Ohne ausländische Erntehelferinnen und Erntehelfer kann die Schweizer Landwirtschaft die Arbeit in der Erntesaison nicht mehr stemmen – auch das hat die Corona-Krise offenbart. Die «fleissigen Hände» arbeiten allerdings vielfach unter miserablen Arbeitsbedingungen. Die Schuld der Bauern ist das jedoch nicht.

von Christine Schnapp

Gross war der Aufschrei der hiesigen Bäuerinnen und Bauern Mitte März, als infolge der Corona-Pandemie die Grenzen der Schweiz geschlossen wurden. Wer denn jetzt die Spargeln stechen solle, wenn die ausländischen Erntehelferinnen und -helfer nicht einreisen dürften? Und später im Jahr die Erdbeeren pflücken, die Salate schneiden und die Kirschbäume schütteln? Der Anteil ausländischer Arbeitskräfte in der Landwirtschaft hat laut einer Studie von Agrisodu (Plattform für eine sozial nachhaltige Landwirtschaft) in den vergangenen 20 Jahren stetig zugenommen, während die im Agrarbereich tätigen Schweizerinnen und Schweizer kontinuierlich weniger wurden – bei gleichzeitiger Abnahme der Gesamtzahl der in der Schweizer Landwirtschaft beschäftigten Personen.

Plötzlich waren sie also wichtig diesen März und standen im Fokus – allerdings nur, weil sie nicht da waren. Wenn sie hier sind – viele von ihnen kommen seit Jahren während der Erntezeit in die Schweiz –, dann ist das Interesse klein für diese Menschen, die unter prekären Arbeitsverhältnissen dafür sorgen, dass unsere Supermärkte täglich gefüllt sind mit frischem inländischem Obst und Gemüse. Auch in der Werbung für diese Produkte sind sie unsichtbar. Wenn die Migros-Verkäuferin etwa die Tomaten mit dem Fahrrad direkt beim Bauern auf dem Feld abholt, sind die nicht im Bild, die die Tomaten pflücken und in die Kisten legen.

Danke, EU

Wer sind also diese unsichtbaren Begehrten, ohne die die Schweizer Landwirtschaft offenbar nicht mehr funktionieren könnte? Die Agronomin Silva Lieberherr und die Soziologin Sarah Schilliger bringen mit einer Studie über die Arbeitsbedingungen ausländischer Arbeitskräfte in der Schweizer Landwirtschaft erstmals umfassend Licht in diese wenig bekannte Arbeitswelt. Sie haben dafür mit Landarbeiterinnen und -arbeitern gesprochen und zudem das verfügbare Zahlenmaterial zum Thema zusammengetragen.

Von 34 000 extern angestellten Arbeitskräften in der Landwirtschaft sind nach offiziellen Zahlen knapp 18 000 Ausländerinnen und Ausländer. Dazu kommen laut den Studienautorinnen noch etwa 6000 Sans-Papiers, Asylsuchende, die noch nicht lange in der Schweiz sind – beide Gruppen erscheinen nicht in den Statistiken – sowie Saison- und Kurzaufenthalter, die im Januar, wenn jeweils diese Zahlen erhoben werden, noch nicht auf den Höfen beschäftigt waren. Es ist gemäss den Autorinnen also einfacher zu sagen, wie viele Kühe oder Legehennen es in der Schweizer Landwirtschaft gibt, als präzise anzugeben, wie gross die Zahl der in dieser Branche beschäftigten migrantischen Arbeitskräfte ist.

Die Mehrheit der ausländischen Erntehelferinnen und -helfer kommt aus Portugal sowie osteuropäischen Ländern wie Rumänien und Polen, viele von ihnen wohnen während ihres Aufenthalts in der Schweiz direkt am Arbeitsort oder in der Nähe davon. Viel Freizeit haben sie nicht. Die Arbeitstage dauern laut Sarah Schilliger von morgens sechs, sieben Uhr bis zum Eindunkeln. Pro Woche seien 55 bis 65 Arbeitsstunden die Normalität. Frei ist nur der Sonntag. Das sind wohl auch die Gründe, warum die Landarbeiter kaum mit der Bevölkerung in Kontakt kommen. So meinte Piotr aus Polen gegenüber einer der Autorinnen: «Um halb fünf stehe ich auf, die Arbeit geht mindestens bis halb sieben Uhr abends. Jeden Tag, ausser Sonntag. Neben Arbeiten, Essen und Schlafen bleibt fast keine Zeit. Nun bin ich die vierte Saison in der Schweiz. Du bist die erste Person ausserhalb des Hofs, die ich kennengelernt habe.» Und Mohamed aus Eritrea, der eine landwirtschaftliche Flüchtlingslehre absolviert, sagt: «Ich habe keine Zeit, um mich hier in der Schweiz zu integrieren. Weil ich ständig arbeite. Ich habe leider auch keine Schweizer Freunde. Und so lerne ich kaum die deutsche Sprache.» Die Flüchtlingslehre, die gerne als soziale Integrationsmöglichkeit verkauft wird, erfüllt dieses Ziel gemäss Lieberherr und Schilliger zumindest in der Landwirtschaft nicht.

