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Die Mitsprache der Frauen in der katholischen Kirche bleibt ein heisses Eisen. Dabei gerät aus dem Blick, dass es in der Schweiz Frauen in Schlüsselpositionen gibt. In einer Serie stellen wir vier von ihnen vor. Renata Asal-Steger ist Präsidentin der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), der Zusammenschluss der kantonalkirchlichen Organisationen, und Präsidentin der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern, ausgebildete Heilpädagogin und Anwältin, verheiratet mit einem Diakon und Mutter zweier Söhne. 

von Stephan Leimgruber

 

Renata Asal-Steger, wie erfahren Sie die schweizerische Doppelstruktur von Bistum und kantonalen Landeskirchen? 

Die meisten Kantone in der Schweiz kennen diese Doppelstruktur, weltweit ist sie in der katholischen Kirche jedoch einzigartig. Im dualen System sorgen also zwei Seiten dafür, die pastorale und die staatskirchenrechtliche, dass die Menschen in der katholischen Kirche eine Heimat finden, dass die gelebte Gemeinschaft erstarkt und dass die Rahmenbedingungen für das kirchliche Leben optimal sind. 

 

Gibt es nicht programmierte Konflikte aufgrund der Überlappungen? 

Viele seelsorgerliche Aufgaben müssen gemeinsam organisiert werden, weil pastorale und staatskirchenrechtliche Zuständigkeiten betroffen sind. Die Migrantenpastoral ist ein gutes Beispiel. Ob für eine kleinere Sprachgemeinschaft eine eigene Seelsorgestelle eingerichtet wird, ist eine pastorale, aber gleichzeitig auch eine finanzielle Frage. Sie muss also im Dialog gelöst und einvernehmlich beantwortet werden. Dabei haben beide Seiten ihre je eigenen Aufgaben, Kompetenzen, Rollen und Zuständigkeiten. Diese gilt es gegenseitig anzuerkennen und zu respektieren. Gleichzeitig tragen beide Seiten miteinander Verantwortung für den Bestand und die Weiterentwicklung der katholischen Kirche. Das erfordert ein partnerschaftliches Miteinander und ein Unterwegssein auf Augenhöhe. Diese strukturelle Beschaffenheit ist fraglos anspruchsvoll und selbstverständlich nicht immer spannungsfrei. Aber Spannungen entstehen auch ohne eine duale Struktur. Wo gegenseitige Offenheit herrscht und die Entscheide miteinander abgesprochen werden, führt das duale System zu besseren Lösungen als einsame Entscheidungen. Dafür braucht es jedoch gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, die Sicht des Gegenübers so ernst zu nehmen wie die eigene.  

 

Tun Sie sich schwer mit dem Rucksack der Geschichte, den die Römisch-Katholische Kirche im Laufe der 2000 Jahre gepackt hat, oder ist für Sie die Vergangenheit ein bisheriger Möglichkeitsraum, der neue Chancen für die Zukunft eröffnet? 

Dieser Rucksack enthält beides: Brot und Steine, Wein und Wasser. Die katholische Kirche ist meine religiöse Heimat und liegt mir am Herzen. Der Rucksack und sein Inhalt sind jedoch vorwiegend auf Männer zugeschnitten. Dass Männer und Frauen in der katholischen Kirche noch immer nicht gleichberechtigt sind, tut mir weh. Zunehmend beschäftigt mich auch, dass viele Menschen in unserer Kirche entgegen unserer frohen und befreienden Botschaft müde, resigniert und ängstlich unterwegs sind. Auch das tut mir weh.  

      

Wie stehen Sie zum ehrenamtlichen Engagement in der Kirche?  

Ohne ehrenamtliche Tätigkeit würde weder die Kirche noch die Gesellschaft funktionieren. Es ist von unschätzbarem Wert, dass unzählige Menschen − Frauen, Männer und auch viele Jugendliche − ihre Zeit, ihre Ideen und ihre Kraft unentgeltlich für das Gemeinwohl zur Verfügung stellen. 

 

Wie gestaltet sich die Kooperation der RKZ mit der Schweizer Bischofskonferenz? 

