch «Garantien der Harmonie und Freiheit» als «brillantes literarisches Debut der deutschen Arbeiter» und schrieb begeistert: «Vergleicht man diese riesenhaften Kinderschuhe des Proletariats mit der Zwerghaftigkeit der ausgetretenen politischen Schuhe der deutschen Bourgeoisie, so muss man dem deutschen Aschenbrödel eine Athletengestalt prophezeien.»

Denn im Gegensatz zu den meisten französischen und englischen Frühsozialisten und ihren Genossenschaftsmodellen sah Weitling die Interessen der Arbeiterschaft und des Bürgertums als unvereinbar an. Er warb für einen selbstständigen Kampf der Arbeiterklasse für ihre Befreiung und forderte neben der politischen eine soziale Revolution, die zur Umwälzung der wirtschaftlichen Verhältnisse führen sollte.

«Die Namen Republik und Konstitution, so schön sie sind, genügen nicht allein», hatte er zu Beginn seiner Programmschrift «Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte» 1838/39 gereimt. «Das arme Volk hat nichts im Magen, nichts auf dem Leib und muss sich immer plagen; drum muss die nächste Revolution, soll sie verbessern, eine soziale sein.»

Doch Weitling und Marx waren sich in ihrem auffahrenden Wesen und autokratischen Führungsanspruch zu ähnlich; Marx mokierte sich über religiöse Tändeleien des Rivalen und drängte ihn aus der Bewegung. So drohte ihn sein Versuch, die Vereinbarkeit von Kommunismus und Christentum zu beweisen, auch unter den Gesinnungsgenossen zu isolieren. «Christus ist ein Prophet der Freiheit», hatte er im «Evangelium des armen Sünders» geschrieben, «seine Lehre die der Freiheit und Liebe.» Die Religion müsse deshalb nicht zerstört, sondern benützt werden, um die Menschheit zu befreien. Leider sei Gewalt nötig, um eine Gesellschaftsordnung auf der Basis von Nächstenliebe und Gütergemeinschaft aufzurichten. «Jesus hat keinen Respekt vor dem Eigentum», davon war Weitling überzeugt. «Der Kommunismus ist die auf alle Menschen in den gleichen Verhältnissen ausgedehnte Gerechtigkeit, folglich begeht jeder Arbeitsfähige, der mehr geniesst und weniger schafft als Andere, gegen diese ein Unrecht, einen Diebstahl, folglich kann sich ein jeder (…) von denjenigen bestohlen betrachten, die mehr geniessen und weniger arbeiten als er, folglich hat ein Jeder das Recht, das Gestohlene zurückzunehmen.»

Für die Zürcher Staatsanwaltschaft bedeutete das eine «Anstiftung zum Verbrechen gegen das Eigentum» und die «Anreizung zum Aufruhr, zu öffentlichem Ärgernis und zu Religionsstörung». Sein fast fertiges Manuskript wurde konfisziert, die ersten Druckbögen, die gerade aus der Presse gekommen waren, zerstampfte man. Weitling wurde zu sechs, im Berufungsverfahren zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Später ging er nach England ins Exil und – nach dem Zerwürfnis mit Marx – in die USA, wo er eine Zeitschrift «Republik der Arbeiter» und eine kommunistische Kolonie in Iowa gründete.

Alle Projekte scheiterten grandios. Als 46-Jähriger heiratete er eine junge Deutsche, hatte mit ihr sechs Kinder, beschäftigte sich jetzt mit Kinderpsychologie und dem Aufbau einer emanzipierten, charakterlich integren Persönlichkeit, erfand eine Knopflochnähmaschine – und starb 1871 in enttäuschter Distanz zur kommunistischen Bewegung, obwohl sein Bild in Arbeiterwohnungen und Vereinszimmern neben den Porträts von Marx, Lassalle, Liebknecht und Bebel hing. Die offizielle Geschichtsschreibung der DDR und der Sowjetunion verwendete viel Mühe darauf, ihn als Wirrkopf und Aussenseiter zu schildern.