Importierte Arbeitsbedingungen

Die Wochenarbeitszeit ist nicht für alle Erntehelfer gleich hoch. Da die Landwirtschaft, genauso wie die Hauswirtschaft, vom Arbeitsgesetz ausgeschlossen ist, gelten die kantonalen Normalarbeits-Verträge und damit grosse Unterschiede. Während im Kanton Genf die Maximalarbeitszeit pro Woche 45 Stunden beträgt, sind es in Glarus 66 Stunden. In den meisten Kantonen gibt es für die Erntehelfer keine bezahlten Ferientage, keinen 13. Monatslohn und oftmals keine Zuschläge für Sonntags- und Nachtarbeit.

Der unverbindliche Richtlohn für sogenannte Hilfskräfte, also befristete Angestellte oder Angestellte ohne Erfahrung (sic!), betrug 2018 3235 Franken brutto. Empfohlen wird dieser Richtlohn vom Bauernverband in Absprache mit der Arbeitsgemeinschaft der Berufsverbände landwirtschaftlicher Arbeiter. Ein Drittel des Lohnes wird in der Regel für Kost und Logis abgezogen, womit die Landarbeiterinnen und -arbeiter bei einem Stundenlohn von etwas weniger als 14 Franken landen, der laut den Autorinnen nochmals zu relativieren ist, weil viele Überstunden darin nicht eingerechnet seien.

Die Schweiz hat bei Lebensmitteln allgemein einen Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent, bei Kartoffeln im Speziellen sind es sogar 90 Prozent. Landwirtschaftliche Produkte aus der Schweiz sind bei den Konsumentinnen und Konsumenten beliebt. Die Arbeit, die darin stecke, könne man nicht auslagern und irgendwo weit weg von Menschen machen lassen, die viel weniger verdienen würden als Arbeitnehmende hierzulande, so Lieberherr. «Deshalb hat man eine Alternative zur Auslagerung gefunden: Man ‹importiert› die Leute, die eigentlich zu rumänischen Bedingungen arbeiten.»

Lieberherr und Schilliger halten in ihrer Studie klar fest, dass die Verantwortung für die prekären Arbeitsbedingungen der Erntehelferinnen nicht den Bauern in die Schuhe geschoben werden könne, die selbst unter grossem Druck stehen würden: «Auch sie arbeiten sehr viel und hart. Viele Bauern kommen nur knapp über die Runden, leiden unter dem Preisdruck, verschulden sich und haben Depressionen», so Lieberherr. Ihre Margen seien extrem eng: «Viele verdienen so wenig mit der Produktion, dass sie keine besseren Löhne zahlen können.»

Vorteil Detailhandel

Die hohen Margen für landwirtschaftliche Produkte des Detailhandels in der Schweiz (zwei bis sieben Mal höher als in Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien) seien Teil des strukturellen Problems der Schweizer Landwirtschaft. Mit 80 Prozent Marktanteil bei den Lebensmitteln hätten Coop und Migros eine grosse Macht, diese Margen festzulegen. Von einem Kilogramm Gala-Äpfeln, das beim Grossverteiler 3,70 Franken koste, erhalte der Bauer 1,05 Franken. Davon müssten die Arbeit, Pflanzgut, Dünger, Pflanzenschutzmittel und Maschinen abgezogen werden. Danach würden vier Rappen Gewinn für Gebäudekosten, Boden, Versicherung und Kapital bleiben. Dem Händler hingegen würden zwölf Rappen Gewinn bleiben, dem Detailhändler gar ein Franken. Oft seien Händler und Grossverteiler dasselbe Unternehmen, dann sei der Gewinn 1,12 Franken.

Das andere beträchtliche Strukturproblem der Schweizer Landwirtschaft, das für die teilweise tiefen Einkommen der Bäuerinnen und Bauern verantwortlich ist und damit für die tiefen Löhne, die diese wiederum ihren Angestellten zahlen können, ist gemäss Schätzungen von Agristat, der statistische Dienst des Schweizer Bauernverbandes, dass nur etwa die Hälfte der staatlichen Subventionen überhaupt bei den Bauern ankomme. Die andere Hälfte geht laut Lieberherr und Schilliger an Verarbeitung und Handel sowie in die der Landwirtschaft vorgelagerte Industrie, die Produktionsfaktoren wie Saatgut, Pestizide, Maschinen usw. verkaufe. Eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft habe kürzlich aufgezeigt, dass Dünger in der Schweiz 20 Prozent teurer sei als im umliegenden Ausland, Pestizide über 60 Prozent.

Wenn sich die Bedingungen für die ausländischen Erntehelferinnen und -helfer ändern sollen, braucht es laut den beiden Autorinnen gesetzliche Grundlagen und Gesamtarbeitsverträge. Sollen sich die Bedingungen für die gesamte Landwirtschaft verbessern, dann müsste der strukturelle Rahmen dafür geschaffen werden, dass Landwirtinnen und Landwirte von ihrer Arbeit leben können. Also weg mit den hohen Margen oder gar weg mit den Zwischenhändlern. Wenn die Produkte vom Hof direkt zu den Konsumentinnen und Konsumenten gelangen, bleibt den Bauern am meisten Geld.