In den Jahren 2015 und 2016 führten die Schweizer Bischofskonferenz und die RKZ intensive Verhandlungen zur Neuregelung ihrer Zusammenarbeit. Daraus resultierte eine Vereinbarung, die die heutige rechtliche Grundlage für die Verbindlichkeit und Transparenz in unserer Zusammenarbeit bildet. Die RKZ hat sich intensiv mit dem von der SBK eingeleiteten Prozess «Gemeinsam auf dem Weg zur Erneuerung der Kirche in der Schweiz» befasst. Die katholische Kirche braucht dringend konkrete Veränderungen. Diese dürfen nicht weiter hinausgeschoben werden, wenn wir vermeiden wollen, dass noch mehr Menschen sich enttäuscht und entsetzt von den Vorgängen in der Kirche abwenden. So hat die RKZ im letzten Dezember in einem offenen Brief an die SBK einmal mehr ihre Bereitschaft und ihre Erwartung erklärt und betont, im Sinne der gemeinsamen Verantwortung und des partnerschaftlichen Miteinanders diesen Weg der Erneuerung gemeinsam zu gestalten. Denn, so die Überzeugung der RKZ: Die Krise in unserer Kirche kann nur gemeinsam angegangen werden, wenn sie zum Ausgangspunkt für einen Weg der Erneuerung werden soll.  

 

Welche konstruktiven Massnahmen können die christlichen Kirchen ergreifen, um die Kirchenaustritte zu stoppen? 

Die Frage der Kirchenaustritte ist ein grosses Thema, das die Verantwortlichen auf allen Ebenen beschäftigt. Und niemand hat ein Patentrezept. Denn die Kirchenaustritte haben mehrere Ursachen. Gewiss spielen die gesellschaftliche Pluralisierung und Zersplitterung eine Rolle sowie die Tatsache, dass Religion und Spiritualität vermehrt als etwas Individuelles und Privates aufgefasst werden. Gegen diese Trends anzukämpfen macht wenig Sinn. Anpacken kann und muss die Kirche aber, was sie selbst beeinflussen kann, indem sie eine Sprache spricht und Formen findet, die die Menschen erreicht und Gemeinschaft erfahrbar macht, indem sie an ihrer Glaubwürdigkeit arbeitet und für Benachteiligte und Notleidende aller Art da ist und indem sie die dunklen Seiten ihrer Geschichte aufarbeitet, namentlich die sexuellen Missbräuche und ihre strukturellen Ursachen. Zentral ist, dass die Kirche ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnt.  

 

Wie gross ist das Jahres-Budget der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz? Welche schweizweiten Projekte unterstützen Sie momentan?  

 Für die Aufgaben auf nationaler Ebene steht der RKZ gut ein Prozent der Erträge aus Kirchensteuern und Beiträgen der öffentlichen Hand zur Verfügung. Jedes RKZ-Mitglied leistet einen Beitrag, der sich zur Hälfte nach der Anzahl der Katholikinnen und Katholiken berechnet, zur anderen Hälfte nach dem Solidaritätsprinzip, je nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit des Kantons und der kirchlichen Finanzkraft. Das Gesamtbudget beläuft sich auf etwas mehr als 13 Millionen Franken. Die grösste Budgetposition ist der Mitfinanzierungsbeitrag für gesamtschweizerische und sprachregionale Aufgaben der Kirche. Dieser Beitrag beträgt rund 8,8 Millionen Franken. Etwas mehr als 40 Institutionen und Projekte werden damit unterstützt.  

 

Was für ein Gottesbild leitet Ihr Engagement in Kirche und Welt? 

Gott ist für mich ein Du, ein Gegenüber. An Gott kann ich mich jederzeit wenden und weiss mich von diesem Du als Mensch angenommen und getragen, mit all meinen Ecken und Kanten. Gott steht zu mir, egal in welcher Situation ich mich befinde. Meine Beziehung zu Gott ist für mich ein grosses Geschenk und stärkt mich immer wieder von Neuem. Dieses Geschenk wünsche ich für viele andere.