Scham ist eine zentrale Emotion. Sie stand schon am Anfang des Menschseins. Als Eva und Adam vom Baum der Erkenntnis assen, stellten sie fest, dass sie nackt waren, und schämten sich. Heute sorgt das Streben nach Selbstoptimierung in den sozialen Medien für viel Scham. Und neu gibt es auch die Corona-Scham, wenn man mit allfälligen Infektionssymptomen unterwegs ist. Doch die Scham hat auch Gutes: Sie schützt den Menschen vor dem eigenen Ich. 

von Anton Ladner 

Der nordkoreanische Machthaber Kim Jongun entschuldigt sich an der Militärparade bei der Bevölkerung und spricht von tief empfundener Scham gegenüber dem Volk. Der US-Präsident klagt, dass es in den USA so weit gekommen sei, dass sich Schüler für «ihr Weiss-Sein» schämen müssten. Viele alte Menschen bekommen eine geringere Rente, als ihnen zusteht, weil sie sich schämen, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Und der unvergessliche Mani Matter sang vor Jahren: « I weis, das macht eim heiss, verschlat eim d’Stimm. Doch dünkt eim mängisch o s’syg nüt so schlimm. S’isch glych es Glück, o we mirs gar nid weiDass mir Hemmige hei Das zeigt: Scham ist in der Gesellschaft in verschiedensten Formen allgegenwärtig und wohl dominanter als Trauer, Angst oder Ärger. Deshalb sprechen die Psychologen bei Scham von einer zentralen Emotion. 

Wohl jede und jeder mag sich bestens an Schamerlebnisse in der Kindheit erinnern. Man schlug die Hände vors Gesicht, um unsichtbar zu werden. Oder man wäre am liebsten im Boden versunken, um die Situation nicht ertragen zu müssen. Im Rückblick handelte es sich oft um Kleinigkeiten, die in keinem Verhältnis zur empfundenen Scham standen. Aber das macht deutlich, wie tief Scham unter die Haut geht. Deshalb galt die Beschämung bis zur 68er-Bewegung als verbreitete Erziehungsmassnahme. Ungehorsame Schüler mussten in der Ecke stehen, erhielten vor der Klasse Tatzen oder mussten vor die Tür. Sie waren dabei immer der Belustigung und dem Spott der anderen ausgesetzt, was besonders beschämte. Aus heutiger Sicht erscheint ein solches Erziehungskonzept jenseits der Menschenwürde als beschämend für die Lehrer, die das angeordnet hatten.  

Bei Kindern ist die Scham ein Begleiter auf dem Weg zum Erwachsenwerden: Im Turnunterricht als Letzter in eine Mannschaft gewählt zu werden, an der Kletterstange nicht hoch zu kommen, nicht ähnlich gekleidet zu sein wie die anderen, das generiert anhaltende Scham. Dann, wenn die Hormone den Körper verändern. Zu viele Schamhaare, keine Schamhaare − wie auch immer es die Natur richtet, scheint es für die Betroffenen beschämend zu sein. Danach folgen die ersten sexuellen Erfahrungen begleitet mit der Scham, nicht den richtigen Körper zu haben und ihn falsch einzusetzen. Schamgefühle formen und prägen den Menschen. Deshalb misst die Psychologie der Scham eine grosse Bedeutung für die seelische und körperliche Entwicklung bei. Die Scham erweist sich nämlich als Schutz und Orientierung, um einigermassen heil durchs Leben zu kommen. Mit seiner Nacktheit hat man unter der Dusche mit der Mannschaft nach dem Fussballspiel oder als Besucher in der Sauna einen anderen Umgang, als wenn man nackt am Bahnhof stünde. Der Schampegel sorgt für den angemessenen Umgang, für den richtigen Platz in der Gesellschaft. 

Je sensibler der Schampegel eines Menschen reagiert, desto mehr wird er von anderen geschätzt. Denn die Scham wird von der Umgebung als prosoziales Verhalten positiv bewertet. Wer Scham zeigt, vermittelt seiner Umgebung die Sicherheit, sich an sozialen Leitplanken zu orientieren, und findet deshalb auch Unterstützung («Du brauchst dich doch nicht zu schämen, das ist völlig normal» usw.). Denn Scham hat viel damit zu tun, seinen Platz in der Gesellschaft zu halten. Es geht dabei um das Ansehen, um die Anerkennung, die nicht durch «falsches Verhalten» gefährdet werden sollen. Kommt es dennoch dazu, repariert gezeigte Scham den Schaden. 

