Ein Glaubensimpuls von Robert Vorholt

Die Pfarrgemeinde, deren Seelsorger ich über viele Jahre des Weiterstudiums sein durfte, hatte einen festen Brauch zum Weihnachtsfest. Am Ende des Gottesdienstes am Heiligen Abend wurde die Kirche abgedunkelt, die Glocken begannen festlich zu läuten und die versammelte Gemeinde stimmte in spürbarer Ergriffenheit den Weihnachtsklassiker an: «Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar: Schlaf in himmlischer Ruh’, schlaf in himmlischer Ruh’.» – Natürlich kann man über Geschmacksfragen immer streiten. Umgekehrt haben Traditionen ihren Wert, den zu respektieren das Leben lehrt. Wann immer also Jahr für Jahr der Weihnachtsgottesdienst seinen feierlichen Abschluss fand, allein die Kerzen den Raum mit Licht erfüllten und jener Kindheitserinnerungen weckende Gesang erklang, ging für mich eine der stressigsten Zeiten des Jahres zu Ende. Vier Wochen Advent, das bedeutete in meiner Seelsorgearbeit eine gewisse Umtriebigkeit, die dem eigentlichen Charakter dieser besinnlichen Zeit eigentlich entgegensteht: mit Eile von Weihnachtsfeier zu Weihnachtsfeier, Rorate-Messe hier, Rorate-Messe dort, zuerst den Nikolaus begrüssen, danach ehrenamtliche Helferinnen und Helfer unterstützen, den Weihnachtsbasar im Pfarrheim aufzubauen, mit den Ministranten den Weihnachtsgottesdienst üben, zusammen mit dem Sakristan die Weihnachtskrippe entstauben und mit den Damen und Herren des Kirchenvorstandes die Weihnachtsbeleuchtung am Portal der Kirche installieren, den Weihnachtspfarrbrief redigieren, Geschenke für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter organisieren, an der Weihnachtspredigt feilen. Was für ein Marathon! Da war dieser Moment am Ende des Gottesdienstes wirklich ein friedvoller Augenblick: «Du hast es geschafft – jetzt ist Weihnachten!» Wie viele Hausfrauen und Hausmänner, die diesen Gottesdienst mitgefeiert haben, werden das so oder so ähnlich empfunden haben! Der Weihnachtsstress ist ein hausgemachter Stress, aber er ist real. Ihm zu entgehen, ist gewiss eine romantische Vorstellung. Erfolgversprechender scheint es hingegen zu sein, sich mit ihm zu arrangieren. Jesus selbst hat nicht gerade in stressfreier Umgebung das Licht der Welt erblickt. Das Weihnachtsevangelium nach Matthäus zeigt ihn als Flüchtlingskind in Not, das zusammen mitseinen Eltern das Land verlassen muss, um überleben zu können. Und Lukas schildert seine Geburt in einem Schafstall, draussen vor den Toren der Stadt. Nicht gerade eine stille Idylle! Weihnachten durchbricht nicht das Alltägliche, aber es heiligt Deinen Alltag. Du bist nicht allein – dort, wo sich Dein Leben abspielt. Denn Gott ist wirklich der «Immanuel» – der Gott an Deiner Seite. Das ist eine Zusage, mit der man leben kann. Nicht nur in den festlichen Momenten eines Lebens und auch nicht nur an Weihnachten. Aber mit Weihnachten im Rücken – und mehr noch im Herzen – kann man Ja sagen, zu allem, was das Leben bereithält und was die Zukunft bringt.

Robert Vorholt ist katholischer Priester und Theologieprofessor an der Universität Luzern.