Ein Glaubensimpuls von Robert Vorholt

Ich denke in diesen spätwinterlichen Tagen öfter als sonst an Mia. Vor vielen Jahren habe ich sie auf einer Israel-Reise kennengelernt. Sie sass im Flieger neben mir. Ich, junger Theologiestudent, sie, betagt, aber fit wie ein Turnschuh. Irgendwann nach dem Start erzählte sie mir von ihrem Glauben und ihrer Suche nach Gott. Ich fand das damals etwas eigenartig. In meiner westfälischen Heimat trägt man das Herz nicht unbedingt auf der Zunge. Und doch hat mich die tiefe Weise ihres Nachdenkens über den Glauben schwer beeindruckt. Es war der Beginn einer Freundschaft. Ein paar Monate später wurde ich zum Diakon geweiht. Der Bischof schickte mich für ein weiteres Jahr zur Ausbildung just in die Gemeinde, in der Mia wohnte. Zufall, wähnt ein aufgeklärter Geist. Mia würde das nicht akzeptieren. «Zufall gibt es nur beim Toilettendeckel», höre ich sie sagen. So begegneten wir uns also häufiger. Sie war Lektorin in der Gemeinde und ein ums andere Mal tauschten wir uns aus über die Texte der Heiligen Schrift.

Im Bibelkreis der Gemeinde, dessen Zusammenkünfte ich vorbereiten durfte, war sie Stammgast. Und meine ersten bibeltheologischen Vorträge verfolgte sie aus der ersten Reihe – alles andere als unkritisch. «Bibelwissenschaft ohne Glaube ist wie Kochen ohne Hitze», war eine ihrer Grundüberzeugungen. Eines Tages erzählte mir Mia ihr Leben. Ihre erste Liebe hatte sie früh verloren; der Lebenslauf ihrer Kinder gestaltete sich schwierig; eine neue Partnerschaft entwickelte sich zur grossen Enttäuschung. «Das Leben ist kein Zuckerschlecken», hat sie oft gesagt. Irgendwann Anfang März war ich mit der Predigt an der Reihe. Der zähe Winter hatte die Menschen mürbe gemacht. In den biblischen Texten ging es hingegen um die Sehnsucht nach Spuren des lebendigen Gottes in einer oft düsteren und anscheinend hoffnungslosen Welt. Ich liess meine Predigt ausklingen mit einer Strophe von Emanuel Geibel (1815–1884), die ich noch aus Schülertagen im Ohr hatte. Sein Gedicht heisst «Hoffnung». Diese wollte ich über den späten Winter hinaus beschwören:

Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher
Es muss doch Frühling werden.

Mia schrieb mir in der Woche danach einen Kartengruss. Sie meinte, es hätten die letzten Strophen des Gedichtes gefehlt:

Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein grosser Maientag
Der ganzen Welt beschieden.
Und wenn dir oft auch bangt und graut,
als sei die Höll’ auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muss doch Frühling werden.

Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen», schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Christinnen und Christen von Rom. Mia ist vorigen Herbst verstorben. Heute bin ich mir sicher: Sie wird Paulus zustimmen.

Robert Vorholt ist katholischer Priester und Theologieprofessor an der Universität Luzern.