Die sozialen Medien – vorab Facebook und Instagram – haben den Drang nach Selbstoptimierung erheblich beschleunigt. Das hat zu einer neuen Schamlosigkeit geführt. In der Überzeugung, dass es nicht genüge, wie man ist, «optimieren» sich junge Frauen und junge Männer in Selbstdarstellungen, die so viel von ihnen preisgeben, dass man fast Schamgefühle für sie generiert. Warum tun sich Menschen das an, Schamgrenzen permanent zu überschreiten? Die Technik erleichtert dies enorm, weil dabei ein Gegenüber aus Fleisch und Blut fehlt, die nonverbale Kommunikation wegfällt. Vor einem Smartphone entsteht keine Scham, beim Hochladen der Bilder auch nicht und die Betrachtung durch andere im Netz führt zu keinen richtigen Emotionen. Das erklärt, warum heute viele Männer Aufnahmen ihres Penis per Smartphone verschicken. Sie würden aber nie nackt an der der Haustür des Empfängers klingen.  

Schamlosigkeit wird durch Medienpräsenz «belohnt», wobei hämische Beachtung mit Zuneigung und Wertschätzung verwechselt wirdDiese Erfahrungen machen nicht nur Kandidatinnen und Kandidaten von sogenannten Reality-Shows auf Privatsendern. Da fehlt dann oft die Einsicht, welche Kostenfolge die Schamlosigkeit im Leben hat. Dabei ist die Scham eng mit der Erkenntnis verbunden. Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis assen, stellten sie fest, dass sie ja nackt waren, und griffen nach einem Feigenblatt. Der Sündenfall war die Entdeckung der Scham. Die Scham von Adam und Eva steht für die plötzliche Erkenntnis, nicht allwissend zu sein, Grenzen zu haben, das, was ist, nicht vollumfänglich verstehen zu können – eben Mensch in einem fantastischen Universum zu sein.  

Das Unwissen ist die Ursache einer ganz neuen Form von Scham: die Corona-Scham. Man unterdrückt im Konzertsaal den Hustenreiz, um nicht den Eindruck zu erwecken, man leide an einem Corona-Symptom. Wenn man an der Arbeit niessen muss, sieht man sich veranlasst zu erklären, es sei alles in Ordnung, man habe keine Corona-Symptome. Man schämt sich für ein Verhalten, das die unmittelbare Umgebung als gefährlich werten könnte. Diese Scham kommt aus dem prosozialen Antrieb auf, positiv dazugehören zu wollen, keine Gefahr für andere sein zu wollen. Man könnte das als Scham aus sozialer Verantwortung bezeichnen. Hier erweist sich die Scham als Kompass. Doch diesen Kompass abzuwerten, ihn wortstark zu torpedieren, ist seit einigen Jahren zum politischen Instrument geworden. US-Präsident Donald Trump machte dies in seiner bald vierjährigen Amtszeit zu seinem MarkenzeichenWas seine Vorgänger respektierten, die Erkenntnisse der Wissenschaft, die Urteile der Justiz, die Arbeit der Medien, attackiert er schamlos, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Beschämen, um zu entmachten, beschämen, um lächerlich zu machen. Das war schon das Programm von Bin Laden mit den Terroranschlägen am 9. September 2001 in den USA. Auf grausamste Art demütigte er die USA, die mächtigste Militärnation der Welt, dass sie nicht in der Lage waren, sich gegen ein Grüppchen irrer Verbrecher zu schützen. AlKaida beschämte die Nation und veränderte dadurch das Selbstbewusstsein eines Landes. 

 

UNSERE MONATSSERIE SCHAM – DEMNÄCHST IM HEFT:

Scham – die zentrale Emotion des Menschen
Körperscham – Angst vor der Blösse
Familienscham – ein Nazi-Verbrecher zum Vater
Kulturspezifische Scham – die Unterschiede